Nächster Halt: Fruitvale Station

Mai 23, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Geschichte, die nicht wahr sein dürfte

Michael B. Jordan Bild: © Filmladen Filmverleih

Michael B. Jordan
Bild: © Filmladen Filmverleih

„Nächster Halt: Fruitvale Station“ erzählt die wahre Geschichte des jungen Afroamerikaners Oscar Grant. Weiße Polizisten erschießen ihn am Silvesterabend 2008 in San Francisco.

Ratlos steht die weiße Frau im Supermarkt. Sie will eine Fischpfanne zubereiten, weiß aber nicht, was sie kaufen soll. Da holt der schwarze Verkäufer Oscar sein Handy heraus, ruft die Oma  an und reicht das Handy an die verblüffte Kundin weiter, die nun Tipps von der erfahrenen Köchin bekommt. Ein Multikulti-Traum möchte man meinen. Doch Oscar ist eigentlich gar kein Verkäufer mehr. Er hat zwar  im Supermarkt gejobbt, sein Chef hat ihn jedoch wegen Unpünktlichkeit gefeuert. Am Ende des Tages wird er mit einer Kugel in der Brust auf dem Bahnsteig einer U-Bahn-Haltestelle in San Francisco liegen und an seiner Verletzung sterben. Am Abend des 31. Dezember 2008, noch nicht einmal zwei Monate nach dem Sieg von Barack Obama, wurde der 22-Jährige von weißen Polizisten aus der U-Bahn Richtung San Francisco Innenstadt gezogen. Die Stimmung war aufgeheizt, nicht nur weil Silvester war, sondern auch es zuvor eine Rangelei mit anderen Fahrgästen gab. Da fiel der Schuss. Er habe seinen Taser ziehen wollen und dabei aus Versehen seine Pistole gegriffen, sagte der Polizist später vor Gericht. „Nichtvorsätzlicher Totschlag“ lautete das Urteil.

Der Fall empörte die Menschen weit über Kalifornien hinaus. Es kam zu Demonstrationen und Mahnwachen. Nicht nur wegen der Tat und der zweifelhaften Entscheidung des Gerichts, sondern auch wegen der Handyaufnahmen (sie sind fixer Bestandteil des Films), die es von der Situation in der Fruitvale Station gibt. Grant war kein Gewalttäter, nur ein Mann, der einen miesen Tag hatte. Hätte man einen Weißen auch erschossen? Oder ihm gut zugeredet? Daraus zieht auch der Kinofilm seine Spannung. Regiedebütant Ryan Coogler, der mit diesem Film bereits mehr als 30 Preise gewonnen hat, will das Ende, das bereits bekannt ist, zugänglicher machen. „Je nachdem, auf welcher Seite die Menschen politisch standen, wurde Oscar wahlweise als Heiliger bezeichnet, der in seinem Leben noch nie etwas falsch gemacht hatte, oder als Monster, das in jener Nacht bekommen hat, was es verdient hat“, beschreibt Ryan Coogler die Reaktionen auf das Gerichtsverfahren im Interview. (Grant saß zwei Mal wegen Drogendealens im Gefängnis.) Er habe ihn in seiner Menschlichkeit zeigen wollen, habe zeigen wollen, was er seiner Familie und seinen Freunden bedeutet habe, sagt Coogler.

Das ist einerseits gelungen. Dass Oscar von Michael B. Jordan gespielt wird, nimmt der Figur allerdings einiges an Ambivalenz: Der Serienstar hat so freundliche Augen, dass man sich einfach auf seine Seite zu schlagen muss. Noch dazu hat Coogler die gleiche Hautfarbe und das gleiche Alter wie Crant, als er erschossen wurde. Unparteiisch ist der Film, den Oscar-Preisträger Forest Whitaker produzierte, sicher nicht. Aber nicht unversöhnlich. Es wird nach der nächsten Generation eine nächste geben. Eine muss irgendwann aufhören in Schwarzweiß zu denken …

www.fruitvalefilm.com

23. 5. 2014