Judi Dench ist Philomena

März 19, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Aus M wird eine Mutter auf der Suche nach ihrem Kind

Judi Dench und Steve Coogan Bild: © 2013 THE WEINSTEIN COMPANY

Judi Dench und Steve Coogan
Bild: © 2013 THE WEINSTEIN COMPANY

Aus den James-Bond-Filmen ist sie draußen. Ein Glück. Denn nun kann sich Dame Judi Dench wieder künstlerisch wertvollen Filmen widmen. Der für vier Oscars und einen Golden Globe nominiert gewesene „Philomena“ von Regisseur Stephen Frears ist so einer. Und Frears packt wieder sein großes Können aus: eine tragische Geschichte mit so viel very britisch cheeriness indeed zu unterfüttern, dass es zwar die Herzen rührt, das Auditorium aber nicht im Tränenmeer ertrinkt.

Die Geschichte ist wahr, Ähnlichkeiten sind nicht zufällig, sondern sollen erkannt werden. Judi Dench spielt eine irische Mutter, deren unehelicher Sohn in den 50-Jahren von Nonnen der katholischen Kirche an reiche Amerikaner verkauft wurde. Der Erlös ging an die Klöster. Noch immer kiefelt Irland an diesem Skandal, aber in der Papsthochburg sind zwar viele Kläger, nur keine Richter zu finden. Im Jahr 2009 legte die irische Regierung einen Bericht über das Schicksal von Kindern und Jugendlichen in kirchlichen Institutionen vor, es geht um 35.000 Kinder, die in Schulen, Korrekturanstalten, Waisenhäusern einem als systematisch und ritualisiert beschriebenen Missbrauch seelischer, körperlicher, sexueller Art ausgeliefert waren. Wo Nonnen die Augen vor den Umtrieben pädophiler Priester und Mönche verschlossen oder Kinderkrankenhäuser und Waisenhäuser etwa dem BBC-Entertainer Jimmy Savile gegen Spendengelder freien Zugang zu Aberhunderten immer neuen Opfern gewährten. Dench/Philomena, mittlerweile in die Jahre gekommen, mit arthritischen Knien und Hüftleiden, will ihr Kind finden. Anthony. Und sucht dazu die Hilfe des früheren BBC-Korrespondent Martin Sixsmith (Steve Coogan), der überhaupt kein Interesse an human interest stories hat. Er war mal wer. Also bitte! Spindoktor von Tony Blair, Autor bitterböser Politsatiren. Doch wer kann Philomena schon widerstehen? Der wahre Sixsmith hat den Tatsachenroman „The Lost Child of Philomena Lee“ geschrieben.

Im Fim beginnt ein Roadmovie, in dem sich ihre naive Schwärmerei für Trivialliebesschmonzetten und seine zynischen Kommentare dazu aneinander reiben. Die Konfrontation des von einer Niederlage gekränkten Karrierejournalisten mit der einfachen Frau, die sich in den Niederungen ihres Lebens ein großes Herz bewahrt, gibt Stoff für köstliche Szenen und Dialoge. Sie verfolgen Anthonys Spur bis Washington. Dort ist er einflussreicher Politiker. Ein schwuler Republikaner! Doch er bleibt ein Schatten. Wie sich Mutter und Sohn suchen und verpassen, auch weil die Nonnen bösartig ihre Wege verwirren, ist der Stoff einer großen Tragödie. „Viele Leute sehen in dem Film eine Polemik gegen die katholische Kirche“, sagt Judi Dench im Interview. „Philomena hat trotz allem ihren Glauben nicht verloren. Diese Entscheidung ist ihr bestimmt nicht leicht gefallen. Aber sie hat verstanden, dass es besser ist zu vergeben, als ein Leben voller Hass zu führen.“

Rückblenden machen das Ausmaß der Grausamkeiten deutlich: Aus einem kurzen Liebeshimmel wird ein Abstieg in die Hölle. Von der Familie verstoßen, in einem Nonnenkloster kaserniert, entbindet Philomena wie Tausende Mädchen in ihrer Lage unter unsäglichen Bedingungen, sie leistet jahrelang Sklavenarbeit in einer Wäscherei, man entreißt ihr das Kind. In den sogenannten Magdalenenhäusern landeten Mädchen, Ausgestoßene einer Gesellschaft, die sich hinter moralischem Hochmut verschanzte. Die jungen Frauen wurden mit System zerstört. Kleidung konfisziert, Brüste abgebunden. Haare geschoren. Der persönliche Name ausgelöscht, ein Deckname verpasst. Sie wurde überrollt von einem perfiden System, in dem sich Sadismus und Habgier zu einem teuflischen Vernichtungswillen verschränkten. Die Strafe Gottes für die Wollust! Nannten das die Sisters of Mercy. Eine starke Szene: Wenn sich Philomena an den Ort ihrer kindlichen Finsternis zurückwagt, und dort durch das Gitter blickt, aus dem sie mitansehen musste, wie ihr Kind von Fremden in ein Auto gestopft und abtransportiert wurde. Unermeßlicher und gleichzeitig würdevoller kann Schmerz nicht aussehen. Judi Dench zeigt, wie noch das Schlimmste zu ertragen ist. Wie Philomena sagt: „Ich will Leute nicht hassen.“ Frage an Judi Dench: Philomena ist unglaubliches Unrecht widerfahren, dennoch ist sie überzeugt, dass nichts ohne Grund passiert. Was glauben Sie? Dench: „Ich glaube zumindest, dass sich der Sinn von Ereignissen, nicht im ersten Moment, sondern oft erst später erschließt. Ich habe daher für mich beschlossen, in allem das Positive zu sehen. Das scheint mir eine gesunde Lebensauffassung.“

TIPP:

Benjamin Black: Nicht frei von Sünde, 429 Seiten, übersetzt von Christa Schuenke. Kiepenheuer & Witsch.

Der Man-Booker-Preisträger John Banville hat unter dem Pseudonym Benjamin Black 2007 seinen ersten Krimi verfasst. Und natürlich ist es kein Whodunit im herkömmlichen Sinne. Der versoffene Pathologe Quirke findet eines Nachts die Leiche einer jungen Frau auf seinem Tisch. Lungenembolie wie auf dem Totenschein vermerkt? Kann nicht sein. Eher eine verpfuschte Geburt, ein Schicksal, das sie mit vielen jungen Frauen im Irland der Fünfzigerjahre teilte. Und so forscht der Totengott in Weiß unter Einsatz seines Lebens weiter. Denn er gerät nicht nur mit dem katholischen Establishment in Konflikt. Die Fäden laufen im tief verschneiten Boston inmitten der dortigen High Society zusammen. Ein Buch, atmosphärisch dicht, mitreißend und sprachlich brillant.

http://philomenamovie.com

www.philomena-film.de

Trailer: www.youtube.com/watch?v=kO-p40GHg6o

Die echte Philomena: www.youtube.com/watch?v=VkYzAEsUTEY

www.kiwi-verlag.de

Wien, 19. 3. 2014