Landestheater Niederösterreich: Meine Mutter, Kleopatra

März 30, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Julia von Sell ist sensationell

Michou Friesz, Moritz Vierboom, Julia von Sell Bild: Josef Gallauer

Michou Friesz, Moritz Vierboom, Julia von Sell
Bild: Josef Gallauer

Die Tonalität stimmt, nur das Verhältnis Konsonanz/Dissonanz ist längst verschoben. Sie ist ganz Diva in goldener Kleopatra-Abendrobe, dann wieder halbnacktes Kleinkind, das vom Sohn mit dem Schwamm gewaschen werden muss. Ihre Auftritte sind theatralisch, durchtrieben, bösartig; man weiß nicht: schmerzt es mehr, wenn sie lakonisch oder tyrannisch ist? Sie schwebt zwischen Sticheleien und Schreierei – alles Zeichen ihrer Depression. Irrsinnig. Julia von Sell ist als Rebekka Weér die Sensation der Inszenierung.

Die besorgte als deutschsprachige Erstaufführung der ungarische Regisseur Róbert Alföldi, der ehemalige Intendant des Ungarischen Nationaltheaters, der auf Drängen der Regierung Orbán zum Ende der Spielzeit 12/13 abgesetzt wurde: „Meine Mutter, Kleopatra“, basierend auf dem Roman „Die Ruhe“ von Attila Bartis. Die Weér war einmal wer. Budapests gefeierter Schauspielstar, Shakespeares Kleopatra. Als sich ihre Tochter Judit, eine begabte Violinistin, in den Westen absetzt, legt die Partei ihrer Bühnenheldin die Schlange an die Brust. Die lässt ihr Kind sogar pro forma beerdigen – doch Politik ist unerbittlich. Entlassung. Ersetzung durch eine Komparsin. Schmach und Schande. Fünfzehn Jahre selbst gewählte Einzelhaft in der Wohnung. Das heißt: So Einzel- ist die nicht, Rebekka bleibt noch ihr Sohn Andor als Opfer ihrer Launen …

Alföldi – eines der Themen, das er variantenreich durchspielt, lautet: Darf besondere Begabung alles? – und seine Bühnenbildnerin Anni Füzér haben dafür ein Metallgerüst, treppauf, treppab, mit hohen Maschendrahtzäunen, einen Gefängnishof geschaffen. Darin ein samtrotener Thron für die entthronte Königin. Und allerlei Zeug von Frühstücksgeschirr bis mottenzerfressenen Pelzmänteln, die im Laufe der Handlung auch noch das Zeitliche segnen werden. Zu dieser „Realität“ schafft Alföldi (alb-)traumhafte Bilder, Rückblenden, die das Geschehene erklären. Ganz wunderbar, wie er in dem von ihm erdachten Szenario die St. Pöltener Schauspieler und ihre Gäste zu Höchstleistungen führt.

Zunächst natürlich, denn er ist eigentlich die zentrale Figur der Geschichte, Andor, den angehenden Schriftsteller, der den Wahnsinn seiner Mutter zu Papier bringen will. Und zu ihrer Nervenberuhigung sogar falsche Briefe von Judit schreibt. Moritz Vierbooms stumme, stoische Verzweiflung, seine ausdrucksstarke „Ausdruckslosigkeit“ ist große Kunst. Nur manchmal bricht sich bei ihm der Zorn Bahn, aber das ebbt bald wieder ab, das hat er anders nicht gelernt. Er ist der Mann, umgeben von fünf Frauen. In Erinnerungen sieht er Judit (Marion Reiser), sie anklagend, dass sie ihn nicht mitgenommen hat. Sie erzählen einander von einer traurigen Kindheit, lieblos, verwahrlost im Sinne von allein, verlassen, Mauerblümchen gegen den lockenden Lorbeer. Doch die Mutter, die Patriarchin, fordert immer noch Dankesschuld von ihren Abkömmlingen. Wie ein Wiedergänger kommt auch der pragmatische, brutale Funktionär Genosse Fenyö (Michael Scherff) immer wieder vor. Dem alle untertänig entgegenkommen. Als Rebekka sich ihm zur Rettung der Karriere anbietet, spuckt er ihr ins Gesicht: „Bedecken Sie Ihre Brüste.“

Dann ist da Susi Stach als Juli, die gute Seele, die sich immer wieder neue Städtenamen für die Briefe ausdenken muss, und als Nutte mit Vogel. Er ist tot und heißt Rebekka. „Ficken“ (vor dem Four-Letter-Word wie vor sehr viel Nacktheit auf der Bühne darf man keine Scheu haben. Ein paar Zuschauer „flüchten“ darob in der Pause und versäumen einen paradiesisch-erbarmungslosen Theaterabend) will Andor sie nicht. So lebt man dahin in seinen Lebenslügen. Wären da nicht noch zwei Frauen: Andors Geliebte Eszter (Lisa Weidenmüller), eine ungarische Jüdin, sich in ihre Historie verbeißend, gleichzeitig sein Manuskript herausbringen wollend – so dringend will sie ihm erfolgsförderlich sein, dass sie sich sogar sein Kind „auskratzen“ lässt. Eine Darstellung, die Respekt verdient, wie Weidenmüller ihrer Figur mehr und mehr Profil abgewinnt. Ein Besuch bei Rebekka, auf dem sie besteht, wird selbstverständlich zum GAU.

Doch es kommt zum Kampf der Titaninnen: Michou Friesz mischt auch noch mit. Als Verlagsredakteurin Éva Jordán, die Andors Manuskript begutachten soll. Und sich darin wiederfindet? Friesz ist elegant, schön, sexy, ganz kühle Fassade. Mit einem bitteren Geheimnis dahinter. Sie will den jungen Autor in ihrem Schoß haben. Kriegt ihn auch. Eine Ménage à trois, wie es sie schon zwischen ihr, Rebekka und dem alten Weér gegeben hat. Die späte Rache einer ewigen Zweitfrau? Da beginnt Andors Zellauflösung, umso mehr als ein Brief vom Roten Kreuz bescheinigt, dass Judit nicht mehr auf dieser Erde, sondern unter ihr … Und er beginnt wieder die Mutter zu waschen … Geschichte ist Wiederholung. Und das Leben kennt kein Entrinnen.

Dem Landestheater Niederösterreich ist mit dieser Produktion eine der besten der diesjährigen Saison gelungen. Wer das nicht gesehen hat, hat was versäumt! Am Landestheater zu sehen bis 10. April.  Am 1. und 2. April als Gastspiel in der Bühne Baden.

www.landestheater.net

www.buehnebaden.at

www.mottingers-meinung.at/robert-alfoeldi-im-gespraech/

Wien, 30. 3. 2014