Wiener Festwochen: Coup Fatal

Juni 13, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Gigerln von Kinshasa

Serge Kakudji (M.) mit Russell Tshiebua und Bule Mpanya Foto: Chris Van der Burght

Serge Kakudji (M.) mit Russell Tshiebua und Bule Mpanya
Foto: Chris Van der Burght

Die Behauptung ist: Es gibt eine Story. Erst eine Miliz, alle in einheitlichen blauen Uniformhosen, singt ihr „Hauptmann“ noch vom Sieg. Ein Kamerad stirbt. Dann, als alle als Sapeurs auf der Bühne stehen, schält sich einer irgendwann aus dem Pelzmantel. Darunter ist er ein weißgewandeter „General“, der neue Führer – und ein Priester singt von verlorener Freiheit. Ja, es gibt Musik, Gesang und Tanz und viel, viel gute Laune. Ein Mitklatsch- und Umarmt-und-Gebussselt-werden-Theater, denn die beiden Sänger Russell Tshiebua und Bule Mpanya machen bei ihren Touren durch das Publikum keine Gefangenen. „Grüß Gott, wie geht’s?“, rufen die Darsteller im Chor in den Zuschauerraum, wo die Herzen schmelzen. Irgendwie glaubt man ja André Heller in den Kulissen. Afrika, Afrika! Doch die belgisch-kongolesisch-österreichische Koproduktion von Countertenor Serge Kakudji, Alain Platel, Fabrizio Cassol und Dirigent Rodriguez Vangama, die Uraufführung von „Coup Fatal“ (Todesstoß) am Burgtheater, ist politischer als es scheint. Und wird daher in der Demokratischen Republik Kongo, wo die Handlung spielt, nicht zur Aufführung kommen.

In Bühnenbildvorhängen aus Patronenhülsen, erdacht von Freddy Tsimba, inmitten blauer Plastikstühle (bei der Feier zum 50-jährigen Bestehen der DR Kongo hatte die Regierung den Zuschauern die Stühle zur Verfügung gestellt, die sie freudig als Geschenk von Präsident Kabila mitgenommen haben – ein Missverständnis) läuft die wohl gewagteste Versuchsanordnung der diesjährigen Festwochen ab: Traditionelle kongolesische Musik trifft auf Barockarien, beide gespielt auf Instrumenten von der E-Gitarre Vangamas bis zu Likembe und Balafon. „Naiv“ ist hier nichts. Die 14 Musiker agieren selbstironisch und führen einem europäischen Publikum sehr charmant dessen Erwartungshaltung vor. Doch das Sterben und die Gewalt im immer wieder von Bürgerkriegen gebeutelten Staat bleiben stets präsent.

Beeindruckend ist, mit welch kreativer Kraft die kongolesischen Musiker sich den Barock aneignen, ohne sich darin zu verlieren. Eine Wohltat zu mancherlei Weltmusiktralala. Die Hof- und Hahahochkultur mischt sich mit Gruppengesängen und Trommelklängen, als hätte sie nie etwas anderes getan. Die Wirkung ist stark.  Die Tänze sexy. Serge Kakudji kann nicht nur seine Stimme in lichte Höhen schrauben, sondern auch mit dem Popo shaken, dass Elvis neidisch würde. Und sage niemand, der’s nicht gesehen hat, hier würden Klischees des „schwarzen Mannes“ bedient! Kakudji wandelt sich vom Hauptmann zum Priester. Interpretiert Händel-Gluck-Vivaldi-Monteverdi … von „Che farò senza Euridice“ aus Christoph Willibald Glucks Oper „Orfeo ed Euridice“, in der Orpheus den Verlust seiner Liebsten beklagt, bis zur abschließenden Arie „Lascia ch’io pianga“ aus Georg Friedrich Händels „Rinaldo“ – Laß mich mein grausames Schicksal beweinen und seufzen um meine Freiheit. Die Nichtweltspitzenstimme macht er durch Ausstrahlung wett. Nur, dass er manchmal ein wenig über die Koloraturen schmiert, hätte ihm einer seiner Lehrer schon abgewöhnen können. Mit der (im Alter) zunehmenden Klarheit Händels wird auch Kakudji klarer. Dass es nach „Rinaldo“ trotz Standing Ovations keine Zugabe geben kann, ist logisch.

Ach, ja: die Sapeurs, die Société des Ambianceurs et des Personnes Élégantes (zu deutsch etwa Gesellschaft für Unterhalter und elegante Personen). Das sind junge Männer, meist aus den Armenvierteln Kinshasas, die auffällige als Couture getarnte Second-Hand-Klamotten à la Jim Carrey in „Die Maske“ tragen, sich einen eigenen Gang und die Religion Kitendi ausgedacht haben, um so seelisch über ihr zerrüttetes Umfeld zu turnen. Hier treffen sich die Pole Barock und Kongo: im Memento mori und im Carpe diem. Die barocken Klagelieder gelten plötzlich dem Elend einer Bevölkerung, deren Alltag Kriegsgräuel und Lebensfreude, Schmerz und Schönheit, Leid und Tanz ist. Und die schillernde Pracht der Musik findet sich in den kunterbunten Anzügen wieder.

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