Armes Theater Wien: Play Pirandello

April 9, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Feinstes im Novomatic Forum

Lawrence Karla, Manfred Jaksch, Krista Pauer, Piroska Szekely und Victor Kautsch Bild:  © Vondru

Lawrence Karla, Manfred Jaksch, Piroska Szekely, Krista Pauer und Victor Kautsch Bild: © Vondru

Wenn Theater nicht tatsächlich so wäre, es wäre … Nein, es ist zum Lachen. Zum Brüllen komisch. Für Insider und Liebhaber. Wenn der Schauspieler mit seinem Text nicht zufrieden ist; wenn prinzipell jeder findet, dass ALLES an dieser Inszenierung zu SEINEN Lasten geht; Streit unter Mimen, mehr Konkurrenten als Kollegen; Krieg mit dem Regisseur, denn wer hadert nicht mit Gottöberst. Es sind viele Tragödien, die es darzustellen gibt. Und das Arme Theater Wien hat daraus eine pracht- und humorvolle, hochintelligente Komödie gemacht: „Play Pirandello“ (nach dem sizilianischen Literaturnobelpreisträger in einer Fassung des ATW). Das Motto des Abends im Novomatic Forum lautet: Heute abend wird aus dem Stegreif gespielt – was nicht  wahr ist, denn natürlich gibt es einen roten Faden, auch wenn die „angeödeten Theaterbesucher“ den suchen. Und ein bisschen „Ciascuno a suo modo“ und „Leonora, Addio!“ klingeln auch rein.

Worum’s geht? Um Pirandello. Also Amore und Morto. Die Unruhe im und die Unsicherheit des Lebens. Traum und Taumel. Wahrheiten, die keiner wissen, aber alle aussprechen wollen. Morbid-makabere-melancholische Selbstinfragestellung. Aber, weil’s ja der Alte aus Agrigent ist, bläst er keinen Trauermarsch, sondern lädt zur Melodie einer Tarantella. Schnell, schnell, 6/8-Takt. Auch die Akteure des ATW kommen bei Regisseur Erhard Pauers Szenencollage, seinem Komödienkonglomerat nicht zum Verschnaufen. Gezeigt wird nicht Theater auf dem Theater. Viel zu einfach. Sondern die Proben und die Premierenbesucher gleich dazu. Formidabel eine Szene, in der diese „in die Pause“ gehen. Manfred Jaksch ständig „Wunderbar! Wunderbar!“ ruft – und damit wahrscheinlich das Dekolleté der Hauptdarstellerin meint. Während die anderen über die undeutliche Aussprache meckern und überhaupt – roter Faden: siehe oben. Kein Schwein weiß irgendwas. „Gehirnakrobatik statt Charakteren“ schimpft einer der Gäste. Aber gelacht hat man, wenn auch zufällig. Gibt’s schönere Parkettgaukelei? Man wähnt sich in einem der Thespistempeln der Stadt. Und ein Schelm, der behauptet, er hätte noch nie derlei Smalltalk – na – zumindest über sich ergehen lassen müssen. Dadagagablabla … Besonders beliebt jene, die ihre Meinung dem Feuilletong und ihrem Lieblingslästermaul anpassen.

Doch bei Pauer kommt’s noch schöner. Probe. Und der Satz: „Das Schlimmste ist, wenn der Autor dabei sitzt.“ Nur proben bei „Play Pirandello“ die Figuren (Krista Pauer und Victor Kautsch) ihre Darsteller (Piroska Szekely und Lawrence Karla). Da prallen Welten aufeinander. Wollen die einen „natürlich“ gespielt werden, während sich die anderen der Manieriertheit (großartig: Piroska Szekely, die die Hand gar nicht mehr von der Stirn kriegt; überhaupt sind alle fünf beachtliche Körperschauspieler) hingeben. Jaksch durchlebt derweil alle Qualen eines Regisseurs mit seinem „Menschenmaterial“. Vom Pointenschleuderer bis zur Fadmamsell. Wird schließlich, weil er nur das „Spektakel“ im Auge hat, aus seiner eigenen Produktion geworfen. Nicht immer die schlechteste Idee, hier ein Scherz, dass sich die Rollen und ihre Schauspieler gegen ihn verbünden.

Was braucht ausgezeichnetes Theater? Fünf ausgezeichnete Schauspieler, fünf Stühle. Das ATW. Am Ende doch noch Stegreif: Krista Pauer fragt einen Zuschauer, was er sich von einer solchen Begegnung wünsche. Meine Antwort: Dass ich etwas erfahren habe, etwas erleben durfte, das mich, mein Sein, mein Denken bereichert. Auftrag mehr als erfüllt!

www.armestheaterwien.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=Js2eX70jXD8

Wien, 9. 4. 2014