Kunsthalle Krems: William Kentridge

März 14, 2014 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Künstler kommt auch zu den Wiener Festwochen

William Kentridge: Zeichnung für den Film "Felix in Exile", 1994 © William Kentridge, 2014, Courtesy William Kentridge Studio

William Kentridge: Zeichnung für den Film „Felix in Exile“, 1994
© William Kentridge, 2014, Courtesy William Kentridge Studio

Ab 16. März zeigt die Kunsthalle Krems William Kentridges „Ten Drawings for Projection“. William Kentridge (* 1955) setzt sich in seinem Schaffen mit den Bedingungen des Menschseins, der Conditio humana auseinander. Leid, Verlust, Trauer, Schmerz und Tod, aber auch Vergnügen, Sehnsüchte, Leidenschaften und Humor spielen eine bedeutende Rolle in seiner vielschichtigen Arbeit.

Neben rauminstallativen Arbeiten, Theaterinszenierungen und Bühnenbildern widmet sich Kentridge vor allem dem Medium der Zeichnung, die er in Form von Animationsfilmen zum Leben erweckt. Aus einer Reihe von Bildern, gezeichnet mit Kohle oder Pastellfarben, die der Künstler mit einer Filmkamera durch Einzelbildschaltung abfotografiert, entstehen erzählerische, poetische und mit suggestiver Kraft aufgeladene Kurzfilme. Ihre Inhalte setzen sich mit der dramatischen Geschichte und den politischen Konflikten Südafrikas in Zeiten der Apartheid, mit Kolonialismus, Totalitarismus, kapitalistischer Gier und Korruption auseinander. Gerade in ihrer Unmittelbarkeit und vermeintlichen Einfachheit vermögen  Kentridges filmische Skizzen existentielle Fragen des Lebens zu verbildlichen. „Ich glaube, dass die Unbestimmtheit der Zeichnung, die Zufälligkeiten, mit denen Bilder in ein Werk gelangen, ein Modell dafür liefern, wie wir unser Leben führen“, sagt William Kentridge.

Auf inhaltlicher Ebene verhandeln die Filme des Zyklus Ten Drawings for Projection die dramatische, von  politischen Konflikten gezeichnete Geschichte Südafrikas. Immer wieder stehen dabei Fragen sozialer wie moralischer Verantwortung, Täter-Opfer-Beziehungsstrukturen sowie Aspekte der individuellen und kollektiven Erinnerung im Zentrum von Kentridges Schaffens. Die
sichtbar bleibende künstlerische Strategie des ständigen Ausradierens und permanenten Überschreibens von gezeichneten Informationen thematisiert überdies das Vergehen von Zeit. Die metamorphosenhafte Zeichenspur bleibt dabei sichtbar und kann als Metapher für den Verlust historischer Erinnerung bzw. kultureller Amnesie gelesen werden. Über seine filmischen Arbeiten, die in der Freiheit der Ausführung eine Direktheit vermitteln, wie es sonst nur der Zeichnung eigen ist, sagt Kentridge: „„Alle Filme über Soho Eckstein und Felix Teitlebaum entstanden nach dem Prinzip Kein Skript, Kein Storyboard. Die Entstehung jedes Films war die Entdeckung dessen, was jeder Film war. Ein erstes Bild, ein erster Satz oder eine erste Idee rechtfertigen sich durch die Entfaltung der Bilder, Sätze und Ideen, die das Werk in seinem Entstehungsprozess hervorbrachte. Das unvollständige Ausradieren der aufeinanderfolgenden Zustände jeder Zeichnung wird zu einer Aufzeichnung der Entwicklung einer Idee und zum Protokoll über das Vergehen der Zeit.“

Die Ausstellung Ten Drawings for Projection umfasst den gesamten gleichnamigen Animationsfilmzyklus dessen Entstehung sich von Johannesburg, 2nd Greatest City After Paris (1989) bis zu Other Faces (2011)  über mehr als zwei Jahrzehnte erstreckt. Das Wechselspiel zwischen teils traumhaft-fantastischen Sequenzen und der schonungslosen Darstellung einer düsteren Lebensrealität personifiziert Kentridge im Gegensatzpaar seiner Protagonisten, des Johannesburger Magnaten Soho Eckstein und des melancholisch-eskapistischen Felix Teitlebaum. Gezeigt werden: Johannesburg, 2nd Greatest City After Paris (1989); Monument (1990); Mine (1991); Sobriety, Obesity and Growing Old (1991); Felix in Exile (1994); History of the Main Complaint (1996); WEIGHING… and WANTING (1998); Stereoscope (1999); Tide Table (2003) sowie Other Faces (2011).

