Die Bücherdiebin

März 20, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Lesen kann Wunden heilen

Liesel Meminger (Sophie Nélisse) Bild: © 2013 Twentieth Century Fox

Liesel Meminger (Sophie Nélisse)
Bild: © 2013 Twentieth Century Fox

Es wäre leicht zu sagen, dieser Film ist kindlich-naiv. Die 13-jährige Hauptdarstellerin Sophie Nélisse, „Liesel“, wurde in der kanadischen Provinz Quebec geboren. Vom Holocaust hat sie in der Schule so gut wie nichts gehört. Anne Frank? Kennt sie nicht. Im Dritten Reich wurden Bücher verbrannt? Wirklich? Ihr deutscher Partner, Nico Liersch (Rudi Steiner), 14 Jahre alt, weiß das natürlich alles. Und genau so sollte man „Die Bücherdiebin“ sehen: Wie Tom Cruises für europäische Augen grottenschlechte „Operation Walküre“, die aber in den USA das Bewusstsein schuf, dass es sehr wohl innerdeutschen Widerstand gab. Nicht jeder Fritz war ein Nazi. Außerdem adelt Regisseur Brian Percival („Downton Abbey“ – we love it!) die Verfilmung seines Weltbestsellers des australischen Autors Markus Zusak mit Geoffrey Rush, Emily Watson, Ben Schnetzer und Ben Becker als Tod. Als tiefrauchige Stimme aus dem Off. Darüber hinaus sind Burgschauspieler Oliver Stokowski als Rudis Vater, Burg-Gast Matthias Matschke als NSDAP-Mitglied und Heike Makatsch als Liesels Mutter zu sehen

Erzählt die Geschichte von Liesel, deren jüngerer Bruder stirbt, kurz bevor sie zu ihren neuen Pflegeltern kommt – zum herzensguten Hans Hubermann (Geoffrey Rush) und zu seiner etwas kratzbürstigen Frau Rosa (Emily Watson). Rosa verkörpert anscheinend das Böse und Inhumane dieses an den Führerlippen hängenden Deutschlands, ihr Mann Hans das nun untergebutterte Menschliche, das gute Worte nun nur noch zu flüstern, milde Gesten nur noch heimlich auszuführen wagt. Erschüttert vom nur ein paar Tage zurückliegenden tragischen Tod ihres jüngeren Bruders und noch etwas eingeschüchtert von ihren neuen „Eltern“, die sie gerade erst kennengelernt hat, bemüht sich Liesel, sich anzupassen – zu Hause wie auch in der Schule, wo ihre Klassenkameraden sie als Dummkopf verspotten, weil sie noch nicht lesen kann. Doch mit der unbeirrbaren Leidenschaft einer wissbegierigen Schülerin, ist Liesel entschlossen, diesen Makel abzustellen. Und sie bekommt Hilfe, von ihrem einfühlsamen „Papa“ Hans, der Tag und Nacht mit Liesel arbeitet, als sie über ihrem ersten Buch sitzt und es intensiv studiert. Hans ist von Beruf Anstreicher und sein ständiger Begleiter ist ein altes Akkordeon, dem er warme und keuchende Klänge und Akkorde entlockt. Er wirkt wie ein sehr einfacher Mann, tatsächlich aber steht er in puncto Komplexität keiner Figur nach, die Rush in seiner Karriere bisher verkörpert hat. „Hans’ größte Gabe ist meines Erachtens seine sehr ausgeprägte emotionale Intelligenz“, beschreibt Rush seine Figur. „Und diese Feinfühligkeit führt auch dazu, dass er fast auf Anhieb eine enge Beziehung zu Liesel aufbauen kann. Hans spürt, dass Liesel sehr schwere Zeiten durchgemacht hat und er versucht Wege zu finden, sie aus der Reserve zu locken – manchmal eben auch durch das Akkordeon, das er mit großer Begeisterung spielt.“

Fantasie und die Macht und die Magie der Worte, Herz und Seele wie auch der unbedingte Wille, durchzuhalten und das Gefühl, dass letztlich das Gute triumphieren wird, sind die dramaturgischen Motoren des Films. Nur so kann man den verstörenden Ereignissen entfliehen. Lesen kann Wunden heilen.

