Landestheater NÖ: Spielzeit 2014/15

Mai 13, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Renate Aichinger, Helmut Wiesinger, Marion Reiser, Michael Scherff, Bettina Hering, Paul Gessl, Myriam Schröder, Olivia Khalil, Sven Philipp, Christine Jirku  Bild: Gerald Lechner

Renate Aichinger, Helmut Wiesinger, Marion Reiser, Michael Scherff, Bettina Hering, Paul Gessl, Myriam Schröder, Olivia Khalil, Sven Philipp, Christine Jirku
Bild: Gerald Lechner

Von Joseph Roth bis Felix Mitterer

Engagierte, brisante und literarische Stücke zeigt das Landestheater Niederösterreich in der Spielzeit 14/15, der dritten unter der künstlerischen Leitung von Bettina Hering.  Die Bearbeitung der Vergangenheit sowie die Analyse der Gegenwart sind  prinzipiell ein Anliegen – in der kommenden Spielzeit erst recht! Wie für viele Institutionen ist auch hierder Ausbruch des 1. Weltkriegs, der sich 2014 zum hundertsten Mal jährt, Initialzündung. Von dieser Urkatastrophe Europas und seinen entscheidenden Auswirkungen auf unseren Kontinent, zieht man einen zeitlichen und inhaltlichen Bogen. Dieser spannt sich vom Siebenjährigen Krieg zur vorrevolutionären russischen Gesellschaft, hin zu den Vorboten des Nationalsozialismus, greift die radikale Politisierung am Ende des Faschismus auf und stellt in der Jetztzeit einen Kriegsheimkehrer aus einem der aktuellen politischen Brennpunkte in den Mittelpunkt sowie einen Soldaten der am amerikanischen Militärsystem verzweifelt, sodass er zum Wikileaks-lnformanten wird.  Der Satz, der  folgerichtig die kommende Spielzeit begleiten wird, heißt: Stell dir vor, es ist Krieg. Er ist bewusst nicht deckungsgleich mit dem Satz des amerikanischen Schriftstellers  Carl Sandburg, der in den 30er Jahren in seinem Roman THE PEOPLE, YES schrieb: Sometime  they’tl give a war and nobody will come.

Die Autorinnen der Spielzeit 14/15 sind Maxim Gorkij, Ödön von Horvath, Anna Jablonskaja, Janosch, Gotthold Ephraim Lessing, Bernd Liepold-Mosser, Felix Mitterer, Tim Price, Joseph Roth, Jean-Paul Sartre, Claudia Tondl und Oscar Wilde. Im Rahmen von 13 Premieren gibt es drei Uraufführungen, eine deutschsprachige und eine österreichische Erstaufführung zu sehen. In Regiearbeiten von CNN Drexel, Philipp Hauß, Sarantos Zervoulakos, Bettina Hering, Birgit Doll, Daniela Kranz, Bernd Liepold-Mosser, Maaike van Langen, Katrin Plötner, Babett Arens, Renate Aichinger, Nehle Dick, Caroline Welzl werden neben dem Ensemble unter anderem Wolf Bachofner, Franziska Hackl, Claudia Kottal, Stefan Lasko, Juergen Maurer, Marion Mitterhammer, Marcel Mohab, Christoph Moosbrugger, Dominic Oley, Hilke Ruthner, Myriam Schröder, Moritz Vierboom, Nadine Zeintl und weitere 21 Kolleginnen und  Kollegen als Gäste im Ensemble in Eigenproduktionen zu sehen sein.  Das Ensemble besteht in der neuen Spielzeit aus 13 Schauspielerinnen. Swintha Gersthofer, Pascal Groß, Christine Jirku, Marion Reiser, Michael Scherff, Othmar Schratt, Tobias Voigt, Jan Walter, Lisa Weidenmüller und Helmut Wiesinger bilden weiterhin das Kern-Ensemble, zu dem Wojo van Brouwer neu hinzukommt. Aline Joers und Johanna Wolff begleiten einen Teil der Spielzeit.

