Theater Scala: Raoul bleibt zum Essen

April 2, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Biedermann und die Bratpfanne

Philipp Stix, Selina Ströbele, Bernie Feit Bild: Bettina Frenzel

Philipp Stix, Selina Ströbele, Bernie Feit
Bild: Bettina Frenzel

Zugegeben. Die Komödie ist ein wenig aus der Zeit gefallen. Der HI-Virus war noch kein Thema, dafür wurde in den Sixties geswingt, was das Ding hergab. „Schlüsselpartys“ nannte man den Hauptspaß – jede Frau zog aus einem Gefäß den Autoaufsperrer eines (fremden) Mannes und mit dem zog sie dann ab. In diesem Geiste schrieb Paul Bartel seinen Kultfilm „Eating Raoul“, das wohl berühmteste Machwerk, des Andy-Warhol-Woody-Allen-Ed-Wood-B-Horrormovieisten. Ja, es war eine Ära, in der Deep Throat noch nicht der Informant von Bob Woodward und Carl Bernstein, sondern eine Technik von Linda Lovelace war. Und sich alle Welt fragte, ob Long Dong Silver (die Legende spricht von 45 Zentimetern, aber auch von Latex) in bewussten Situationen nicht wegen Blutleere im Gehirn in Ohnmacht fiel. Children of the Sexrevolution.

Bruno Max und sein Theater zum Fürchten (derzeit wieder in der Scala) haben die rabenschwarze Groteske als „Raoul bleibt zum Essen“ nun für sich entdeckt. Und nichts könnte abgefahrener sein für diese abgefahrene Truppe. Allein das Programmheft ist lesenswert: Von „The Lonely Hearts Killers“ bis zu „The Love Slave Killers“ werden US-Pärchen aufgezählt, die ihre Liebesobjekte auf die eine oder andere unschöne Weise um die Ecke brachten. Und teilweise immer noch in amerikanischen Todestrakten sitzen. Na, wenn das keine Gute-Nacht-Lektüre ist.

Da sitzen also Paul und Mary Bland – kleinbürgerlich, hausbacken, bieder – in ihrem Apartment in Los Angeles und in den Wohnungen rundherum geht, dem Lärm (einer kommt als John Travolta: Saturday Night Fever) nach zu urteilen, die Post ab. Paul und Mary haben einen Traum: ein Landgasthaus, für das ihnen das Geld fehlt. Der Bankberater wird schon ungeduldig. Und dann passiert der Albtraum. Ein Sexmaniac irrt sich in der Türnummer, irrt sich in Mary und rumms zieht ihm Paul eine mit der Bratpfanne über. Und dem Toten 600 Dollar aus der Tasche. Eine Einnahmequelle ist gefunden. Bernie Feit und Selina Ströbele sind als die Blands die Idealbesetzung. Nicht nur, weil die hochgewachsene, dunkelhaarige Schönheit Mary Woronov, bekannt für ihren provokanten Sadomaso-„Peitschentanz“, auch im Original gut eineinhalb Köpfe größer als der halbglatzige Paul Bartel war. Nein, ihre Wandlung ist fantastisch. Da war man ein Leben lang gutmütig bis gutgläubig und „diese Schweine führen ein sorgloses Leben, während anständige Leute wie wir nie auf einen grünen Zweig kommen.“

Man beschließt also die Sexspielchen mitzuspielen. Holt sich Rat bei einer Domina (großartig: Claudia Marold als strenge Herrin am Telefon, in der Wohnung zwischen Bügeleisen und Gehschule), dreht ein Filmchen für den Sexkanal: Ruf-mich-an. Fabelhaft, wie Ströbele wie 180-Grad-Drehung vollzieht, im Wortsinn schlagfertiger wird, mehr Biss kriegt, sich emanzipiert, und Spaß an Krankenschwestern-Feuerwehrfrauen-Nazis-Babys-Minnie-Mouse-Verwandlungen, wie sie in die Rollen wächst. Dass Bernie Feit ein begnadeter Exkomödiant ist, ist bekannt. Wie ein begossener Pudel steht er daneben, zaghafter, zögernder, wunderbar deplaziert im Sexshop, aber knapp vorm Ende immer pfannenfertig. Man will ja das Eheweib schützen. Und der Dollar rollt. Und dann kommt Raoul. Eigentlich vom Schlüsseldienst, eigentlich Einbrecher. Nur entdeckt er statt Wertsachen Leichensäcke. Für den Latin-Macho-Lover kein Problem. Er beteiligt sich am Geschäft. Hundefutter. Sehr schön gibt Philipp Stix den pomadig-schmierigen Selbstverliebten mit mexikanischem Akzent. Als Raoul aber Mary zu nahe tritt, heißt’s Mann gegen Mann. Raoul bleibt zum Essen. Der Bankberater kommt, das Geschäft wird abgeschlossen. Es gibt Hausmannskost.

In diversen Swingerrollen scheuen Robert Notsch, Sybille Kos, Christoph Prückner und Michael Reiter vor keinen noch so peinlichen Dessous zurück. Besondere Anerkennung gilt Marcus Ganser für die genial raschen Bühnenumbauten und Alexandra Fitzinger und Margit Sanders für die Sixities-Kostüme, inklusive der hässlichsten Perücken von überhaupt, vor allem die Vokuhilas.

www.theaterzumfuerchten.at/theater-scala.htm

Wien, 2. 4. 2014