Schlüterwerke: Tramp’s Albtraum

Juni 5, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Hommage an die Friedensutopisten

vor dem Ersten Weltkrieg

bfi-00n-ac1Die Neue Produktion der „Schlüterwerke“ steht vor der Tür und gedenkt dem Jahr 1914 auf seine Weise … Markus Kupferblum zeigt ab 19. Juni „Tramp’s Albtraum“ im Café Korb. Das Jubiläumsjahr 1914 hat das Ensemble der Schlüterwerke dazu angeregt, sich mit den Friedensutopisten zu beschäftigen, die bereits ab der Revolution 1848 vor den Nationalisten gewarnt haben. Dabei wird die Frage erörtert, warum niemand auf diese Warnungen reagiert hat und trotzdem der bislang grausamste Krieg aller Zeiten losgebrochen ist.

Bereits 1849 hat Victor Hugo vor der Assemblée Nationale in Paris eine rede gehalten, ber der er sagte: „Wir haben die Möglichkeit, den Nationalisten zu folgen, was mit Sicherheit zu einem Krieg führt, oder wir machen ein Europa ohne Grenzen, bei dem wir wirtschaftlich, politisch und militärisch zusammenarbeiten…“ 1855 schrieb Franz Grillparzer „Die Menschheit geht den Weg vom Humanismus zum Nationalismus und vom Nationalismus zum Bestialismus“. 1889 veröffentlichte Bertha von Suttner das Buch „Die Waffen nieder“, in dem sie den Krieg aus der Sicht einer Ehefrau beschrieb. Es wurde in 12 Sprachen übersetzt und war das Standard Werk der Friedensbewegung. 1899 fand die 1. Haager Friedenskonferenz statt, bei der Bertha von Suttner beteiligt war. 1906 erhielt die den Friedensnobelpreis. 1908 schrieb Jules Romain, der dann später mitten im ersten Weltkrieg eine wunderschöne Elegie an Europa schrieb: „Jeder Krieg innerhalb Europas ist in Wirklichkeit ein Bürgerkrieg.“ Karl Kraus widersetzte sich der allgemeinen Kriegseuphorie, die auch weite Kreise des intellektuellen Großbürgertums der Monarchie erfasste – ebenfalls vergeblich. Am 31. Juli 1914 wurde Jean Jaurès ermordet, der als französischer Arbeiterführer noch bis zum letzten Moment eine hektische Reisediplomatie absolvierte, um im Falle eines Krieges einen europaweiten Generalstreik zu initiieren. Er sagte: „Es ist denkunmöglich, dass sich ein Zug in Bewegung setzt, der einen Soldaten oder eine Waffe an Bord hat, denn es werden die Arbeiter selbst sein, die an der Front sterben.“ Im Herbst 1914 hätte in Wien der Weltfriedenskongreß stattfinden sollen.

Aber auch die kulturellen und künstlerischen Strömungen vor dem Ersten Weltkrieg stehen im Mittelpunkt dieser Produktion. Ein Jahr nach Schönbergs „Pierrot Lunaire“ hat der Rechtsanwalt und Komponist Max Kowalski 1913 teilweise andere Gedichte als Schönberg aus dem Lyrikband von Albert Giraud vertont. Die Musik ist wunderbar und so gut wie unbekannt. Die Schlüterwerke werden in dieser Produktion drei Lieder aus diesem Zyklus vorstellen. Im Herbst werden wir dann alle 12 von Max Kowalski vertonten Gedichte mit Ingala Fortange und Therese Cafasso professionell aufnehmen. Im Jahr 1914 hat Charlie Chaplin seine Figur „Tramp“ entwickelt, die einen Menschen darstellt, der verletzlich und draufgängerisch zugleich versucht, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Er wurde zur Symbolfigur der Menschen, die ihrer Zeit hilflos ausgeliefert waren. Er bietet den Rahmen für diese Hommage an einen verfehlten Frieden.

Wie immer gilt  das „Schlüterprinzip“: Die Produktion darf nichts kosten, der Raum wird gratis zur Verfügung gestellt, die KünstlerInnen teilen sich zu gleichen Teilen das Geld, das bei der Abendkasse eingenommen wird. Die ZuschauerInnen zahlen, soviel sie sich leisten können.

Mit Ingala Fortange, Andrea Köhler, Julia Schranz,  Therese Cafasso, Béla Bufe und Florian Hackspiel. Regie: Markus Kupferblum.

www.kupferblum.com

5. 6. 2014