Am 10. Dezember gastiert das Maxim Gorki Theater aus Berlin mit ES SAGT MIR NICHTS, DAS SOGENANNTE DRAUSSEN von Sibylle Berg in der Regie des mittlerweile vielfach ausgezeichneten Sebastian Nübling. Vier junge Schauspielerinnen sprechen und performen einen witzigen, aktuellen Text, eine beißend-komische Bestandsaufnahme ihrer Lebensentwürfe. Mit LAMPEDUSA, einem Projekt von Bernd Liepold-Mosser in Zusammenarbeit mit dem Stadttheater Klagenfurt/Theater wolkenflug, bringen wir für einen Abend ein Thema auf die Bühne, das alle bewegt. Die Festung Europa mit ihrem Nadelöhr Lampedusa ist zu einem Symbol für Hoffnung, einem Synonym für Tod und Stillstand geworden. Am 20. und 21. Februar wird das Thalia Theater bei uns Station machen. Mit der sogenannten polyphonen Inszenierung FRONT nach Erich Maria Remarques IM WESTEN NICHTS NEUES und Henri Barbusses LE FEU, gibt uns Luk Perceval eine Idee davon, was die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen an der Front im 1. Weltkrieg erlebt haben. Der Mai bringt am 8. und 9. ein Gastspiel des Schauspiels Stuttgart. Edgar Selge und Franziska Walser werden ihre Version der IPHIGENIE AUF TAURIS von Johann Wolfgang von Goethe spielen. Diese umjubelte Vorstellung zeigt nicht nur ein kongeniales Schauspielerduo, sondern auch eine spannende Annäherung an diesen Stoff. Der Krieg dominiert auch diese Geschichte, er verlegt sich von der Außen- in die familiäre Welt.

Im Rahmen des Literaturfestivals Blätterwirbel 2014, das von der Literaturwissenschafterin Daniela Strigl eröffnet wird, gibt es Personalen von Arno Geiger und Maja Haderlap. Vera Borek ist mit einer Lesung im Programm des Festivals. Die Europäischen Literaturtage – ELit-Literaturhaus Europa präsentieren im Landestheater Niederösterreich einen Abend. Für das Bürgertheater wird Felix Mitterer ein Stück über die komplexe Geschichte der Glanzstoff-Fabrik in St. Polten schreiben. Mit dieser Uraufführung bringen wir unter der Leitung von Renate Aichinger wieder Menschen aus der Region auf die Bühne, die für diese Produktion  auf dem Gelände der ehemaligen Glanzstoff-Fabrik stehen wird. Bevor die Spielzeit gibt es im Landestheater Niederösterreich am 19. und 20. September ein zweitägiges Open House mit einem dichten Programm für Jung und Alt.

Mit Joseph Roths RADETZKYMARSCH und Die Rebellion startet man am 3. Oktober in die neue Spielzeit. Die beiden Romane des großen österreichischen Schriftstellers stellen eine Familie respektive ein symbolisches Einzelschicksal in einer Welt, die aus den Fugen gerät, in den Mittelpunkt des Geschehens. Scheinbar dauerhaft geltende Weltordnungen gehen zu Bruch. Philipp Hauß, der für seine Regie von MAMMA MEDEA www.mottingers-meinung.at/?s=medea am Landestheater für den Nestroypreis nominiert wurde, führt Regie. Neben unserem Ensemble werden Myriam Schröder und Moritz Vierboom als Gäste zu sehen sein. Am 8. Oktober nehmen wir die hochgelobte HEXENJAGD www.mottingers-meinung.at/landestheater-niederoesterreich-hexenjagd/von Arthur Miller in der Regie von Cilli Drexel und mit Alexandra Henkel, Markus Hering und Sven Phlippp als Gäste wieder auf, sie wird  im Dezember nach Villach und im April 2015 nach Bozen und Meran auf Gastspielreise führen. Am 11. Oktober hat  GESCHICHTEN AUS DEM WIENER WALD von Ödön von Horvath, die Koproduktion mit der Bühne Baden, Premiere. Horvaths bekanntestes Theaterstück, uraufgeführt 1931 am Deutschen Theater Berlin, eröffnet in einer kaum erreichten Balance aus Trauer und Lachen, Ulk und Tragik, Gemütlichkeit und Terror, Herz und Gemeinheit, das Panorama einer Gesellschaft im Umbruch – nach dem Zerfall der Monarchie, am Vorabend der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Birgit Doll inszeniert, als Gäste dabei sind  Marion Mitterhammer, Christoph Moosbrugger, Dominic Oley und Hilke Ruthner. Premiere in der Sommerarena der Bühne Baden ist am 26. Juli.

