Interview: Michael Thalheimer inszeniert „Elektra“

Februar 8, 2013 in Bühne

 „Elektra“: Ein großer düsterer Pinselstrich
„Ver-Dichter“ Michael Thalheimer inszeniert am Burgtheater Hugo von Hofmannsthals „Elektra“. Der Regisseur im Gespräch.

Er hätte, rechnet man die Orestie des Aischylos dazu, aus neun Elektren wählen können. Von Sophokles bis Ezra Pound, von Gerhart Hauptmann bis Eugene O`Neill. Michael Thalheimer hat sich für Hugo von Hofmannsthal entschieden. Dessen „Tragödie in einem Aufzug“ inszeniert er nun an der Burg. Und diese Betitelung macht auch klar, warum.

Regisseur Thalheimer, vom deutschen Feuilleton durchaus liebevoll „der Ver-Dichter“ genannt, findet diesen Teil der Arbeit hier schon vom Dichter erledigt: Das Entfernen von Abschweifigem und Überflüssigem, das Destillieren, das zur Quintessenz Eindampfen, das zum Kern eines Textes Vordringen. Kaum ein „Thalheimer“ dauert länger als 90 Minuten. Auch sein fabelhafter „Faust“ – an der Burg als Gastspiel – war ein konzentriertes Vier-Personen-Drama.

Klaustrophobisch

Hofmannsthal, sagt er, habe er gewählt, „weil er den Moment der Rache der Elektra fokussiert und das Ganze dadurch wie ein großes klaustrophobisches Gedicht wirkt.“ Nur die Familie, fünf Personen, sind da. Elektra, Tochter des mykenischen Königs Agamemnon, die ansehen musste, wie ihre Mutter Klytämnestra mit ihrem Liebhaber Ägisth den Vater tötete. Elektras Gegenbild in Gestalt ihrer Schwester Chrysothemis, „ein Weib, das ein Weiberschicksal (heißt: Mann und Kinder statt Tod und Verderben) will.“

Und beider Bruder Orest.

Am Ende der Metzler.

Ein Familientraumadrama, diesen „Riss in der Zeit“, entstanden durch Agamemnons Tod, das will Thalheimer zeigen. „Das Stück ist ein großer düsterer Pinselstrich von Hugo von Hofmannsthal. Er gibt das Format vor und ich folge ihm.“

Auf das Publikum wartet, um einen Kinotitel zu bemühen, ein Kampf der Titaninnen: Christiane von Poelnitz spielt die Elektra, Catrin Striebeck die Klytämnestra. Vor allem für Erstere wird der Abend zum Kraftakt. Elektra ist die ganze Zeit auf der Bühne. Thalheimer, früher selber Schauspieler, gelegentlich noch Schlagzeuger, weiß, was das heißt.

Tour de Force.

Die Antike hat’s ihm angetan. Zu zeitgenössischen Dramatikern, sagt er höflich, fehle ihm, wiewohl er sie für das Theater für absolut unverzichtbar halte, im Moment der Zugang:

„Es ist so: Mich führt es derzeit zu anderen Stoffen.“

Mensch bleibt Mensch

Die Orestie, Medea, Ödipus, Antigone hat er in Szene gesetzt. Von Interviewern gefragt, „was einem diese alten Texte noch zu sagen hätten“, ist er auch schon aufgestanden und gegangen. Der Mensch bleibt der Mensch bleibt der Mensch. „In der Orestie heißt es: Tun – Leiden – Lernen“, erklärt Thalheimer. „Das mit dem Tun und Leiden haben wir heraußen, aber Lernen ist das Schwierigste. Deshalb fällt man immer wieder zurück zum Tun-Leiden, Tun-Leiden, Tun-Leiden … Und hofft auf das Lernen. In der Mitte läge die Zufriedenheit des Menschen. Das Extrem fällt uns leicht: Wut, Trauer, Glück. Was uns schwerfällt, ist Zufriedenheit.“

Und zwar seit 2500 Jahren.

Thalheimer: Preise von Wien bis Moskau

Zur Person: Michael Thalheimer wurde 1965 bei Frankfurt am Main geboren. Arbeitete zunächst als Schauspieler an verschiedenen deutschen Stadttheatern, seit 1997 Regisseur. Von 2005 bis 2008 leitender Regisseur und Mitglied der Künstlerischen Leitung am Deutschen Theater Berlin. Thalheimers Inszenierungen erhielten viele Auszeichnungen, u.a. den 3sat -Innovationspreis, den Wiener Theaterpreis „Nestroy“ und die Moskauer „Goldene Maske“.

Zur Inszenierung: In „Elektra“ spielen neben Christiane von Poelnitz und Catrin Striebeck Adina Vetter (Chrysothemis), Falk Rockstroh (Ägisth) und Tilo Nest (Orest).