Josefstadt: Die Geschichte vom Fräulein Pollinger

Mai 19, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Klang aus der Zukunft

Matthias Franz Stein (Eugen Reithofer), Raphaela Möst (Agnes Pollinger) Bild: © Moritz Schell

Matthias Franz Stein (Eugen Reithofer), Raphaela Möst (Agnes Pollinger)
Bild: © Moritz Schell

Während andernorts überlegt werden muss, einen großartigen, experimentellen Spielort zu schließen, hat das Theater in der Josefstadt ein viel gravierenderes Problem: Es hat einen wunderbar intimen Raum unterm Dach – den es nur leider als Probebühne braucht. Welch schöne Produktionen hat man hier schon gesehen. Vom „Firlinger“ mit Martin Zauner bis zu „In der Psychiatrie ist es nicht so schön“ von Stefan Geszti, in der Hauptrolle Raphael Schuchter. Nun ist für die Probebühne Ödön von Horváths posthum erschienener Romanerstling „Die Geschichte vom Fräulein Pollinger“ adaptiert worden. Das heißt: „Sechsundreißig Stunden“, so der ursprüngliche Titel des Werks. Raphaela Möst spielt die arbeitslose Schneiderin Agnes Pollinger, der in den eineinhalb Tagen allerlei – fast hin bis zur Prostitution, tatsächlich verliert sie aber „nur“ ihre liebenswerte Naivität – passiert; Matthias Franz Stein alle ihr auf ihrem Weg begegnenden Männer: Eugen Reithofer, Herr Kastner, AML, Harry Priegler, locker, sarkastisch, ausgezeichnet.

Ja, „… wenn diese Schweinerei in Sarajewo nicht passiert wäre.“ Dann wäre das Leben anno 1928 nicht so sch***eiden. So ist der Seelengleichklang von Agnes und Eugen Arbeitslosigkeit. Die Weltenuhr tickt jetzt nach kaufmännischen Regeln, und wessen Sekundenzeiger hinterher hinkt, der muss für ein Wienerschnitzel mit Gurkensalat schon ein paar erotische Fotos schießen lassen. Regisseur Fabian Alder hat den Abend mit viel Verve im „Improvisatorischen“ gelassen. Irgendwo zwischen Erzählung – diese in 20er-Jahre-Mikrophone – und Dialog. Die feine Folie des Originals spannt sich über den Abend, aber natürlich werden die unzähligen kleinen Horváth’schen Boshaftigkeiten ausgereizt (vor allem Stein als Künstlerkarikatur, der sein „drogensüchtiges“ Model über der Kloschüssel arrangiert: „Jetzt ist es verstörend.“) Man hört Radiostimmen, dramatische Filmmusik, dazwischen, meint man, schnarrt schon der Klang der gar nicht so fernen Zukunft. Hetzerisch, verworren, verwerflich.

Zum Erfolg des Abends tragen nicht nur die beiden Schauspieler bei, sondern auch die Musiker Roman Britschgi und Oliver Roth, die von Gitarre über Querflöte bis Kontrabass alles spielen können, als Textvorleser, Geräuschkulisse (z.B. als Fernschreiber oder Schreibmaschine) und Vidiwallträger herhalten müssen. Und sich mit Stein ein Bier teilen. Das alles in leicht Schweizerisch. Original-originell. Gibt’s die beiden als Kabarettduo zu buchen?

Das Ende? Ein junger Autor darf kurz optimistisch sein. Auch Habenichtse können wenigstens einander haben. Oder doch nicht? Wie erfreulich, dass dem Allüberallthema Erster Weltkrieg einmal bedeutungsunschwer begegnet wird. Hätten sich die Menschen in schlimmsten Zeiten nicht verliebt, wir wären nicht auf dieser Welt.

www.josefstadt.org

Wien, 19. 5. 2014