Wiener Festwochen: „Die Neger“ bleiben

März 30, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Übersetzer Peter Stein sagte Nein

Bild: Wiener Festwochen

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Vor einigen Wochen hatte es im Internet https://www.facebook.com/pamojamovement Aufregung um Jean Genets Stücktitel „Die Neger“ gegeben. Eine – so der Dramatiker – Clownerie, die der Autor von „Die Zofen“ 1958 verfasste. Regisseur Johan Simons wollte einlenken, den Titel für die Premiere am 3. Juni aus dem Französischen „Les nègres“ in „The Blacks“ oder in „Die Weißen“ umbenennen – doch Theaterpapst Peter Stein, das die Satire einst ins Deutsche übersetzte, legte sein Veto ein.

In „Die Neger“ reflektiert der Autor über die Hautfarbe als Stigma des Außenseiters. Als „Neger“ gilt ihm jeder Unterdrückte und Diskriminierte. In Simons’ Neuinszenierung illustrieren einige Schauspieler mit beißendem Spott das rassistische Klischee, andere Spieler repräsentieren die Kolonialisten. „Die Farbe der Leute auf der Bühne oder im Zuschauerraum ist keine Spiegelung der Gesellschaft. Statt darüber zu jammern, möchte ich dieses Problem thematisieren. Die Verwandlung der weißen Schauspieler wird nicht in der Maske, sondern auf der Bühne stattfinden, sie soll etwas Gewalttätiges, etwas Schmerzhaftes haben. Die äußere Farbe soll eine innere Revolte spiegeln“, erklärt Johan Simons. Der übrigens sowieso damit rechnet, dass nach fünf Minuten „die Aktivisten die Bühne stürmen“. In Wien spielen Felix Burleson, Karoline Bär, Benny Claessens, Stefan Hunstein, Hans Kremer, Anja Laïs, Christoph Luser, Oliver Mallison, Anne Müller, Wolfgang Pregler, Maria Schrader, Bettina Stucky, Edmund Telgenkämper und Kristof Van Boven.

Über den Autor: Jean Genet, geboren 1910 in Paris, gestorben 1986 ebenda, war ein Außen- und Andersseiender. 14 Gefängnisaufenthalte, Ausweisung aus fünf europäischen Ländern, Diebstahl, Zuhälterei, Schmuggel, Homosexualität, Stricher, Fremdenlegion. Seine Mutter übergab ihn sieben Monate nach der Geburt der öffentlichen Fürsorge. Sein Werk riss ihn von einer „Vergangenheit flagranter Vergehen“ los. Jean-Paul Sartre und Jean Cocteau schreiben an den Präsidenten der französischen Republik, Vincent Auriol, ein Begnadigungsschreiben aus lebenslanger Haft, Pablo Picasso bot sich an, für ihn ins Gefängnis zu gehen. Der Präsident begnadigte. Sartre nannte ihn in einer tausendseitigen Studie von 1952 „Saint Genet, Komödiant und Märtyrer“, „ein Genie, das keine Begabung ist, sondern der Ausweg, auf den man in hoffnungslosen Fällen kommt“. Genet wurde lange als  „Orpheus des Abschaums“ beschimpft. Noch in den 1950-Jahren bekamen Theater Bombendrohungen, wenn sie Genet spielten. Und noch 1966, nach der Pariser Erstaufführung von „Der Balkon“, wurde gefordert, dem „Théatre de France“ die Subventionen zu streichen. Zu wüst, zu weit entfernt von der öffentlichen Moral erschien vielen sein Werk. Auch in politischen Fragen, zu denen er lebenslang entschieden Stellung bezog. Heute feiern ihn viele als „Dissident der Sittlichkeit“. Auch der große Luc Bondy, der „Die Zofen“ bei den Wiener Festwochen inszenierte. „Es gibt“, so vielleicht Genets schönster Satz, „keine andere Quelle der Schönheit als die Verletzung.“ Oder wie der Wiener so sagt: I bin nega. Sind wir das nicht alle? Irgendwie?

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Wien, 30. 3. 2014