Maria Happel und Michael Sturminger im Gespräch

Juni 10, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sommerspiele Perchtoldsdorf:

Das Käthchen von Heilbronn

Michael Sturminger, Anna Unterberger, Maria Happel, Nikolaus Barton Bild: Lalo Jodlbauer

Michael Sturminger, Anna Unterberger, Maria Happel, Nikolaus Barton
Bild: Lalo Jodlbauer

Die Sommerspiele Perchtoldsdorf stehen 2014 unter der neuen Intendanz von Schauspiel-, Musiktheater- und Filmregisseur Michael Sturminger. Mit dem „Käthchen von Heilbronn“ (ab 3. Juli), Heinrich von Kleists erfolgreichstem und geheimnisvollstem Stück, will Sturminger die Sommerspiele klar positionieren und bringt als Eröffnungspremiere einen großen Klassiker auf die Bühne. Regisseurin und Schauspielerin Maria Happel sucht mit ihrem jungen Ensemble in der Kulisse der Burg Perchtoldsdorf die Spuren des Stückes zu ergründen: Was ist Traum, was Wirklichkeit? Wo finden wir Wahrhaftigkeit? Und wem sollen wir folgen, dem Verstand oder dem Gefühl?

Der Inhalt: Der Heilbronner Waffenschmied Theobald Friedeborn klagt vor einem Femegericht den Grafen Wetter vom Strahl an, seine Tochter Käthchen durch Teufelskünste an sich gefesselt zu haben. Käthchen, vom ersten Anblick des Ritters wie gebannt, ist ihm überallhin gefolgt. Der Graf, von jeglichem Verdacht frei gesprochen, befiehlt dem Mädchen, zu seinem Vater zurückzukehren. Seine Zuneigung zu der schönen Bürgerstochter aus Heilbronn zeigt er nicht. Kurz darauf befreit der Graf die in einer einsamen Hütte festgehaltene Kunigunde von Thurneck aus einem Kidnapping-Versuch ihres früheren Verlobten und bringt sie auf sein Schloss. Der Graf glaubt, in ihr die Kaisertochter zu erkennen, die ihm in einem prophetischen Fiebertraum als Ehefrau angekündigt worden war. Käthchen, auf dem Weg ins Kloster, erfährt durch Zufall von einem Anschlag, den der Rheingraf, ein weiterer verflossener Liebhaber der Kunigunde, auf die Burg Thurneck und das mittlerweile verlobte Paar plant. Käthchen eilt zur Burg, um ihren geliebten Grafen zu warnen. Aus Angst vor den eigenen Gefühlen will der Graf sie davonjagen, aber der Angriff beginnt. In kurzer Zeit steht die Burg in Flammen. Kunigunde, die das seltsame Verhältnis ihres Verlobten zu dem jungen Mädchen misstrauisch beargwöhnt, schickt Käthchen mitten ins Feuer, um aus ihrem Zimmer ein wertvolles Futteral zu holen. Auf wundersame Weise von einem lichtumflossenen Engel gerettet, gelingt es Käthchen, samt Futteral aus dem einstürzenden Schloss zu entkommen. Von diesem Moment an sind die Gefühle des Grafen für das Mädchen nicht mehr zu unterdrücken. Unter dem Holunderbusch spricht Käthchen im Schlaf und bekennt dabei dem Grafen, dass auch sie einer geheimnisvollen Traumweissagung folgt, die nun  in Erfüllung geht. Und somit steht einem Happy End nichts  im Wege.

Es spielen Anna Unterberger (Käthchen), Nikolaus Barton (Graf Wetter vom Strahl), Wolfgang Hübsch (Der Kaiser),Veronika Glatzner (Kunigunde), Dirk Nocker, Maria Happel, Cornelia Köndgen, Michael Masula, Helmut Bohatsch, Alexander Tschernek, Helene Stupnicki, Sebastian Edtbauer, Thomas Kahry, Aaron Friesz, Paula Nocker (Eleonore/Köhlerbub), Annemarie Nocker (Cherub).

Michael Sturminger und Maria Happel im Gespräch:

MM: Herr Sturminger, warum wollten Sie Intendant der Sommerspiele Perchtoldsdorf werden? Ihnen ist doch auch ohne diese Aufgabe nicht fad.

