Garage X: Songs of Gastarbeiter

Februar 24, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Bülent Kullukcu präsentiert seine CD

Imran Ayata Bülent Kullukcu  Bild: Trikont Records

Imran Ayata Bülent Kullukcu
Bild: Trikont Records

Am 1. März präsentiert der Münchner Künstler Bülent Kullukcu, der bereits mit seiner Performance „Robotermärchen“ im Theater am Petersplatz zu Gast war,  in der Garage X seine CD „Songs of Gastarbeiter – Vol 1.“. Gemeinsam mit dem  Berliner Autor Imran Ayata wühlte er in Archiven, durchforstete die Musiksammlungen ihrer Eltern und Bekannten, nervte Freunde und Fremde, um Songs der ersten Einwanderergeneration zu finden. Erstes Zwischenergebnis: Mehr als hundert Lieder „Made in Almanya“, die von den ersten Jahrzehnten der Einwanderung handeln. Erinnert man sich an diese Einwanderergeneration, dann ist der Blick durch Klischees und rassistische Zuschreibungen getrübt: Assoziationen von Männern mit traurig-melancholischen Blicken, die Zigarette rauchend Bahnhofshallen belagern, oder Familien, die für aufsteigenden Grillrauch in Stadtparks sorgen, sind noch immer gängig. Die Lieder der Gastarbeiter sind dagegen weitgehend unbekannt. Ein wesentlicher Antrieb dieses Musik-Projekts besteht also darin, Unbekanntes bekannt zu machen und die vielfältige Musikkultur zu dokumentieren, damit sie nicht verloren geht.  Kullukcu und Ayata heben musikalische Schätze, die hierzulande kaum bekannt sein dürften und außerdem der Gefahr ausgesetzt sind, verloren zu gehen. Die allermeisten Songs ließen sie unberührt, bei einigen entschied sich das Duo für Remixe. Den Musiker Ozan Ata Canani etwa baten die beiden, seinen Ohrwurm „Deutsche Freunde“ im Studio neu aufzunehmen, weil von diesem Juwel keine Aufnahme existierte.

Die Biografien der Musiker auf „Songs of Gastarbeiter Vol.1“, ihre musikalischen Stile, die Inhalte ihrer Songs sind unterschiedlicher als man vermuten mag. Wenn man sich die damaligen gesellschaftlichen Realitäten vor Augen führt und sich in die Lage dieser Generation versetzt, dann ist es nicht weiter überraschend, dass viele Musiker Themen wie Sehnsucht und Trennungsschmerz behandeln (wie Mahmut Erdal, Gülcan Opel, Zehra Sabah) oder Almanya zur „bitteren Heimat“ erklären, wie Selda es in ihrem Cover des Ruhi Su Klassikers „Almanya Acı Vatan“ tut. Auch nicht weiter verwunderlich ist, dass die Arbeitsbedingungen im Betrieb und in der Fabrik eine herausgehobene Rolle spielen (etwa bei Aşık Metin Türköz, Gurbetçi Rıza). Die eigentliche Gemeinsamkeit dieser Künstler besteht darin, dass sie Pioniere waren. Pioniere, weil sie sich und ihren Alltag zum Thema machten, sich nicht nur leidend, sondern auch kämpferisch und ironisch gaben und scharfsinnige Beobachter der deutschen Gesellschaft waren. Pioniere, weil sie neue Musikstile wie anatolischen Disko-Folk kreierten (Derdiyoklar) und sich im Crossover versuchten (z. B. Ali Avaz) oder mit Sprechgesang experimentierten, lange bevor es deutsch-türkische Rapper gab. Pioniere, weil sie den Sound des Arabesk in Deutschland einführten (Yüksel Erkasap) und elegant wie virtuos mit dem Mix der Sprachen jonglierten (wie Aşık Metin Türköz, Aşık Divane, Cem Karaca) und der deutschen Sprache einen eigenen Ton verliehen.

Songs Of Gastarbeiter Vol. 1: Der Soundtrack zur Einwanderung: www.youtube.com/watch?v=2auaXxLopKs#t=0

Wien, 24. 2. 2014