KosmosTheater: Die Liste der letzten Dinge

April 10, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein beachtlicher Haufen alter Schachteln

mke Büchel, Cornelia Köndgen Bild: © Bettina Frenzel

Imke Büchel, Cornelia Köndgen
Bild: © Bettina Frenzel

Der Plan ist perfekt. Besser als der von Wladimir und Estragon. Die warten ja nur darauf, dass einer kommt, der ihnen sagt, wo Godot wohnt und wie er heißt. Pia und Helen hingegen sind fest entschlossen, die Welt von sich zu erlösen. Was bekanntlich nicht einmal der Erlöser selbst geschafft hat. Sie warten also nur auf den Mann mit dem Feuerzeug, den Inquisitor, die beiden alten Schachteln zwischen ihren Scheiterhaufen aus alten Schachteln. Der von der in bäuerliche Tracht gekleideten Pia ist billigversandhausbraun, Helens natürlich entsprechend ihrer mondänen Erscheinung konditoreiverpackungsrosa. Aber wie das Grundgesetz von Existenzialismus-Endspielen schon so ist: Der, auf den man wartet, kommt nicht und kommt nicht …

Das KosmosTheater zeigt Theresia Walsers „Die Liste der letzten Dinge“ in der Regie von Dora Schneider als österreichische Erstaufführung. Selten hat jemand so sinnvoll Nonsense niedergeschrieben. Komik so sehr in ernsthafte Verletzungen verwandelt. Härte und Fanatismus so leicht in Ironie, in Clownerie verdreht. Walser lässt ihre selbsterkannten Lebensüberdrüssigen nur scheinbar eine Alltagssprache sprechen, tatsächlich sind die Dialoge hochartifiziell, hochmusikalisch, erschließen sich dem Zuhörer nicht immer leicht. Oder doch. Denn die beiden hervorragenden Schauspielerinnen Imke Büchel (Pia) und Cornelia Köndgen (Helen) holen sich jede Pointe ab. Letztere verdient noch dazu einen Preis für den gewaltigsten Kostümwechsel der Kosmosgeschichte. Köndgen hat kein – rosa – Kleid länger als drei Minuten an. Und bei keinem kriegt sie den Reißverschluss zu.

Und so reden sie und so reden sie. Was soll man schon tun, während man auf die Flammen warten? Zündeln. Man kennt einander lange genug, um zu wissen, wo die Wunden brennen. Von den Wasserbeinen bis zu den Bandscheibenvorfällen. Von Pias liebeskummerlosem Leben, die nur Brief“verkehr“ mit Lebenslänglichen hatte, von Helens Luxusweibchendasein an der Seite ihres Mannes. „Dein Kleid ist vorne offen wie ein Zelt“, sagt Pia zu Helen. „Als ob da noch einer reinkäme.“ Büchel und Köndgen beherrschen den Spagat zwischen hirnrissig, herrisch und hasswütig sein. Mit großem Mut schmeißen sich die Damen in die Darstellung dieser kontroversen Figuren. Sympathisch sind die nicht. Eher besorgt, sie könnten, falls das Fernsehen Interesse an ihrem Märtyrerinnentum zeigt, auf dem Bildschirm nicht gut ausschauen, „wenn ich deine Asche in den Augen habe.“

Es kommt tatsächlich jemand. Karin Yoko Jochum  als die geheimnisvolle Georgina. Sprachlos, nur „Nein“ kann sie in 10.000 Tonarten sagen. War sie Helens Nebenbuhlerin, ist sie Nachahmungstäterin, die Supermarktkassierin oder gar Journalistin? Das Stück hätte ohne diese undurchsichtige Figur nichts an seiner Undurchsichtigkeit eingebüßt. Ganz ehrlich. Was aber – bitte nicht missverstehen – nichts mit Jochums schauspielerischen Leistung zu tun hat! Jetzt ist sie nun einmal  da und muss büßen. Die absurde Poesie der Situation schlägt um. Pia und Helen sind gefährliche Verrückte. Aus Selbstmörderinnen werden Mörderinnen. Aber mit Stil. So schön muss einem einmal der Atem genommen werden.

Büchel und Köndgen kosten ihre Rollen raffiniert aus. Keine Frage: Die beiden haben Feuer!

www.kosmostheater.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=cP6BJMeq_wE

Wien, 10. 4. 2014