Rawi Hage: Spinnen füttern

Februar 13, 2014 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Rastloser Wanderer

produkt-8546Rawi Hages Romane bürgen für höchste Qualität. Bei „Spinnen füttern“ ist es nicht anders. Wunderbar literarisch verleiht er dem Dasein in den Schattenbezirken unserer modernen Städte eine surreale Note. Absurdität trifft auf Realität, Tiefsinn und Witz.
Unterhaltsam, amüsant, manchmal etwas rau, poetisch, und immer voller Herzenswärme, erzählt Rage die Geschichte eines Taxifahrers: Fly. Nachts streift er auf der Suche nach Fahrgästen durch die Straßen und bringt dabei Prostituierte zur Arbeit, Drogendealer zum „Geschäftstermin“, jemanden, der gerade aus dem Irrenhaus entlassen worden ist, nach Hause und transportiert natürlich auch ganz normale Leute, die aber doch nicht ganz so normal sind, wie sie scheinen. Wie ein guter Engel versucht er allen Bedürftigen zu helfen, etwa dem jungen Tammer, Sohn einer bekannten Prostituierten, allerdings ohne Erfolg. Fly tut sich allerdings schwer, auch für sich selbst ein wenig Glück zu finden: Seine Nachbarin Zainab, die er innig verehrt, weist seine Annäherungsversuche hartnäckig ab. Und so träumt er sich hinein in Romane und Geschichtsdarstellungen, masturbiert, in literarische Szenerien hineinschlüpfend, auf dem fliegenden Teppich seines Vaters und erlebt auch die Welt, durch die er sich mit seinem Taxi bewegt, wie einen Roman. Er ist selbst eine romanhafte Gestalt: ein Don Quijote des 21. Jahrhunderts, ein „Taxi Driver“ im Großstadtdschungel, aber auch ein Heimatloser, der sich an den Buchstaben festhält und an Sätzen durch das Leben hangelt.

Fly hinterfragt seinen Job nicht. Er ist ein Teil von ihm. Allerdings unterscheidet er zwei Sorten von Taxifahrern: Die Fliegen und die Spinnen. Die Spinnen warten geduldig am Stand auf einen Auftrag aus der Zentrale. Aber die Fliegen sind rastlose Wanderer – sie durchstreifen die Straßen, immer auf der Suche nach einer winkenden Hand. Fly ist in vielerlei Hinsicht ein solcher Wanderer. Er ist im Zirkus großgeworden, als Sohn einer goldhaarigen Trapezkünstlerin, die sich erhängt, und des Manns auf dem Fliegenden Teppich, der bald Frau und Kind verlässt. Fly lebt in einem Labyrinth aus Büchern – die Gänge zwischen den deckenhohen Stapeln sind so schmal, dass er gerade noch hindurchpasst. Dieses Zuhause ist seine Zuflucht vor einer Welt, deren Hässlichkeit und Ungerechtigkeit er in seinem Taxi täglich erlebt. Als der Karneval beginnt, verschwimmen alle Grenzen. Der Karneval wird bei Hage zum Bild für eine sich aller Regeln entledigenden Gesellschaft. In der Ausgelassenheit kann man sich dabei, als Fremder unter Fremden, gut verstecken. Aber das hat auch etwas Bedrohliches. Denn nicht immer ist klar zu erkennen, wer sich hinter den Masken verbirgt, was die Herumtreiber im Schilde führen.

Und so beginnt sich die Geschichte zu verdüstern. Otto, der ihn wie einen Ziehsohn behandelt, ist Anarchist und gerät nach dem Tod seiner Frau total aus der Bahn, wird zum Mörder, doch Fly steht seinem Freund bis zum unausweichlichen Ende zur Seite. Ein Serienmörder, dem mehrere arabische Taxifahrer zum Opfer fallen, treibt sein Unwesen in der Stadt. Vorurteile und Rassismus haben wieder einen Nährboden gefunden. Ist der Täter wirklich ein Schwarzer? Aber auch Personen des „Establishments“ werden ermordet – aus anderen Motiven. Fly verliert am Schluss alle Menschen, die ihm nahe stehen und so beschließt er mit seinem Teppich davonzufliegen. Absolut lesenswert!

Über den Autor: Rawi Hage, geboren 1964, aufgewachsen in Beirut und auf Zypern, erlebte den libanesischen Bürgerkrieg am eigenen Leib. 1982 ging er nach New York, wo er Fotografie studierte. Seit 1991 lebt er als freischaffender Künstler und Autor in Montreal. Für „Als ob es kein Morgen gäbe“ wurde er für den Internationalen Literaturpreis 2009 nominiert und mit dem höchstdotierten Literaturpreis der Welt für ein Einzelwerk, dem IMPAC-Award, ausgezeichnet. Zuletzt erschien von ihm auf Deutsch „Kakerlake“ und  „Spinnen füttern“.

Piper, Rawi Hage: „Spinnen füttern“, 304 Seiten. Aus dem Englischen von Gregor Hens.

www.piper.de

Wien, 12. 2. 2014