Doch Brian Percival inszeniert ein geschicktes Täuschungsmanöver. Die Hubermanns, so verschieden die Charaktere und Überlebensstrategien von ihr und ihm auch sein mögen, sind alles ­andere als Nazis. Es sind Oppositionelle, von den waschechten Hakenkreuzlern misstrauisch beäugt und  aus­gegrenzt. Wie wagemutig und anders sie sind, zeigt sich, als sie den Juden Max (Ben Schnetzer) bei sich verstecken. Liesels Faszination für ihren neuen Mitbewohner erwacht, da beide verwandte Seelen sind. Beide sind Vertriebene, haben ihre Familien verloren und entwickeln zueinander eine starke Bindung. Beide lieben sie Bücher, und das wird für ihr Überleben schließlich genauso wichtig wie Essen und Schutz. Max lehrt Liesel viel mehr als nur noch besser lesen zu können. Er lehrt sie, wie sie Worte einsetzen und verwenden muss und öffnet ihr damit die Augen für die Welt, in der sie lebt – in seinem neuen Heim, im dunklen und manchmal eisigkalten Keller. Auch ihr junger Nachbar und Schulkamerad Rudi Steiner verändert Liesel. Liesel und Rudi werden schnell Freunde, machen alles gemeinsam und stehlen zusammen auch Bücher, wobei Liesel stets betont, dass sie diese nur „ausleihen“ würde. Tatsächlich ist es auch Rudi, der Liesel den Spitznamen „Die Bücherdiebin“ gibt.

„Die Bücherdiebin“ beginnt Verbotenes zu lesen und holt sich Literatur auch aus dem Haus eines Nazibonzen und von den für sie aufgestellten Scheiterhaufen. In einer von  großen Emotionen aufgeheizten  Sequenz wird Liesel Zeuge, wie unter dem Jubel der Stadtbewohner Tausende von Büchern in den Flammen verbrennen. Nach diesem schockierenden Erlebnis rettet Liesel ein Buch, das noch vor Hitze qualmt, vor dem alles vernichtenden Feuer. Eine brandgefährliche Situation … Für seinen Roman ließ sich Markus Zusak von Geschichten inspirieren, die ihm seine Eltern in seiner Kindheit in Australien erzählten. „Man hatte das Gefühl, als würde unsere Küche zu einem Teil von Europa, wenn meine Mutter und mein Vater von ihrer Kindheit in Deutschland und Österreich, von den Bombardierungen Münchens und von den Gefangenen erzählten, die die Nazis im Marschschritt durch die Straßen trieben“, erinnert sich Zusak. „Damals war mir das noch nicht bewusst, aber diese Geschichten brachten mich schließlich dazu, Schriftsteller werden zu wollen. Ein zentrales Thema der Geschichte ist, dass Hitler die Menschen, das deutsche Volk, mit seinen Worten zerstört. Liesel holt sich diese Worte zurück, sie stiehlt sie und schreibt dann mit ihnen ihre eigene Geschichte.“

Brian Percival geht sehr sorgsam mit der Vorlage um; er inszeniert fehlerlos. Und führt seine Schauspieler zu Höchstleistungen. Manche werden „Die Bücherdiebin“ als opulent bebilderte Schulze schelten, man sollte darin aber eine große Geschichte über Mut, Mitmenschlichkeit und Anstand sehen. Und übers Neinsagen. Natürlich gibt es drastischere Filme über das Dritte Reich. Sie sind wichtig. Aber hier darf man froh sein über jeden, der sich zu Zivilcourage – und zum Lesen – animieren lässt!

www.diebuecherdiebin-derfilm.de

www.thebookthief.com

Trailer: www.youtube.com/watch?v=7Wt38kDWjaI

Wien, 20. 3. 2014