Mare Nostrum und Platée

Februar 6, 2014 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

In der Kammeroper und am Theater an der Wien

Mare Nostrum Bild: VBW

Mare Nostrum
Bild: VBW

Am 11. Februar hat in der Kameroper „Mare Nostrum“ Premiere. Der 1931 in Buenos Aires geborene Mauricio Kagel war vielleicht der humorvollste Vertreter, den die zeitgenössische Musik in den vergangenen Jahrzehnten hervorgebracht hat. Der aus deutsch-russisch-jüdischer Familie stammende argentinische Komponist war ein heiterer Ahnherr der Postmoderne, der auch nie davor zurückschreckte, dem modernen zeitgenössischen Musikbetrieb in ironischer und satirischer Weise den Spiegel vorzuhalten. Den Schöpfer des „instrumentalen Theaters“ störte es zeitlebens, dass sein Heimatland sich erst von einer Horde Krimineller „entdecken“ und „zivilisieren“ lassen musste und darüber alljährlich auch noch Jubelhymnen auf Cristóbal Colón anstimmte. So drehte er in seinem grotesken Werk Mare Nostrum den Spieß einmal um und lässt Europa von südamerikanischen Ureinwohnern entdecken. Ein Stamm aus Amazonien erobert und befriedet Stück für Stück die Alte Welt entlang des Mittelmeeres von Portugal bis nach Arabien. In acht Stationen stellt der Komponist damit die gelassen erzählten Gräuel der Kolonialisierung den kulturellen Errungenschaften Europas gegenüber. Am Ende bleibt ein Mittelmeer über, das vom Zivilisationsmüll der Eroberer unrettbar verschmutzt ist. Die einzelnen Episoden sind in der jeweils entsprechenden musikalischen Sprache der einzelnen Länder gehalten. In Frankreich singt etwa ein gallischer Barde zu einem verstimmten Akkordeon, in Italien wird lateinisch psalmodiert, in Griechenland werden antike Skalen angestimmt. Am deutlichsten wird die Transformierung der Kulturen vielleicht in der Türkei-Szene erfahrbar, wenn der bereits von Mozart europäisierte Türkische Marsch erneut von arabischen Modi durchsetzt wird. Mauricio Kagel ist mit seiner 1975 in Berlin uraufgeführten Kammeroper Mare Nostrum eine zeitlose, satirische Parabel über Kolonialismus, Umweltzerstörung und die Geschichte unserer Zivilisation gelungen, voll von schwarzem Humor und doppelbödigem Witz, der einem bisweilen im Hals stecken bleiben kann.

Am 17. Februar folgt im Theater an der Wien die Premiere von „Platée“. Im März 1745 entstand Platée für die Hochzeit des französischen Thronfolgers in Versailles, eines der letzten großen Feste des Ancien Régime. Eine große Tragédie wäre diesem Ereignis angemessen gewesen; Rameau baute sein Werk auch nach diesem Schema, aber Platée ist eine raffinierte Parodie. Die Liebesintrige um eine hässliche, eitle Sumpfnymphe fand jedoch in Versailles keinen großen Anklang, als verklärende Hochzeitsoper war sie in der Tat denkbar ungeeignet: Juno verwüstet mit wilden Stürmen die Ernte, denn sie ist wieder einmal zornig über Jupiter, ihren untreuen Ehemann und obersten der Götter. Diesmal jedoch ist ihre Wut gegenstandslos, Jupiter ist ihr treu. Mercure und Cithéron wollen Juno von dieser grundlosen Eifersucht heilen. Sie beschließen ein Komplott: In einem Sumpf wohnt die hässliche Nymphe Platée, die Cithéron mit ihrer Zuneigung verfolgt. Ihr wird erzählt, Jupiter hätte sich in sie verliebt. Der Göttervater, in den Plan eingeweiht, erscheint Platée in Gestalt eines Esels, heuchelt ihr Liebe vor und befiehlt eine Hochzeitsfeier. Juno wird zu der fingierten Trauung herbeigelockt. Voll Wut reißt sie der vermeintlichen Braut den Schleier herunter. Angesichts der Hässlichkeit Platées muss sie über ihre eigene Eifersucht lachen und versöhnt sich mit Jupiter. Cithéron und Jupiter haben wieder ihre Ruhe, nur Platée ist einsam und gedemütigt. In Paris wurde Platée ab 1749 sofort zu einem der erfolgreichsten Stücke Rameaus. Das Publikum ergötzte sich an der fein komponierten, subtilkomischen Musik und den Sprach- und Lautspielen – dem Quaken der Sumpffrösche, dem I-ahen Jupiters in Eselsgestalt. Auch seit Mitte des 20. Jahrhunderts ist Platée wieder die meistgespielte Oper Rameaus. Aber es sind nicht nur die burlesken Elemente, die das Werk auszeichnen, Rameau schildert auch einfühlsam Platées Schicksal, brutal ausgelacht und verhöhnt zu werden, als bemitleidenswert: Das Lachen bleibt zum Schluss im Halse stecken. Jean-Jacques Rousseau bejubelte Platée 1750 „als das allerbeste Musikstück, das bis heute auf unseren Bühnen zu hören war.“

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Wien, 6. 2. 2014