Michael Sturminger: (Er lacht.) Das ist eine sehr gute Frage – im Augenblick. Ich finde gerade heraus, wie sehr meine Hauptarbeit ist, Geld aufzustellen, und wie schwer das ist. Aber ich wollt’s gerne werden, weil ich wissen wollte, ob ich so eine „kleine, überschaubare“ Aufgabe auf diesem Sektor bewältigen kann. Und merke jetzt, dass sie weniger klein und überschaubar ist, als angenommen. Gleichzeitig ist es ein fantastische Möglichkeit, weil ich kann mir das „Käthchen von Heilbronn“ und Maria Happel als Regisseurin wünschen. Was ist das für ein Privileg!

MM: Warum haben Sie sich für Kleists „Käthchen“ entschieden?

Sturminger: Nicht zuletzt wegen der schönen Burg, die das Zentrum der Sommerspiele bilden soll. In Perchtoldsdorf gab’s eine große Tradition für Klassiker und ich dachte mir, wenn wir schon neu beginnen, dann legen wir den Fokus auf die Klassiker, die ich liebe. Kleist stand an oberster Stelle, weil seine Stücke zu den interessantesten gehören, die ich an Theatertexten kenne. Ich glaube, dass das „Käthchen“ für uns ein gefundenes Fressen ist, denn Kleist traut sich alles, der scheut gar nichts. Das kann man an seinem Werkkatalog sehen. Wenn er schreibt, ist alles möglich – und wir leben in so wahnsinnig ängstlichen Zeiten, wo alles abgewogen und reproduziert wird, was das letzte Mal erfolgreich war; man will sich hauptsächlich versichern. Käthchen folgt einem Traum, einem inneren Auftrag, einer Berufung, keiner Marktanalyse. Um eine Intendanz zu beginnen, muss man wohl auch ein wenig so sein. Ich folge auch meiner inneren Stimme. Und jetzt gebe ich das Wort weiter an Maria.

MM: Gut. Ich will nur wissen, ob die Burg brennen wird.

Maria Happel: Das ist auch die Frage, die mich momentan am meisten beschäftigt. Ich will die Burg brennen sehen. Die Jungs, die jetzt dabei sind, die Bühne zu bauen, haben schon die eine oder andere Idee.

MM: Die ernsthafte Frage, die ich stellen wollte, war: Was hat Sie bewogen, die Inszenierung zu übernehmen?

Happel: Es ist schon auch eines meines Lieblingsstücke. Ich habe mich in den vergangenen Jahren über den „Zerbrochenen Krug“ mehr mit Kleist beschäftigt und diese Sprache ist eine der vollkommensten, eine, die einem Schauspieler wahnsinnig viel Futter bietet. Also macht es Spaß, da einzusteigen, auf die Suche zu gehen, Türen zu öffnen. Bei Kleist ist Sprache wie ein teures Parfum, das bei jedem Darsteller ein wenig anders duftet. Das macht die Schauspieler gerade sehr glücklich. Ein Traum. Der unter einem Hollunderbaum stattfindet.

MM: Wie bitte?

Happel: Ja, man war damals der Auffassung, dass Hollunderblüten Halluzinationen hervorrufen. Was vieles an der Handlung erklären würde. Kleist hat sich mit allerlei beschäftigt, zum Beispiel mit dem Zusammenwirken der linken und rechten Gehirnhälfte, die eine, die emotionale wird nicht mehr aktiv benutzt, sagen Forscher heute. Würden wir das tun, würden wir andere Dinge wahrnehmen. Den Cherub etwa. Das Theater als magischer Ort macht das alles möglich. In der großen Weltliteratur eben sind mehr Dinge verankert, als unsere Schulweisheit sich träumen lässt. Käthchen kämpft mit der Pubertät, läuft einem Ideal, einem Idol hinterher. Heute wäre das vielleicht Justin Bieber. Graf Wetter von Strahl hatte eine „seltsame Schwermut“, heute würde man vielleicht sagen eine manische Depression – alles Dinge, die mit dem Verborgenen im Gehirn zusammenhängen.

