Das Schauspielhaus Wien spielt Theresia Walser

April 11, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“

Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Der Satz, der Titel von Theresia Walsers Stück, das am Schauspielhaus Wien in der Regie von Sebastian Schug seine österreichische Erstaufführung erlebte, klingt schon nach Märchen: „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“. Das Zitat wird dem libyschen Revolutionsführer Muammar al Gaddafi zugeschrieben. Drei böse Königinnen hat die Autorin versammelt, sie vor die Vergrößerungsspiegel ihrer Schreckensbilder gestellt, das Publikum über sie lachen lassen, um das Bizarre, das Komische im doppelten Sinn ihrer Gedanken und Argumentationen zu verdeutlichen – und die Frage im Raum stehen zu lassen: Wie konnten solche Leute je an die Macht kommen? Die Bühne beschreibt die Walser als „Ort für Wahrnehmungsschärfe von gesellschaftlichen Witterungsverhältnissen“. Und obwohl ihr natürlich nicht an einem Dokutheater gelegen war, hat sie doch das biografische Material ihrer Protagonistinnen eingehend studiert. Das ist derart monströs, dass man zuweilen gar nicht viel dazu erfinden muss. Daher hier ein kurzer Abriss über die Damen der Gesellschaft:

Margot Honecker: Geboren 1927. War Ministerin für Volksbildung in der DDR und bestimmte die Einführung eines einheitlichen, sozialistischen Bildungssystems. Sie setzte Wehrkundeunterricht, praktische Übungen an der Waffe  und Zwangssport für „unbelehrbare Kinder“ durch. Wegen ihrer arbeiter- und bauernstaatlichen Haartönung wurde sie insgeheim als „blaue Eminenz“ oder „lila Drache“ verspottet. Bis heute versteht sie nicht, „wie manche so blöd sein konnten, über die Mauer zu klettern“. Am heutigen Deutschland – sie lebt bei ihrem Enkel in Chile und bezieht aus Deutschland eine Hinterbliebenen- und Altersrente – vermisst sie nur „die Wälder und die Pilze“. Und natürlich Erich.

Imelda Marcos: Geboren 1929. War nach der Wahl zur Miss Manila mit dem zweiten Platz nicht zufrieden und ließ sich vom Damals-noch-nicht-Gatten Ferdinand zur „Muse der Philippinen“ ausrufen. Sie erfreute Staatsgäste gern mit ihrer Gesangskunst, was nichts mit dem Attentat auf sie (zwölf Messerstiche; sie beschwerte sich später über die Hässlichkeit der Klinge) zu tun haben dürfte, aber vielleicht mit ihrem Spitznamen „The Iron Butterfly“. Sie besitzt 3000 Paar Schuhe und einen schussfesten BH, für die 1998 ein eigenes Museum errichtet wurden. Nach der Rückkehr aus dem Exil wurde sie 2010 und 2013 wieder ins Repräsentantenhaus gewählt. Ihr Sohn Ferdinand jr. ist Senator; viele Familienmitglieder bekleiden wichtige politische Ämter. Imeldas schönster Satz: „Das Volk lebt nicht vom Brot allein, es braucht auch sehr, sehr schöne Sachen.“ Von Kuchen war an dieser Stelle nicht die Rede.

Leïla Ben Ali: Geboren 1956. Gelernte Friseurin, obwohl sie im Stück mehrfach betont, „auch französische Literatur studiert“ zu haben. Zine el-Abidine Ben Ali, durch einen Putsch – er ließ seinen Vorgänger von Ärzten für regierungsunfähig erklären – in Tunesien an die Macht gekommen, ließ sich für sie scheiden. Die zehn Geschwister von Leïlas mafiösem Trabelsi-Clan stiegen in Spitzenpositionen vom Bankenwesen über die Tourismusbranche bis zum Immobilienmarkt auf. Die Menschen nannten sie verächtlich die „Königin von Karthago“. Zum Sturz Ben Alis 2011 kam es durch die Selbstverbrennung eines Gemüsehändlers in Tunis, was Massenproteste auslöste, die als Beginn des Arabischen Frühlings gelten. Leïla flüchtete mit 1,5 Tonnen Gold im Wert von 45 Millionen Euro. Sie soll angeblich in Dubai sein.

