Burgtheater: Maria Magdalena

Februar 25, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Michael Thalheimer macht aus Hebbels Drama

Uromas besten Eintopf

Sarah Viktoria Frick (Klara), Tilo Nest (Meister Anton), Lucas Gregorowicz (Leonhard), Regina Fritsch (Mutter) Bild: Georg Soulek / Burgtheater

Sarah Viktoria Frick (Klara), Tilo Nest (Meister Anton), Lucas Gregorowicz (Leonhard), Regina Fritsch (Mutter)
Bild: Georg Soulek / Burgtheater

Die Zutaten sind bekannt. Aber das macht nichts. Gulasch schmeckt auch aufgewärmt am besten; und: niemand in der Familie würde es wagen, das Originalrezept der ungarischen Urgroßmutter zu verfälschen. So bestimmt auch diesmal – wo Olaf draufsteht, ist Altmann drin – die Würzmischung des Bühnenbildners den Geschmack. Schwärzestschwarzer schräger Kasten (das kennt man von „Elektra“), weißes Kreuz wie beim „Faust“, dazu Bert Wredes düster wummernde Musik. Michael Thalheimer inszeniert am Burgtheater Friedrich Hebbels kleinbürgerliches Trauerspiel „Maria Magdalena“. Und er tut es auf die ihm eigene Art, dampft das Drama zur Essenz ein, schneidet weg, was unnötig ist, und schlägt sich – wie immer, von seiner „Medea“ bis zu seiner „Jungfrau von Orleans“ – auf die Seite der Frau. „Maria Magdalena“ ist ein Opfertier. Von dem er Sehnen, Knorpel, Fett entfernt, nur das beste Fleisch, seine Schauspieler, in den Topf wirft. Das Skelett, die bloßen Knochen, sind das Gerüst, das er von der Handlung übrig lässt. So macht man Uromas besten Eintopf.

Hebbel schrieb seine Tragödie 1843. Als Beweis dafür, dass große Katastrophen nicht nur den Reichen und Schönen, sondern auch dem „vierten Stand“, der in Zeiten zunehmender Industrialisierung immer präsenter wurde, passieren können. Niemand so gering, dass ihn das Schicksal nicht im Gnack treffen wird. Hebbel läutete mit diesem Untotentanz den Realismus auf deutschen Bühnen ein. Die Handlung ist blutig: Klara, Tochter von Tischlermeister Anton, ist dem Leonhard verlobt, liebt diesen aber nicht. Aus einer Art Pflichterfüllungsgefühl gibt sie sich ihm hin und wird schwanger. Ihr Vater – er wird der letzte Überlebende sein – droht, sich mit dem Rasiermesser die Kehle durchzuschneiden, sollte Klara Schande über die Familie bringen. Ihre Mutter liegt im Sterben und stirbt schließlich. Schande über die Familie bringt derweil Klaras Bruder Karl, der eines Juwelenraubes bezichtigt wird, den er nicht begangen hat. Ein Sekretär liebt Klara und fordert Leonhard zum Duell. Beide werden tödlich verwundet. Klara wirft sich in den Brunnen. Der Vater sagt: „Ich verstehe die Welt nicht mehr.“

Maria Magdalena, die biblische, ist Programm. Thalheimer folgt Hebbel auf dieser Spur. Im Interview mit mottingers-meinung.at sagte er einmal, er lese ein Stück so oft, bis er gefunden habe, was ihn interessiere – hier war es offensichtlich die Frau, die durch eine bornierte, bigotte Männergesellschaft zugrunde gerichtet wird. Sarah Viktoria Frick im steifen weißen Kleidchen wie eine Puppe angetan, rotbäckig, rotzig, ist eine formidable Klara.  Sie „spielt“ die Marionette der über sie Macht Habenden, doch ihre Augen blitzen etwas anderes. Zum Freitod gehört auch das Wort frei. Regina Fritsch, ebenfalls im Brautkleid und zur Leiche geschminkt, ist die Mutter. Angeblich geht es ihr wieder gut, aber allein an der Stimme erkennt man die Zersetzung. Wie sie flötet, dann wieder das Monster rauslässt. Eine frömmlerisch gespaltene Persönlichkeit, die mit ihrem Tod ihre Tonlage an die Tochter vererbt, wenn die brüllt, kreischt, winselt, hechelt: Heirate mich! Um Gottes Willen, heirate mich! Ein Exorzist hätte seine Freude daran. Anton ist Tilo Nest, ein rechthaberischer, aggressiv um Würde bemühter, selbstgefälliger, auch selbstmitleidiger Charakter, der Hinrichtungsdekrete für seine Familie ausfüllt. Das ganze Tischlermeistershaus zum Grab macht. Man gönnt ihm, dass er am Ende alleine bleibt. Den Leonhard gibt Lucas Gregorowicz als geckenhaften, pomadigen Karrieregeilisten, der sich lieber der „buckligen Nichte“ des Bürgermeisters zuwendet als Holzfacharbeiters Schwiegersohn zu werden. In den übrigen Rollen ausgezeichnet: Tino Hillebrand als Karl, Albrecht Abraham Schuch als Sekretär und der luxuriöse Johann Adam Oest als bestohlener Kaufmann.

Die Welt ist in Schieflage geraten, macht Thalheimer klar. Seine karge Arbeit zeigt Menschen, die aneinander vorbeireden, sich nichts zu sagen haben, sondern schweigend auf Standpunkten beharren. Stillstand ist so garantiert. Thalheimer legt offen, warum die Welt ist, wie sie nicht sein sollte. Doch die Tugendterroristen haben am Ende das Nachsehen. Es siegt der Tod. Und das Mädchen.

www.burgtheater.at

www.mottingers-meinung.at/interview-michael-thalheimer-inszeniert-elektra/

www.mottingers-meinung.at/berliner-theatertreffen-thalheimers-medea/

www.mottingers-meinung.at/salzburger-festspiele-die-jungfrau-von-orleans/

Wien,25. 2. 2014