Am 5. Dezember steht die Premiere von Gotthold Ephraim Lessings Lustspiel MINNA VON BARNHELM auf dem Spielplan. Der tiefe Fall eines strahlenden Helden: Nur durch Minnas liebevolle Intrige gelingt Major von Tellheim die Rückkehr in die Normalität des Friedens. Die leichte Form der Verhandlung eines schwerwiegenden Problems gilt als literarische Wegmarke ebenso wie die lebensnahe Zeichnung der Figuren, in deren Zentrum eine ganz und gar moderne Frauenfigur steht. Zwei Gäste werden das Ensemble in der Regie von Katrin Plötner ergänzen: Wolf Bachofner und Lars Wellings. Der Chor 50 plus des Festspielhauses wird diese Minna musikalisch begleiten. In der Theaterwerkstatt findet am 17. Jänner die Uraufführung von TRAUMMASCHINE. Freud-Projekt des Kärntner Regisseurs Bernd Liepold-Mosser statt. Damit begutachtet man nicht nur die Kriegsarbeit des Fin de Siecle, sondern auch die Seelenarbeit, die mit Sigmund Freud vollkommen neue Dimensionen erlangt hat. Figuren wie der Wolfsmann, die Hysterikerin und andere aus Freuds Traumdeutung werden die Theaterwerkstatt bevölkern. Nadine Zeintl wird als Gast das Ensemble verstärken. DIE SCHMUTZIGEN HÄNDE von Jean-Paul Sartre, ein spannender Politthriller, der genau und lustvoll untersucht, ob Gewalt ein taugliches politisches Mittel ist und wie schnell Ideologien verkauft werden, wird die holländische Regisseurin Maaike van Langen ab 23. Jänner mit Juergen Maurer als Gast ins Große Haus bringen.

Eine Koproduktion mit den Vereinigten Bühnen Bozen steht ab dem 28. Februar auf dem Spielplan in der Theaterwerkstatt: Die österreichische Erstaufführung des Stückes DIE RADIKALISIERUNG BRADLEY MANNINGS von Tim Price, ein Gegenwartsstück über den bekannten Whistleblower. Price hat für dieses packende Stück den renommierten James Tait Black Memorial Prize gewonnen. Daniela Kranz inszeniert, als Gäste aus Bozen sind Christoph Kail und Hannes Perkmann zu sehen Am 14. März ist die deutschsprachige Erstaufführung von FAMILIENSZENEN der hochbegabten, zu jung verstorbenen, gebürtigen ukrainischen Dramatikerin Anna Jablonskaja. FAMILIENSZENEN erzählt ein zeitgenössisches Heimkehrerschicksal und lotet mit viel Witz und psychologischem Gespür die kriegsbedingten Erschütterungen im familiären Umfeld aus. Sarantos Zervoulakos wird erstmals am Landestheater Niederösterreich inszenieren und Simon Zagermann wird als Gast im Ensemble mit dabei sein.

Maxim Gorkij ist der Autor der nächsten Premiere am 24. April. Wir zeigen SOMMERGÄSTE, ein Panorama der russischen bürgerlichen Intelligenzija, am Vorabend der Revolution, mit einer großen Besetzung. Cilli Drexel nimmt sich dieser Aufgabe an. Gäste im Ensemble sind Beatrix Doderer, Franziska Hackl und Karl Walter Sprungala Ab dem 16. Mai wird die Uraufführung von WO VERDAMMT IST FRAU WERMES? in der Theaterwerkstatt gezeigt. Claudia Tondl hat mit dem Vorentwurf zu diesem Stück 2012 das Peter Turrini-Dramatikerlnnenstipendium des Landes Niederösterreich gewonnen, nun setzt man die Produktion in Kooperation mit der Kulturabteilung des Landes Niederösterreich um. Das absurde Stück, das die heutige Welt der Arbeitssuchenden thematisiert, inszeniert Caroline Welzl. Aufgrund der Kooperation ist die Produktion ausschließlich mit den Gästen Dora Balog, Simon Jaritz, Daniel Keberle, Claudia Kottal, Anna Kramer und Marcel Mohab besetzt.

www.landestheater.net

Wien, 13. 5. 2014