Theresia Walser im Gespräch

April 18, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Ich brauche Anarchie beim Schreiben“

Theresia Walser, Tochter des berühmten Autors Martin Walser, auf Kurzbesuch in Wien. DIE Gelegenheit für ein Gespräch:

MM: Sie haben bei Ihrem Wien-Besuch nun  Ihre beiden Österreichischen Erstaufführungen „Die Liste der letzten Dinge“ im KosmosTheater und „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“ im Schauspielhaus gesehenen. Wie hat’s Ihnen gefallen?

Theresia Walser: Es sind natürlich zwei völlig verschiedene Stücke. Aber beide Aufführungen fand ich sehr beglückend.

MM: Ersteres ist ein Traumspiel, ein Albtraumspiel, Zweiteres ist an Realitäten angedockt. Obwohl die Stücke so verschieden sind, kann man der Autorin einen Hang zum Skurrilen, zum Makaberen nicht absprechen.

Walser: Beiden Stücken kann man, wenn man so will, ein dunkles Lachen abgewinnen, wobei das Lachen in den „Äpfeln“, wie man in Wien wunderbar sehen konnte, viel befreiender sein kann. Das letzte Mal war ich in Wien im Jahr 2000, da hat Chris Pichler am Volkstheater meinen Monolog „Kleine Zweifel“ gespielt – einer meiner ersten Texte. Dass ich jetzt in kurzer Zeit hier gleich zwei Mal aufgeführt wurde, ist wohl Zufall. Beides zwei Frauenstücke!  Man schreibt wahrscheinlich immer das, was man selbst gern gespielt hätte.

MM: Warum haben Sie aufgehört, Schauspielerin zu sein?
Walser: Das ist eine lange Geschichte. Ich wollte Sängerin werden, habe ich Graz studiert, und irgendwann eine stimmliche Krise gekriegt. Ich musste pausieren, bin auf die Schauspielschule gegangen, damit sich meine Stimme erholt. Als Schauspielerin war ich aber nie gern auf der Bühne. Während des Spielens liefen bei mir innerlich ständig Subtexte mit, die wurden mit der Zeit  immer lauter. Ich brauchte also offensichtlich meinen eigenen Text – und so hat’s begonnen. Ich habe angefangen, Rollen für mich zu schreiben. Und als die fertig waren, hatte ich jedes mal das Gefühl, diese beim Schreiben schon genug gespielt zu haben, so, dass ich froh war, wenn das auf der Bühne andere übernehmen. Ich habe mich sozusagen von der Bühne runter geschrieben.
 
MM: Es ging also tatsächlich darum, eigene Texte haben zu wollen …
Walser: Mein Schreiben ist bis heute kein leises Schreiben. Ich spreche oder flüstere die Sätze mit. Ich schreibe, wenn man so will, dem Klang nach. Es gibt ja auch Leute, die tippen leise in sich hinein. Bei mir ist es meistens laut, gestikulierend. Der Text muss eine Melodie, einen Klang haben, das Hörbare muss ich mir vorsagen.
 
MM: War Prosa, Lyrik, Essays nie ein Thema für Sie?
Walser: Alle Versuche, die ich da gemacht habe, habe ich dann doch wieder fürs Theater benutzt.
 
MM: Wenn Sie Ihre Texte beim Schreiben sozusagen Spielen, wie groß ist dann die Enttäuschung, wenn’s auf der Bühne nicht so klingt, wie an Ihrem Schreibtisch. Die Frustrationsskala der Dramatikerin …
Walser: … ist nach oben offen. Glück ist doch langweilig. (Sie lacht.) Nein, im Ernst: Ich brauche eine andere Fantasie, die meine Arbeit weitertreibt, von der fühle ich mich auch abhängig. Deshalb würde ich nie Regie führen. Ich habe nicht so eine genaue Vorstellung, wie das sein muss. Ich muss die Texte für mich selber in Gang bringen, dabei ist mein Ohr der schärfste Kritiker – den Rest überlasse ich sehr gerne anderen.
 
MM: Sie sagen: Schreiben ist körperliche Arbeit.

Walser: Ja, ich nehme dabei auch ab. (Sie lacht.) Ich finde Sprache ist etwas sehr Körperliches. Als Schauspielerin war ich es gewohnt mit Händen und Füßen durch Texte zu gehen. Das empfinde ich heute ähnlich. Natürlich gibt es immer die Angst vor dem Anfang. Aber es ist auch jedes mal eine Art Abenteuer, bei dem ich hoffe, dass die Figuren sich irgendwann in einem gewissen Sinne verselbstständigen. Das birgt natürlich auch ein Risiko, wenn die Figuren mir meine Pläne auf einmal über den Haufen werfen, wie Piraten, die ein Schiff entern. Andererseits brauche ich diese Anarchie beim Schreiben, damit Leben in die Bude kommt. Kann auch sein, dass nur Wust übrig bleibt. Das nimmt man halt dann und wirft es weg. Es gab mal eine Zeit, da blieb von einem Stück nur die letzte Szene übrig. Der Anfang wurde dann ein ganz anderes Stück. Das war „King Kongs Töchter“, ursprünglich ein Text über Billie Holiday, die mir als Figur in allen meinen Absichten brav gefolgt ist, aber völlig leblos blieb.  Erst am Schluss hat sie sich aufgelehnt weil sie nicht sterben wollte. Da fing es auf einmal an zu leben.

