Akademietheater: Parzival

April 29, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

David Bösch bleibt ein Berufsjugendlicher

Lucas Gregorowicz Reinhard Werner/Burgtheater

Lucas Gregorowicz
Reinhard Werner/Burgtheater

Es gab vor einiger Zeit eine „Parzival“-Interpretation der Jungen Burg, die hatte Witz und Charme und ging mit viel Verstand mit dem Inhalt dieser uralten Legende um. In „Short Cuts“ wurde dem Publikum näher gebracht, wie da ein Naturbursche, ein reiner Tor, mit Betonung auf „rein“, zum Rasenden wird. Quellen und Interpretationen gibt es viele. Und Irrtümer. In John Boormans „Excalibur“ lässt der Regisseur seinen Helden auf die Frage: „Wem dient der Gral?“ die dümmste Antwort der Filmgeschichte geben.

Nun also: Akademietheater. David Bösch. Tankred Dorst. Letzterer notierte einmal, beim Schreiben seines „Parzivals“ habe er manchmal an „die deutschen Jungen gedacht“, die „einfältig-hochmütig gen Stalingrad gefahren“ wären. Und eingefahren sind. Von deutscher Schuld ist da die Rede. „Wenn du unter Menschen kommst, bringen sie dich um“, erklärt ihm die Mutter jahrelang die selbstgewählte Waldeinsamkeit. Doch jeder muss sich vom entsetzlichen Zustand der Welt einmal selbst überzeugen. Und so bricht er auf. In die Wiener Lisztstraße. Dort wird er gleich einmal in ein dreckbeschmiertes Müllhaldenkind verwandelt. Mit kurzer Hose und Kaputzenjacke schlägt er sich durch ein Armageddon, das er selber anrichtet. Besungen von Musiker Bernhard Moshammer. Dessen Rockballaden, live vom Balkon, treiben die Handlung mehr voran als das szenische Spiel. Regisseur Bösch zeichnet dazu einen atemberaubenden Bilderbogen … und … aus. In dieser Geschichte einer Menschwerdung wird Bösch nicht zur Erlösergestalt. Er macht sich’s 90 Minuten lang lustig und hofft, dass sich das Publikum mit ihm gut unterhält. Sind wir nicht alle comic, Mann? Komisch.

Seit Bösch an der Burg inszeniert – „Adam Geist“, „Stallerhof“, „Gespenster“, „Der Talisman“, „Mutter Courage“ – zeigt er more of the same. Das heißt nicht, dass das nicht dann und wann sehr sehenswert war, aber: Will Bösch als one trick pony in die Annalen eingehen? Das jugendliche Genie, kürzlich erst in höchsten Tönen gelobt, verkommt am Haus zum Berufsjugendlichen. Jeder Anflug von Ernst wird durch lustige Einfälle hurtig wieder verscheucht. Routiniert spielt Bösch mit den Versatzstücken der Ritterkultur. Von den Eisenherz-Heftln bis zu den „Rittern der Kokosnuss“. Viel grell-grausliche Oberfläche, kein Tiefgang. Dass der Tümpel in dem der Abend vor sich hindümpelt nicht völlig austrocknet, ist den Schauspielern zu danken: Lucas Gregorowicz als spielfreudiger Parzival, Regina Fritsch als leicht pathetische, aber doch raue Mutter, Dietmar König, Daniel Jesch und Oliver Stokowski. Als der nackte Mann, der sein Karton-Haus auf dem Rücken wie eine Schnecke mit sich herumträgt, vor Mitgefühl mit der Welt vergeht und doch ein Egoist ist, gibt er eine abenteuerliche Abart von Wahnsinn, die besser ist, als der Rest des Ganzen.

Ansonsten bleibt das Mitleid aus. Bei Parzival und beim Publikum. Würde man Böschs Abend ein Kinderspiel nennen, man würde die beleidigen, die diese schwere Kunst beherrschen.

Bernhard Moshammer

www.burgtheater.at

Wien, 29. 4. 2014

David BöschD
David Bösch

David Bösch