William Kentridge bei den Wiener Festwochen

Ab 9. Juni zeigt William Kentridge im MQ/Halle E seine Neuinszenierung von Franz Schuberts Winterreise. Kentridge hat zu den vierundzwanzig Liedern von  Schuberts Winterreise vierundzwanzig Animationsfilme gezeichnet, Landschaften als Metaphern des Erinnerns und Vergessens: „Die Art und Weise, wie sich Geschichte in Landschaften verbirgt, entspricht der Funktionsweise unseres Erinnerns. Dinge, die scheinbar unauslöschlich in unser Gedächtnis eingeschrieben sind, verblassen allmählich und werden trügerisch. Dieser Prozess spiegelt sich in der Landschaft, die auf ihr geschehene Ereignisse nicht festhalten kann“, so Kentridge. Er fertigt eine Zeichnung an und filmt sie ab, das Original wird ausradiert, überzeichnet, erneut gefilmt und wieder ausradiert: „Steinzeitliches Filmemachen“ nennt er diese Technik der Transformation. Seine tänzerisch-leichten und eleganten Animationen und ihr subtiler Humor stehen in scheinbarem Antagonismus zur Melancholie in der Winterreise.  Bei den Wiener Festwochen wirft Kentridge einen überraschenden Blick auf diesen wohl berühmtesten Liederzyklus als „Trio für Sänger Matthias Goerne, Pianist Markus Hinterhäuser und Filmprojektor“. Musik wird sichtbar, die bewegten Bilder hörbar. Ein filmisches Songbook. Dazu gibt es am 11. und 12. Juni Workshops für Schulklassen, die den Fragen nachgehen Welche Bilder gibt es zu Wanderschaft, Einsamkeit und der ersten großen Liebe? Wie kann man ein Konzert auf einer Theaterbühne performen? www.festwochen.at/workshops-16

Am 10. und 11. Juni (Salongespräch im Künstlerhaus: 7. Juni) präsentiert Kentridge seine Lectures „In Praise of Shadows“ und „A Brief History of Colonial Revolts“. Drawing Lessons nennt William Kentridge seine Vorlesungsreihe, in der er theoretisch profund und spielerisch leicht zentrale Fragen der Philosophie, der Kunstgeschichte und der Politik in Bezug auf seine eigene künstlerische Praxis überprüft: „Mir fällt es schwer,persönliche und gesellschaftliche Vergangenheit zu trennen. Wie sind wir dahin gekommen, wo wir jetzt sind? Und welche Einflüsse prägen uns als Individuen?“ Die sechs Lecture-Performances, mit denen er unter anderem an der New Yorker Harvard University zu erleben war, ermöglichen im Zusammenspiel verschiedenster Techniken wie Zeichnung, Trickfilm, Installation, Puppenspiel, Musik und Tanz einen tiefen Einblick in William Kentridges Geisteswelt. In unmittelbarer Nachbarschaft zu seiner Annäherung an Franz Schuberts Winterreise präsentieren die Wiener Festwochen In Praise of Shadows und A Brief History of Colonial Revolts: phantastische Reisen durch das Universum eines der bedeutendsten Künstler unserer Zeit.

ZUM KÜNSTLER: William Kentridge (* 28. April 1955 in Johannesburg) ist ein südafrikanischer Künstler. Aufgewachsen im Südafrika der vergangenen Jahrzehnte, lebt Kentridge auffällig „zwischen“ verschiedenen Welten. Er stammt aus einer wohlhabenden jüdischen Familie, die als Rechtsanwälte Schwarze in den Apartheids-Prozessen vertraten. Er studierte in Südafrika und Europa, stellte Kunst in den elitären Galerien aus und arbeitete in Theater-Projekten des Resistance Art Movement. 1976 schloss Kentridge ein Studium der Politik und Afrikanistik  ab. 1976 bis 1978 studierte er an der Art Foundation  in Johannesburg. In den 1980er Jahren studierte er an der Ecole Jacques Lecoq in Paris, arbeitete als Schauspieler, Designer und Theaterregisseur. Heute  lebt und arbeitet Kentridge in Johannesburg. In den achtziger Jahren begann Kentridge Animationsfilme zu produzieren, in denen er die Geschichte und die sozialen Umstände Südafrikas reflektiert. Er zeichnet jedes Einzelbild seiner Produktionen von Hand mit Kohle oder Pastellfarben. Es entstehen so unzählige Einzelbilder mit minimalen Abweichungen, aus denen sich dann seine bewegten Werke zusammensetzen. 1993 und 2005 nahm er an der Biennale Venedig, 1997 und 2002 an der Documenta teil. Zur Fußball-Weltmeisterschaft 201o  in Südafrika gestaltete er ein Plakat. Zur Documenta 13  wurde Kentrige erneut eingeladen und hat die Installation The Refusal of Time vorgestellt.

www.kunsthalle.at

www.mottingers-meinung.at/kunsthalle-krems-zurueck-in-die-zukunft-von-tiepolo-bis-warhol

www.wienerfestwochen.at

Interviews: www.youtube.com/watch?v=5_UphwAfjhk ; www.youtube.com/watch?v=Cs6GkV4SfWE

Felix in Exile: www.youtube.com/watch?v=VaTnchoukdY

Wien, 14. 3. 2013