Wiener Festwochen: Titkaink/Unsere Geheimnisse

Mai 20, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Volksmusik und Pädophilie

István (Zoltán Friedenthal) und Stieftochter Timike (Éva Enyedi) Bild: Zsolt Puskel

István (Zoltán Friedenthal) und Stieftochter Timike (Éva Enyedi) Bild: Zsolt Puskel

Wer immer die Idee hatte, die Produktion „für Zuschauer ab 16 Jahren“ freizugeben, weil Kindesmissbrauch zu sehen sein wird, dem sollte man nicht die Ehre antun, mit einem Ui! zu reagieren. Von den meisten KritikerkollegInnen wurde dieser Aspekt sowieso als Nebendingsbums abgetan – und auch Autor und Regisseur Béla Pintér braucht ihn nur als Katalysator.

Da gibt es also István Balla Bán (Zoltán Friedenthal), im ungarischen Kommunismus höchst angesehener Volksmusikkomponist, der wie ein Krokodil durch den flachen Plattensee robben muss, weil er einen Steifen kriegt, wenn er seine siebenjährige Stieftochter im Badetrikot sieht. Pintér findet jede nur mögliche Ausrede für den Pädophilen, der Täter ist sein Opfer, der Arme, kann ja nicht anders, ist in höchster Not, ach, diese Lolitas. Timike (Éva Enyedi) wird aber weniger kindliche Lazivität angedichtet, als eine Art Stockholm-Syndrom. Sie will dem Stiefpapa halt eine Freude machen, wenn „sein Zwerg zum Riesen wird“ und ihr dann noch ins Gesicht spuckt. Lustig, lustig, tralalalala … Die Ehefrau hält ihren Mann für impotent, macht sich Sorgen, konsoldiert Ärzte, freut sich, als der mit entsprechendem Ergebnis von der Tochter träumt, über eine mögliche Chance, aber plumps fällt der Vati um. Die Mutti will er ja nicht. Dafür mixt er später dem Sohn eines Freundespaares etwas Einschläferndes in den Apfelsaft und zieht ihm die Hose runter. Wie gesagt: Für Béla Pintér ist das die Neben-neben-neben-Handlung.

Denn István besucht immerhin eine Psychiaterin. Doch die wird abgehört. Und nun hat ihn der kommunistische Parteiapparat in den Klauen. Nachdem ihm der Kossuth-Preis verliehen worden ist (und ihm der zuständige Funktionär schwule Avancen macht; an dieser Stelle: Wer hat jemals von einem Fall gehört, in dem Schwule pädophil waren? Welche unheilvollen Vorurteile werden da wieder vermischt?), rückt man raus mit der Wahrheit. Er soll das Paar bespitzeln, dessen Sohn er noch missbrauchen wird. Er, Imre (Béla Pintér), schreibt für das oppositionelle Blatt „Eiserner Vorhang“, sie, Bea (Zsófia Szamosi) ist die lupenreinste Kommunistin jenseits der Erzsébet híd. Imre landet im Zuchthaus, István sticht sich den Schwanz ab. Einen Preis hat er noch gestiftet: Den bekommt Imres Sohn, den die Begegnungen mit István immerhin zum Volksmusikliebhaber gemacht haben (er gibt der Stiefgeliebten des Vaters, also Bea, nicht einmal die Hand, sagt nur: „Mein Vater wäre heute 61 …“) Und: Da Timike Vorsitzende der Stiftung ist, wird man ihr die Gelder streichen.

Das erfährt man in einem zynischen kurzen Epilog: Die Situation in Ungarn heute ist unter Premier Viktor Orbán nicht viel besser geworden ist. Die Spitzel und Opportunisten von einst sind wieder an der Macht, die Unterdrückung hat nur andere Formen angenommen. Bitterböse ist das Fazit dieses Stücks, das meist in einem Tanzhaus spielt, und gespielt wird, wie von einer Laientruppe aus der hintersten Provinz. Von der Pußta will ich träumen, wenn der Cardaz klingt. Ungarland, Ungarland, Ich hab‘ dir meine Herz verschrieben. Ich bin dein, Donaustrand … Ope-rette sich, wer kann.

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Wien, 20. 5. 2014