Schubert und ich

Mai 28, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Nicht Melancholie, sondern Wehmut

Heinz Rögl und Marino Formenti Bild: Prisma-Film

Heinz Rögl und Marino Formenti
Bild: Prisma-Film

Ein Mann pirscht durch Wien, spricht Menschen an. Was ihn unverdächtig macht, „Briefmarkensammlungen“ oder ähnliches herzeigen zu wollen, ist die Tatsache, dass ihn Regissseur Bruno Moll und sein Filmteam begleiten. Marino Formenti ist auf einer Mission: Er will Franz Schubert, Urvater des Wiener Kunstliedes, wieder zu den Leuten bringen. Am 30. Mai hat in den österreichischen Kinos eine der schönsten Liebeserklärungen des Filmjahres Premiere: Die Dokumentation „Schubert und ich“. Mit fünf musikalischen Laien, Wiener und Wienerinnen unterschiedlichster Herkunft, studierte Formenti in privatem, intimem Rahmen verschiedene Lieder von Franz Schubert ein. Denn er ist überzeugt: Schubert gehört nicht in die Konzerthäuser dieser Welt.

Zumindest nicht nur.

Er will „das Frischere, Frechere, Freiere, Ungehobelte, Laienhafte, Unfertige, mit einem Wort – nicht das, was Schubert mit uns macht, sondern das, was wir mit ihm machen.“ Er hatte das Gefühl, sagt Formenti, klassische Musik sei schon so abgehoben, wie das goldene Johann-Strauss-Denkmal im Stadtpark, „dabei ist es meist prall, aus dem Leben rausgespuckt. Ein Dialog von dir zu mir. Wir haben die Musik erfunden, um miteinander zu kommunizieren. „Professionalität“ war bei diesem Projekt nichts, Gefühl alles. Es ist erstaunlich, manchmal beängstigend auf welche Seelenreise sich Johann Hauf, Vedran Nedelkovski, Heinz Rögl, Ahmed Yousif und Julia Zdarsky begeben. Formenti ist sich der Verantwortung für seine Protagonisten bewusst. „Ohne Verantwortung keine Kunst.“ Die Beziehung zu ihnen besteht, lange nachdem der Film schon abgedreht ist.

Gegensätze, die sich anziehen, sagt er, habe er gesucht. Und gefunden. Zu viel Ehrgeiz  abgewürgt, weil „zu viel Schönheit verdammt gefährlich ist“, Vedran Nedelkovski die Rauheit gelehrt, von Heinz Rögl gelernt, dass bei Schubert Wehmut herrscht, nicht Melancholie,, die „Pack‘ ma’s an“-Mentalität von  Johann Hauf geliebt, diesem Unpathetischen mit der Anti-Schubertbild-Qualität. und die „supersensiblen“ Streitgespräche mit Julia Zdarsky, die „Lebensmut“ nur in der Badewanne singt, dafür das Projekt in ihre eigene Kunst einfließen lässt. Und, dass er Ahmed Yousif eine neue Welt eröffnen konnte. „Sie alle waren ein Wechselspiel an Vielfalt“, sagt Formenti. Und: „Wir alle haben einen Schubertteil in uns. Der Film ist also keine extreme Show“.

Ein Glück. Besser gesagt: Bruno Molls Fingerspitzengefühl. Denn der Film Film fokussiert auch Formentis Begegnungen mit den Protagonisten  in ihrem Alltag und gewährt Einblicke in ihre Lebensgeschichten. Das kann weit gehen. Aber nie zu weit. Das kann weh tun. Aber nie zu weh. Schuberts „kleine Dramen“ wiederholen sich im Leben. Ein Schrei kann manchmal die Befreiung sein. Oder die Stille. Das glatte Geknödel – als ob sie einen heißen Kloß im Mund drehten – fehlt hier gänzlich. Ein filmisches Meisterwerk mit Herz und Hirn und Humor.
Formenti, langjähriges Mitglied des Klangforums Wien, hat wiederholt mit grenzüberschreitenden Musikprojekten für Aufsehen gesorgt. Beim steirischen herbst und „Nowhere“ lebte, schlief und aß er tagelang in einem Glaskubus. Und spielte darin natürlich Klavier. Für dieses Jahr plant er Konzerte für nur jeweils einen Zuhörer. Mit dem er auch plaudert, Tee trinkt … Doch davor spielt er sich beim New York Philharmonic Festival durch das Labyrinth von Liszt. Und tritt mit Intendant und Pianist Markus Hinterhäuser bei den Wiener Festwochen auf. Bei der Hommage an Galina Ustwolskaja. www.festwochen.at/programmdetails/hommage-an-galina-ustwolskaja/

www.marinoformenti.com
www.schubertundich.at

28. 5. 2014