Wiener Festwochen

Februar 8, 2013 in Bühne

Das Polizistenpaar Christoph Rothenbuchner und Franziska Hackl sind vom Problem geplagt, dass die Glock von der Hüfte absteht …
04.06.2012,Von Michaela Mottinger, http://kurier.at/autor/mag-michaela-mottinger/8.527/5

 „Makulatur“-Premiere: Die Neurosen blühen

Das Schauspielhaus-Ensemble brilliert in gewohnter Weise bei der Uraufführung von „Makulatur“ und zeigt: Jeder hat seinen persönlichen Defekt.

Wer immer fand, dass U-Bahn-Stationen „entrische Gründ’“, also nicht ganz geheuer sind, wird sich durch das neue Stück von Paulus Hochgatterer bestätigt fühlen. „Makulatur“, ein Auftragswerk des Schauspielhaus Wien und im Rahmen der Wiener Festwochen uraufgeführt, spielt auf und unter dem Schwedenplatz.

Ein Panoptikum skurriler Gestalten lässt der Schriftsteller und Kinderpsychiater dort herumirren, während er an ihnen sämtliche Spielarten seines Titels durchexerziert: Makulatur als „Untergrund“-Tapete, als Wendung „etwas ist Makulatur“, heißt: „nicht der Rede wert“, bis zur – man ist ja Arzt – macula lutea, der hellsichtigsten Stelle im Auge.

Schnitte durch die Seele

Von Satz zu Satz legt Hochgatterer, als Dramatiker noch „Jung-“ zu nennen, seine histologischen Schnittpräparate der menschlichen Seele an. Durch Jablonski, autodidaktischer Chirurg, der am Schwedenplatz Kundschaft akquiriert.

Versicherungsbetrügerische Violinisten, Maler, die einohrig die Flucht aus der Mittelmäßigkeit suchen, Menschen mit fremdem bis gar keinem Gefühl zu einem Körperteil – Jablonski, wunderbar sinister-lakonisch gespielt von Steffen Höld, sägt ab, was ab muss.

Eine Trafikantin („überwuzelt“ sinnlich: Katja Jung) hat er schon einarmig und glücklich gemacht, nun will Teenager Kerstin (welch ein Talent: Nikola Rudle!) ein Bein los werden.

Nervenkrieg

Die Eltern (Max Mayer und Barbara Horvath am Rand des Nervenzusammenbruchs) kriegen, im Ehekrieg verstrickt, davon nix mit. Und dann ist da noch ein Polizistenpaar (Christoph Rothenbuchner und Franziska Hackl), vom Problem geplagt, dass die Glock von der Hüfte absteht …

Barbara-David Brüesch hat den abgründigen, aberwitzigen Text perfekt inszeniert. Auszucker verschiedenen Ausmaßes, latente Gewalt, unausgelebt gebliebenes Begehren haben eben auch komische Seiten. Und die Neurosen blühen. Das Schauspielhaus-Ensemble brilliert in gewohnter Weise, hervorragend ergänzt durch seine Gäste.

Die Unmoral von der Geschicht: Jeder hat seinen persönlichen Defekt. Es kommt im Leben nur drauf an, wie gut man ihn versteckt.