Rabenhof: Das bin doch ich

März 13, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Christian Dolezal parforcejagt

Thomas Glavinic durch sein eigenes Leben

Bild: Rabenhof

Bild: Rabenhof

Jetzt ist „Das bin doch ich“ endlich dort angekommen, wo es hingehört. Im Rabenhof. Wo das Publikum die entzückenden Eigenarten von Hausherr Thomas Gratzer, dieses wichtigsten Theatermachers der Welt, kennt, oder die jovial-liebevollen Umschlingungen seines Chefdramaturgen und Regisseurs Roman Freigaßner. Wo man weiß, dass ein Literatursalon naturgemäß im Neu Wien in G’spritzten ertrinkt. Zu denen der große Kasuar Gulasch bestellt, weil man will ja den ausländischen Gästen außer Fiaker noch was Wienerisches bieten. Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny saß im Publikum und amüsierte sich prächtig über seine Parodie. Wo man weiß, dass Klaus Nüchterns unvergleichliche Kulturbeiträge Woche für Woche ins Haus faltern. Und warum man nur beim Inder am Naschmarkt essen kann. Täglich. Der Rabenhof ist quasi Heimstatt von Lokalmatador Thomas Glavinic und die Zuschauer haben sich zerkugelt. Bei der ausgezeichneten Uraufführung (Glavinic in Graz: Antiheld auf Höllenfahrt  www.mottingers-meinung.at/?s=glavinic) wurde manches Wienerische nicht verstanden. Ergo weggelassen.

Christian Dolezal, der den Text mit Fabian Pfleger für die Bühne eingerichtet hat, Regie führte Thomas Gratzer, gestaltet eine Soloperformance für zwei. Sich und den Autor. Er parforcejagt Glavinic durch die Satire seines eigenen Lebens. Lapidar, lakonisch, dann wieder unleidlich legt er ein postalkoholisches Armageddon hin, hält Gericht über seine Agentin, die Verlagsfreunderlwirtschaft, Hanser nimmt ihn dann zum Glück, die Ignoranz steirischer Landeskulturreferentinnen – und Daniel Kehlmann. Ja, da liegen Freund und Neid nah beieinander. Schon wieder so ein verfluchtes SMS: eine Million verkaufte Bücher, Übersetzungen in zwanzig Sprachen, der hoffnungsvollste junge deutschsprachige … Das bin doch ich! Sagt sich Dolezal/Glavinic. Und die Mutter nörgelt am Telefon: Warum schreibst du so was nicht? Ang’soffen ein Mail an Literaturkritiker Denis Scheck zu schicken, ist da auch keine gute Idee.

Künstlerleid und Autorenelend. Wenn einem schon keine Kränze gewunden werden, dürfen doch wirklich die Neurosen in voller Blüte stehen. Dolezal fährt mit dem Auditorium Achterbahn. Von geistigen Höhenflügen geht’s tiaf owe. Dieser Protagonist ist ein Herzerl, bei dem einem nicht warm um ebenselbes wird. Ein Soziopath, der die Idiosynkrasie zum Prinzip erhoben hat. Aber dennoch von Eitelkeit umflort ist. Wer ihn und sein Werk nicht kennt, ist, also wirklich … Ein Glück für ihn, das Christian Dolezal so supersympathisch ist. Gut, er hat’s auch nicht leicht. Zu den Schwierigkeiten mit dem Literaturbetrieb kommen die mit dem Schwiegervater. Eine Episode auf einem steckengebliebenen Schilift gestaltet Dolezal zum Kabarettstück. Warum er weder Salzburger noch Bregenzer Festspiele mag? Na, weil er lieber Foyer des Arts „Kaiserschnitt“ www.youtube.com/watch?v=Y3MHGnbPwcI hört. Versteht der Schwiepa nicht. Auch beim Mittagessen im Gasthaus Wurm bekommt das Wort Familien-Bande eine neue, terroristische Bedeutung.

Wie Christian Dolezal all diese Figuren darstellt, ihnen Stimme, Körper, Seele verleiht, ist große Kunst. Dafür darf er sich am Schluß auch noch die Goggerln anschauen. Weil: Glavinic ist Hypochonder. Und der Hodenkrebs lauert ja praktisch überall.

www.rabenhoftheater.com

Trailer: www.youtube.com/watch?v=tpz_Ej4UsCQ&feature=youtu.be

Wien, 13. 3. 2014