MM: Nikolaus Barton spielt den Graf, Anna Unterberger das Käthchen. Wie sind Sie auf die beiden gekommen?

Sturminger: DerNick kommt aus einer Wiener Theaterdynastie und hat uns gleich beim ersten Vorsprechen überzeugt. Anna ist eine Südtirolerin, die gerade eine große Kinokarriere startet. Sie hat die Klarheit und Fähigkeit hochintelligent „naiv“ zu sein.

Happel: Sie ist klar, pur, unverstellt. Käthchen hat ein Ziel, eine Sehnsucht nach dem Gegenüber, das einem fehlt. Das verkörpert sie ganz wunderbar.

MM: Ich freue mich schon sehr auf Veronika Glatzner als Kunigunde. Primär, weil ich sie als Schauspielerin schätze. Aber wie wird das werden? Frankensteins Tochter? Kleist gibt vor: die Zähne aus München, die Haare aus Frankreich, das Korsett, das sie aufrecht hält aus Ungarn …

Happel: Ja, heute wären vielleicht die Zähne aus Ungarn (sie lacht). Wir denken gerade in verschiedenste Richtungen. Von Lady Gaga bis zur schönheitsoperierten Cher. Darauf würde ich’s aber nicht beschränken. Kunigunde hat viel mehr mit Kleist selbst zu tun, der auch da ein Suchender war. Es ist sicher ein Geschlechterproblem, es hat mit dem Unterleib zu tun, denn ursprünglich wollte Kleist Kunigunde als Nixe. Auch etwas Unerreichbares. Sie setzt sich aus allen drei Reichen der Natur zusammen: Pflanze, Mensch, Wasser. Aber sie ist sicher nicht Frankensteins Tochter. An dieser Figur arbeiten wir noch sehr.

MM: Ist es zu weit hergeholt, wenn ich sage, da hat sich Kleist an seinem Frauenbild abgearbeitet?

Happel: Ich glaube, er hat sich an sich selber abgearbeitet.

Sturminger: An diesem Nirgends-ganz-Dazugehören.

Happel: An diesem Sich-verstellen-müssen, nicht der Norm zu entsprechen.

Sturminger: Käthchen ist das Bild, das wir uns erträumen, Kunigunde ist, was wir wirklich sind. Kunigunde scheitert, weil sie sich verbiegt, Käthchen kann nicht scheitern, weil sie nichts will, außer ihrer Bestimmung zu folgen.

Happel: Kunigunde ist eine Kunstfigur. Sie ist Vernunft, Käthchen das Gefühl.

MM: Aber ein bisschen leid tut mir der Graf schon zwischen diesen beiden irren Weibern.

Happel: Ja, und die Mutter nicht zu vergessen. Da ist die Schwermut kein Wunder.

MM: Apropos, Mutter: Dirk Nocker spielt mit und Ihre beiden Töchter Paula und Annemarie. In einer „Zirkusfamilie“ muss wohl jeder einmal rauf aufs Trapez?

Happel: So früh wie möglich. Paula ist 17 und hat schon einiges an Film- und Fernseherfahrung. Annemarie ist 12. Mein Mann und ich sagen, sie sollen den Beruf mit allen positiven und negativen Seiten kennen lernen. Am liebsten wäre mir, sie würden auch Karten abreißen. Wer weiß, vielleicht machen sie dann ganz was anderes, vielleicht fangen sie Feuer, aber sie wissen, was auf sie zukommt. Paula beispielsweise interessiert sich im Moment sehr für Psychologie. Aber jetzt ist es mal toll für uns, dass wir im Sommer als Familie auf der Bühne Zeit miteinander verbringen.

Sturminger: Und das mit dem Familienunternehmen geht noch viel weiter: Mein Sohn Paul baut am Bühnenbild mit, meine Frau Renate und meine Tochter Marie machen die Kostüme. Meine Kinder werden sehr streng abgeklopft, aber sie müssen auf den Weg. Sie müssen zeigen, was sie können, da kann man als Eltern nicht helfen, egal ob Schauspieler, Bühnen- oder Kostümbildern.

