Róbert Alföldi im Gespräch

März 28, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Meine Mutter, Kleopatra

Róbert Alföldi  Bild: Gerald Lechner

Róbert Alföldi
Bild: Gerald Lechner

Róbert Alföldi, der ehemalige Intendant des Ungarischen Nationaltheaters, der auf Drängen der Regierung Orbán zum Ende der Spielzeit 12/13 abgelöst wurde, was große Diskussionen, nicht nur unter Ungarns Intellektuellen, auslöste, führt Regie am Landestheater Niederösterreich: “Meine Mutter, Kleopatra”, basierend auf dem Roman “Die Ruhe” von Attila Bartis. Mit Julia von Sell, Moritz Vierboom, Michou Friesz und Susi Stach.

Der Inhalt: Die Karriere der gefeierten Budapester Schauspielerin Rebekka Weér, unvergeßlich in ihrer Rolle als Shakespeares Kleopatra, endet über Nacht, als sich ihre Tochter, eine hochbegabte Violinistin, in den Westen absetzt. Vom Parteiapparat unter Druck gesetzt, versucht sie – vergeblich – ihre Tochter zur Rückkehr zu bewegen. Um ihr eigenes Emporkommen nicht zu gefährden, erklärt sie die Tochter sogar für tot, „inszeniert“ ein Begräbnis. Doch ihre Entlassung vom Theater wird nicht rückgängig gemacht. Fünfzehn Jahre schließt sie sich immer mehr dem Wahnsinn ergebend in ihrer Wohnung ein. Bei ihr: Ihr Sohn, der die Geschichte des Stars als Schriftsteller zu Papier bringt. Und sich dabei in ein Netz aus Haß, Erpressung, Überwachung und Obsessionen verstricken lässt. Während draußen das politische System zusammenbricht …

MM:„Meine Mutter, Kleopatra“ liest sich wie die Entstehungsgeschichte von Attila Bartis’ Roman „Die Ruhe“, als hätte der Autor eine Dramatisierung vorgenommen, in der Andor beginnt, sein Buch zu schreiben. Sie haben den Stoff 2008 auch verfilmt, sind ihm also nahe. Haben beziehungsweise hatten Sie beim Film mit Bartis Kontakt, führten sie Gespräche – und worüber?

Róbert Alföldi: Attila Bartis nahm an den Vorbereitungen für den Film Teil, aber er hat es weitgehend akzeptiert, dass ein anderer Künstler seinen Roman bearbeiten will. Die Basis für die Bühnenfassung hat Bartis selber geschrieben.

MM: Es ist einerseits ein Lehrstück über die Sippenhaftung, die ein Regime über seine Bürger verhängt, andererseits setzt sich die öffentlich vollzogene Tyrannei durch Mutter Rebekka in der Familie fort. Stimmt darauf der Satz: Das Politische ist immer privat, das Private immer politisch?

Róbert Alföldi: Nur wenn man in einer Gesellschaft leben muss, in der die Politik auch das Private in der Hand haben will.

MM: Warum spielen Sie uns dieses Stück jetzt vor? Der Kommunismus ist doch in Ungarn nicht mehr das politische Leitthema. Man muss das Stück also auf eine universellere Ebene heben? Was ist diese Ebene für Sie?

Róbert Alföldi: Für mich erzählt das Stück nicht über Kommunismus, sondern darüber, wie jede Diktatur, egal welcher Farbe, die menschlichen Beziehungen kaputt machen kann, indem sie sich so aggressiv ins Private einmischt. Dieses Thema ist absolut universell, aber auch ein besonderes Leitthema des heutigen Ungarns.

MM: Und – Zusatzfrage: Was ist trotzdem das typisch Ungarische an „Meine Mutter, Kleopatra“? Ungarn hatte zwanzig Jahre Demokratie, dann ging es – man muss es sagen: mit großer Mehrheit gewählten – rechtspopulistischen Führern auf den Leim. Ist Demokratie zu schwierig für Ungarn?

Róbert Alföldi: Demokratie ist für jedes Land schwierig. Aber es gibt Länder, die in ihrer Geschichte wenig demokratische Erfahrungen  gemacht haben, und zu denen gehört auch Ungarn. Jahrhundertelang lebte dieses Land im Schatten einer Großmacht: die Türken, die Österreicher oder die Sovietrussen. Das ist nun mal Tatsache, aber keine Entschuldigung dafür, was heute in Ungarn passiert. Das hat nämlich viel mit mangelnder Vergangenheitsbewältigung zu tun, aber auch mit einer Art Faulheit und Feigheit, uns unserer Verantwortung als BürgerInnen einer Demokratie zu stellen.

MM: Der Text hat etwas Surreales, Albtraumhaftes. Wie setzen Sie das auf der Bühne um? Mit filmischen Elementen?