Diese Drahtzieherinnen hinter ihren Diktatorenmännern holt Walser nun in die erste Reihe. Vor den roten Vorhang. Es soll ein Film – Imelda hätte lieber eine Oper; Leïla sieht kaum mehr Chancen, hätten sie doch nur Liz Taylor oder die junge Sophia Loren darstellen können – über sie gedreht werden. Und das sollen sie auf einer Pressekonferenz nun erzählen. Wunderbar schon Optik und Gehabe der drei: Katja Jung als Frau Imelda dominiert das Bühnengeschehen. Plump, vulgär, aber zäh, weil, wenn schon einmal ein Messerstecher vor einem stand („Zu jedem bedeutenden Leben gehört ein Attentäter!“) …, ständig in ihrer Handtasche verstaute Makronen fressend. Nicola Kirsch ist als Frau Leïla mondän-modebewusst, manieriert, arrogant; Angst hat sie nur vor dem  uah! Trinkwasser. Da wohnen doch Asseln drin und scheißen rein, oder? Franziska Hackl ist als Frau Margot kalt, streng, emotionslos, alte Kaderschmiede. Sentimental ist sie nur in Bezug auf die Urne, in der sie ihren SED-Schatz spazieren trägt. Und weil man einander sprachlich ja fremd ist, gibt es Gottfried, den Übersetzer, Florian von Manteuffel in seiner besten, heitersten Schauspielhaus-Performance bisher.

Es herrscht natürlich Zickenkrieg. Man schenkt einander nichts, sondern sich ganz schön ein. Bösartig, sarkastisch. Na, wie simma denn dort hingekommen, wo wir heute nicht mehr sind? Vor allem Jung ist eine Meisterin des Makabren. Dieses Kammerspiel des Grauens erinnert irgendwie an den – Sie wissen schon – Herrenduschgelwerbespot. Die gute, alte Zeit. Als sich Fingernägel, zwar unter Geschrei, aber doch wie von selbst gelöst haben. Unbequeme einfach verschwanden. So wie Mauerblümchen. Mit Stalin in Erinnerungen schwelgen, mit Castro Autocruisen, Maos „Pappel“-Gedichte („Bei dem war doch jede Frau eine Pappel.“) Der Staat krisenlos, das Volk kritiklos, gängelsüchtig und aufstandsdesinteressiert. So wollmas haben! Und nun: die großen Helden tot oder vor irgendeinem obskuren holländischem Gericht. Jung, Hackl und Kirsch sind sagenhaft in ihrer Solidarität der Schlächterinnen.

Doch in jedem guten Spiel gibt es einen Joker. Manteuffel, der sich als großer Komödiant entpuppt, die Rampenheulsuse aus Jena – die ergo mit Margot Extra-Hühnchen zu rupfen hat -, der normalerweise bei Fischereiverbandskongressen simultandolmetscht, aber da geht’s ja auch ums Ausnehmen, und mehr und mehr vom Wahnsinn umzingelt wird, ob der Grauenhaftigkeiten, die er hört. Also erst ganz was anderes als das tatsächlich Gesagte – zuspitzt, verharmlost, jedenfalls manipuliert, dreht und wendet, wie er will –   und später gar nicht mehr übersetzt. In einer Ecke sitzt und schmollt. Der Knecht kann nicht mehr. Aus dieser Sprachlosigkeit schaffen Schug/Walser einen grandiosen Spielraum für Situationskomik. Ein raffiniertes Lustspiel. Denn ohne Worte bleibt den Ex-First-Ladies nur Fuchteln und Deuteln. Kirsch verwandelt sich in eine kafkaeske Frau Samsa, um die Assel-Gefahr zu verdeutlichen. Ein Prachtstück! Das geht so lange gut, bis Erichs Asche fliegt und sich der Vorhang doch noch zu einer Spiegelwand öffnet …

Das ist nicht neu, dass sich das Publikum auf reflektierendem Glas sieht. Aber hier gibt’s Anlass zu reflektieren:   www.youtube.com/watch?v=pnmGTENBrzM Ein fantastischer Theaterabend mit vier formidablen Darstellern!

www.schauspielhaus.at

Wien, 11. 4. 2014