MM: Sie haben beide schon Sommertheater/Freilufttheater gemacht. Flirrt da die Luft anders?

Sturminger: Im Freien gibt’s immer das große Zittern, ob überhaupt gespielt wird. Das ist grauenvoll und großartig. In Perchtoldsdorf haben wir ja einen schönen unterirdischen Theatersaal. Da sitzen wir also in jedem Fall auf dem Trockenen.

Happel: Die Zuschauer kommen zu uns freiwillig, die haben ja kein Abo geerbt. Natürlich nehmen’s viele als Ausflug, waren vorher schön essen, genießen die schöne Region. Aber die Konstellation auf der Bühne ist das Wichtige, das hat man das ganze Jahr über an keinem Theater: Kräfte aus jedem Haus. Das genießt das Publikum – und die Kollegen, die einander bei solchen Gelegenheiten oft erst kennen lernen. Das macht es aus, glaube ich.

Sturminger: Man kann im Sommer den Leuten nichts Schlechteres vorsetzen als im Rest des Jahres. Natürlich gibt es Vieles in verschiedenster Qualität. Wir wollen auf einer Linie sein mit Reichenau, Salzburg und Bregenz. Wir wollen bestmöglichstes Theater machen. Und wir behaupten, wir können das, weil’s uns nur unter der Prämisse, erstklassig zu sein, Freude macht.

MM: Apropos, Bregenz: Auch da haben Sie Pläne.

Sturminger: Ich mache „Geschichten aus dem Wiener Wald“ als Oper, eine Uraufführung HK Gruber, Libretto von mir und ich weine bei jedem Horváth-Satz, der aus Zeit- oder anderen Gründen nicht bleiben kann. Premiere ist am 23. Juli. Angelika Kirchschlager singt die Valerie, Anja Silja die Großmutter … Kommt im Frühjahr ans Theater an der Wien.

MM: Und nun die unvermeidliche John-Malkovichs-Frage. „The Giacomo Variations“ – der Film ist fertig. Mit Malkovich als Casanova.

Sturminger: Kommt im Herbst bei einem internationalen Festival heraus. Und so wie’s ausschaut, gibt’s einen großen Kinostart im Dezember inWien. Es ist ein großes Gemisch von Genres, ein Pseusodokumentarfilm über eine Opernaufführung, die zugleich ein historischer Spielfilm ist. Das geht immer mehr ineinander über. Es spielen Veronica Ferres, Fanny Ardant, Jonas Kaufmann, Anna Prochaska und und und

MM: Ich habe John Malkovichs zwei Mal bei Pressekonferenzen erlebt, da war er eher grummelig. Aber Sie scheinen sein Herz erobert zu haben.

Sturminger: Johnny ist der netteste Mensch der Welt – außer zu Journalisten. Er mag zwei Dinge nicht: Immer die gleichen Fragen gestellt zu bekommen – „Und wie haben Sie sich als Serienkiller gefühlt, hat das mit Ihnen persönlich zu tun?“ Und er antwortet: „Yes, I want to kill you.“ – und wenn man ihm Fragen stellt, die seine Antwort implizieren. Beides machen Journalisten leider oft – und habe ihn auf Pressekonferenzen rund um die Welt begleitet. Da kann man schon einmal grummelig sein. Im Ensemble ist er ein Übervater, bringt der Maskenbildnerin Erkältungstee, scherzt mit Hotelangestellten, spürt, wenn’s jemandem nicht gut geht, kümmert sich. Johnny ist ein ganz Lieber und Liebenswerter.

TIPP: Matinée/Stückeinführung, Sonntag 22. 6.,  11 Uhr, Burg Perchtoldsdorf. Eintritt frei!
Das Sommerspiele Team um Maria Happel und Michael Sturminger lädt am 22. Juni,  11 Uhr, zur Matinée und Stückeinführung mit Musik, Lesung und Diskussion zum „Käthchen von Heilbronn“ auf die Burg Perchtoldsdorf ein. Mit dabei: Dramaturgin Angelika Messner und u. a. die SchauspielerInnen Anna Unterberger, Nikolaus Barton, Dirk Nocker und Wolfgang Hübsch.

www.sommerspiele-perchtoldsdorf.at