Scala: Orlando

Mai 19, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Spiel mit den Geschlechtern

Bild; © Bettina Frenzel

Bild: © Bettina Frenzel

Ob Virginia Woolf ahnt, wie aktuell ihr Roman „Orlando“ dieser Tage ist? Ihre Hinterfragung der Rollen von Mann und Frau durch – zack – Wechsel des Geschlechts? Es ist jedenfalls ein gewagtes Unterfangen, das Werk auf die Bühne zu heben, hat man doch die wunderbar androgyne Tilda Swinton in Sally Potters Film mit Cross-Dresser Quentin Crisp als Königin Elizabeth I. in Erinnerung. Nun, wenn sich wer nicht fürchtet, so ist es das Theater zum Fürchten. Wo derzeit in der Scala Woolfs wohl persönlichstes Werk als Bühnenadaption zu sehen ist. Die Schein-Biografie ist eine Liebeserklärung an ihre Freundin Vita Sackville-West und zeigt die große englische Autorin von ihrer spielerischen Seite. Sprachlicher Übermut und Stilsicherheit halten sich unübertroffen die Waage. Regisseur Marcus Ganser erarbeitet daraus ein phantasievolles und bildreiches Spiel der Geschlechter, ein Märchen für Erwachsene.

Inhalt: Um das Jahr 1600 ist Orlando ein junger gutaussehender Gentleman am Hofe der alternden Queen Elisabeths. Diese befiehlt ihm, dass seine Schönheit nicht vergehen soll, und so durchlebt Orlando die nächsten vier Jahrhunderte, ohne zu altern, in verschiedenen Lebensentwürfen, mit Selbstverständlichkeit auf die wundersamste Weise die Rollen und die Geschlechter wechselnd, als Dichter, als Liebhaber, als Diplomat, als Frau, als Geliebte, als Mutter …

Ganser hat die phantastische und poetische Lebensreise fein herausgearbeitet. Besonders schön die Stellen, in denen sich Orlando im einen Geschlecht wundert, was das andere Geschlecht so an Seelenblähungen drückt. Eine sensible, feinfühlige, trotzdem nicht unhumorige, sondern unterhaltsame Arbeit. In einem kunstvollen Bühnenbild (Walter Vogelweider), das viele Kletter- und Rutschpartien möglich macht, sind Johanna Withalm als Orlando und Hermann J. Kogler als Queen Elizabeth I. oder auch als Poet Pope schlicht brillant. Auch Matthias Kofler als der Mann, der Orlando schließlich die Liebe lehrt, Christian Kainradl mit einer wenig schmeichelhaften Darstellerung  des Dichters Mr. Green, Randolf Destaller als köstliche Parodie einer Erzherzogin und Johanna Rehn als russische Adelige Sascha sind sehenswert.

Ein Beweis mehr, dass es sich in der Regel lohnt, in den Theatern von Bruno Max vorbeizuschauen.

www.theaterzumfuerchten.at

Wien, 19. 4. 2014