Róbert Alföldi: Es gibt keine filmischen Elemente, wir sind ja auf dem Theater. Ich hoffe sehr darauf, dass die ganz hervorragenden SchauspielerInnen, mit denen ich arbeite, jede Dimension des Stückes den ZuschauerInnen  vermitteln können.

MM: Wie Andor zwischen den beiden starrköpfigen, starken Frauen Rebekka und Eva steht, stehen Sie als Regisseur zwischen den starken Schauspielerinnen Julia von Sell und Michou Friesz. Wie geht’s Ihnen mit ihnen und dem Ensemble? Sie sollen ja ziemliches Temperament haben, oder, um ein Klischee zu bedienen, Paprika im Blut 😉 Kommt das gut?

Róbert Alföldi: Es kommt ausgezeichnet. Die erwähnten Kolleginnen sind wunderbar, wie auch jeder andere im Ensemble, mit dem ich das Glück habe hier zu arbeiten. Leidenschaft tut immer gut, dem Theater besonders, denn es ist eine Sache des Bauchgefühls. Ohne Leidenschaft lohnt sich nichts.

MM: Ihre erste Auslandsarbeit nach Ihrer Intendanz war „Die Möwe“  am Theater an der Rott, nun St. Pölten. Ist das Ihre Situation als Künstler jetzt: Zu reisen und zu inszenieren?

Róbert Alföldi: Es ist mir eine Ehre, in diesen Theatern arbeiten zu dürfen. Ich genieße es, andere Kulturen, andere Theater und Ensembles kennenzulernen und arbeite gern im Ausland. Dennoch wäre es mir gerade jetzt, wo es in meinem Vaterland so viele politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Probleme gibt, äußerst wichtig, dass ich vor allem in Ungarn arbeite.

MM: Können beziehungsweise wollen Sie in Ungarn arbeiten? Wie geht es Ihnen emotional? Sie haben ein Publikum zurückgelassen, das Sie und Ihre Arbeiten sehr liebt und schätzt.

Róbert Alföldi: Es gibt noch einige Häuser, die mich einladen, um dort zu inszenieren. Aber in einer Stadt auf dem Land zum Beispiel, wo ich früher einmal sehr erfolgreich inszeniert habe, und der Intendant mich für eine nächste Arbeit wieder eingeladen hat, wurde ihm das vom dortigen Bürgermeister verboten, und er hat leider gehorcht. Das finde ich schon traurig. Die wirklich persönlichen Beziehungen bleiben im Leben immer erhalten. Meine Emotionen sind erhöht. Das hat mit dem zu tun, was mir passiert ist und immer noch passiert, aber noch mehr damit, was in meinem Land passiert. Aber ich lecke nicht meine Wunden. Ich versuche, nach vorne zu schauen. Jetzt ist es zum Beispiel ein großes Glück, dass ich in St. Pölten arbeiten darf, die Stadt liegt nur dreieinhalb Stunden von Budapest entfernt. Da kann auch mein Publikum kommen, um sich Meine Mutter, Kleopatra anzusehen, und das werden sie auch tun.

MM: Im April sind Parlamentswahlen in Ungarn. Worauf hoffen Sie?

Róbert Alföldi: Realistisch kann ich nur darauf hoffen, dass die Rechtsextremen nicht mit mehr Stimmen ins Parlament kommen, und dass die regierende Partei wenigstens keine Zweidrittel- Mehrheit mehr haben wird.

Die Übersetzung des Interviews aus dem Ungarischen machte Anna Lengyel.

 BUCHTIPP

Attila Bartis: Die Ruhe, 300 Seiten, aus dem Ungarischen von Agnes Relle. Suhrkamp Verlag.

Attila Bartis‘ gefeierter Roman „Die Ruhethematisiert auf eindrucksvolle Weise nicht nur diese spezifische Familiengeschichte – ein Künstlerroman -, sondern setzt sie auch in den Kontext mit Ungarns politischer Wende. Die moderne und packende Dramatisierung zeigt die menschlichen und sexuellen Verstrickungen der handelnden Figuren und deckt schonungslos und mit tiefschwarzem Humor familiäre Abhängigkeiten auf.  Bartis, 1968 im rumänischen Siebenbürgen geboren, also Mitglied einer ungarischen Minderheit, erzählt seine Geschichte mit beklemmender Intensität. Dieser roman noir, der in manchen Zügen an Werke Sartres und Camus‘ erinnert, wird eines der bleibenden Bücher über die (derzeit) gescheiterte ungarische Revolution sein.

www.landestheater.net

www.mottingers-meinung.at/landestheater-niederoesterreich-meine-mutter-kleopatra/

Wien, 28. 3. 2014