MM: In „Die Liste der letzten Dinge“ sind Ihre Protagonistinnen Kunstfiguren, stellen Sie/sie Behauptungen auf. Sie wollen als Erlöserinnen die Welt von sich erlösen. Was in ihren Augen mehr ist, als der neutestamentarische Erlöser geschafft hat. In „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“ begeben Sie sich beinah auf das Terrain der Kriegsberichterstatterin. Warum haben Sie diese drei Frauen ausgesucht?
Walser: Dieses Stück hängt mit „Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm“, das ich vor ein paar Jahren geschrieben habe, zusammen. Da sind drei Schauspieler zu einer Podiumsdiskussion eingeladen, die alle drei Hitler – das heißt: einer hat „nur“ Goebbels – gespielt haben. Und sie reden, ob und wie man Hitler darstellen darf. Wie menschlich, wie monströs, wie lächerlich, wie unmöglich etc. Als „Der Untergang“ ins Kino kam, konnte man im Fernsehen in den Talkshows immer wieder Schauspieler erleben, die sich fast dafür entschuldigten, dass sie Hitler gespielt haben und die sich nun darüber unterhielten, ob man Hitler denn überhaupt darstellen könne. Diese ganzen Diskussionen über die Unmöglichkeit einer Darstellung fand ich ganz wunderbar für das Theater und später habe ich dann nach einem ähnlichen Stoff für Frauen gesucht. Margot Honecker war als erste da; von der haben wir das deutlichste Bild. Dann ganz klar: Imelda Marcos, die gehört einfach auf die Bühne, diese grausame Operettendiva.
 
MM: Leïla Ben Ali …
Walser: … ist die aktuellste Figur unter den dreien. Wobei ein bisschen was von Suzanne Mubarak und Asma alAssad in die Figur einfließt. Für alle diese ungeheuren Damen brauchte ich natürlich einen Vermittler: Gottfried, der Übersetzer. Er wurde aus seinem Namen geboren. Dass gibt es manchmal, dass ein Name seine Figur mitbringt. Dass er Gottfried heißt, hat aus ihm die Figur gemacht, die er ist. Dabei ist mir die Komik in diesem Stück sehr wichtig. Ich glaube an das Lachen als große Anteilnahme, als Involviertheit und auch als Verstrickung. Solche Schreckensbilder des Bösen sind ja letztendlich nur Vergrößerungsspiegel dessen, was wir alle von uns selbst bestens kennen.

MM: Der Zerrspiegel, den Sie zeigen, macht das Ganze noch absurder als es ist.

Walser: Stimmt. Wir sind im Theater. Wir sehen Schauspielerinnen, die Diktatorengattinnen spielen, die sich darüber unterhalten, wie sie einmal von Schauspielerinnen dargestellt werden wollen. Es geht also im weitesten Sinn auch um die Darstellung der Selbstdarstellung und damit auch ums Theater. 
MM: Hannah Arendt hat den Begriff der Banalität des Bösen geprägt. Gibt es auch eine Poesie des Bösen?
Walser: Ja. Das ist doch ungeheuer, dass die alle so eine poetische Ader haben. Gaddafi hat einen ganzen Gedichtband geschrieben. Ganz kryptisch-verschwurbelte Poesie. Der Satz „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“ stammt aus einen Gedicht von Gaddafi. Mao schrieb Liebesgedichte. Da denkst du, das ist das zarteste Seelchen überhaupt. Diese Selbststilisierung des Tyrannen als einsamer, vom Volk verfolgter Herrscher, ist ungeheuer. Aber dass Poesie und Tyrannei einen Zusammenhang haben wundert mich eigentlich nicht.
MM: Arbeiten Sie von Nine to Five oder mitten in der Nacht?
Walser: Früher saß ich mit der Zigarette im Mund zu jeder Tages- und Nachtzeit am Schreibtisch und habe da Intensität gespielt. Heute habe ich eine Tochter, das ordnet mein Leben ganz anders. Da gibt es Schulzeiten, Hausaufgaben … Ich rauche übrigens auch nicht mehr, außer an Premieren in Wien.
 
MM: Was gibt es an Plänen?
Walser: Einen Abgabetermin. Das Theater Mannheim will am 20. April die erste Arbeitsfassung von „Herrinnen“ lesen. Darin geht’s um Topmanagerinnen, die Chefinnenetage. Die den Männern punkto Skrupellosigkeit, Brutalität, Eigennutz in nichts nachstehen. Und auch dieselben Worthülsen, diese ins Leere drehende Hamsterradsprache. Es nimmt sich dabei nichts, ob es Frauen sind oder Männer. Gott sei dank verliert man dabei die Illusion, dass Frauen die besseren Menschen sein sollen. Das wäre ja auch eine furchtbare Aufgabenverteilung und Anmaßung. Dann habe ich zum 600-jährigen Konzilsjubiläum in Konstanz ein Stück mit meinem Mann Karl-Heinz Ott zusammen geschrieben, der eigentlich Roman-Autor ist. Diese gemeinsameArbeit hat etwas Erleichterndes. Jeder kann dem anderen heimlich die Verantwortung auf die Schulter landen. Trotzdem war  es viel Arbeit, weil wir ja keinen Geschichtsunterricht abliefern wollten.
MM: Eine Frage zur Familie: Ihre Schwester Franziska ist Schauspielerin, ihre Schwestern Alissa und Johanna schreiben Romane. Tauscht man sich aus?
Walser: Ja, wir sehen uns immer wieder. Zur Zeit natürlich am meisten Franziska und ihren Mann Edgar Selge. Die haben jetzt ein Engagement bei Armin Petras in Stuttgart. Das ist ja praktisch bei mir um die Ecke.

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Wien, 18. 4. 2014