Jelinek-Uraufführung in München

Februar 8, 2013 in Bühne

Jelinek flaniert über die Maximilianstraße

In „Die Strasse. Die Stadt. Der Überfall“ widmet sich die österreichische Nobelpreisträgerin in den Münchner Kammerspielen der Nobeleinkaufsmeile.

Aufatmen. Endlich geht’s ohne Bankenskandal, Kampusch und Sportsungeist. Viele Stücke lang hat sich Elfriede Jelinek an diesen Lieblingsthemen abgearbeitet. Nun wandte sich Österreichs Literaturnobelpreisträgerin im Auftrag von Johan Simons einem weiteren zu: Mode.

Der Intendant der Münchner Kammerspiele bat die Autorin zum 100-Jahr-Jubiläum des Hauses um das – in doppelter Bedeutung – Naheliegende. Einen Text über die Nobeleinkaufsmeile Maximilianstraße. An dieser ist das altehrwürdige Theater gelegen; und wie viel der Literatin am perfekten Outfit gelegen war, so lange sie sich noch in der Öffentlichkeit präsentierte, ist ja Legende.

So entstand mit „Die Strasse. Die Stadt. Der Überfall“ ein neues Stück aus der Sprach-Kollektion Jelinek.

Geld vs. Geschmack

Wortwitzig flaniert Jelinek von Dior zu Chanel und „zu dem, was früher einmal Valentino war“. Simons selbst inszeniert mit Augenzwinkern. Fünf Herren lässt er, mehr oder minder leicht bekleidet, über die liebe Not philosophieren, viel Geld, aber wenig Geschmack zu haben. Oder die falschen Accessoires zum richtigen Abendkleid.

Oder … Das Ganze gerät zum Theatertherapieabend für Shoppingsüchtige.

An ihren Handtaschen werdet ihr sie erkennen!

Stephan Bissmeier, Hans Kremer, Steven Scharf (der auch die Maximilianstraße darstellt), Marc Benjamin und Maximilian Simonischek (als seltsames Doppelgeschöpf) mäandern mit Bravour zwischen Verzweiflung und Louis Vuitton, zwischen Modemanie und Max Mara. Ein Kaufrausch auf eisbedeckter Bühne, mitten im Publikum. Ein Konsum-Grusical mit schriller Musik.

Hier wird das Äußere nach innen gestülpt, damit der Schein zum Sein passt.

Konsumgötter

Bis sie auftritt, die Autorin, gespielt von Sandra Hüller, eingehüllt in ein Luxuslabelsackerl, und die Reichsinsignien der Fa­shionfürsten, die Allmacht der Modeschöpfer infrage stellt. Da zürnen sie aber, die Konsumgötter. Wie Bacchantinnen werfen sich die Boutiquenplünderinnen auf sie. Wunderbar auch, wie Jelinek sich selbst persifliert. Etwa mit dem Satz, sie sei die bestangezogene Staatskritikerin – nur würd’s eben leider keiner sehen.

Bis dahin war der Abend glatte viereinhalb Punkte wert. Auch wegen seiner größeren Gültigkeit. Zum Wiener Kohlmarkt war’s da nur ein Katzensprung …

Dann aber exhumierte sich Rudolf Moshammer (in Gestalt von Benny Claessens). Ein Wiedergänger, der seinen durch einen Lustknaben verursachten Tod wiederkäut. Und ob seines Endes das der Modewelt fordert. Da wurden die Minuten lang. Simons Liebe zur Jelinek entpuppte sich wieder einmal als seine Schwäche: Er kann ihre Texte nie kürzen. Und nimmt ihnen damit Würze.