John Lanchester: Kapital

Januar 30, 2014 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Wir wollen, was Ihr habt

9783608939859Noch so ein verflixter Roman, den man nicht aus der Hand legen kann. Flüche prasseln beim Lesen auf das Haupt des Autors nieder, weil er spannend, spannend über eine seiner Figuren erzählt und sie am Höhepunkt der Implosion 50, 60, 70 Seiten lang links liegen lässt. Aaargh! Wie soll man da nicht vorblättern und schauen, wie’s weiter geht? Man will über die sympathischen Protagonisten einfach mehr wissen. Und zwar sofort. John Lanchester ist mit „Kapital“ ein großes, großartiges Sittengemälde gelungen. Ausgehend von London, von der Pepys Road – Samuel Pepys (1633 bis 1703) war Staatssekretär im englischen Marineamt, Präsident der Royal Society und Abgeordneter des englischen Unterhauses. Seine zu Lebzeiten geheimen Tagebücher über die High Society seiner Zeit sind in Großbritannien bis heute beliebter Lesestoff – schildert Lanchester Leben, Lieben und Sterben in einer Post-Lehman Brothers-Pleite-Welt. Mehrdeutig ist deshalb der englische Titel „Capital“. Ohne Göd ka Musi. Großstadtexistenz in Zeiten der Finanzkrise. Ein hochaktuelles Gegenwarts-, nein, nicht parorama, sondern -panoptikum. In dem die Top-Themen „Schuldenkrise“ und „Gentrifizierung“ lauten.

Alle Bewohner der Pepys Road suchen nach dem Glück: Roger Yount etwa ist ein erfolgreicher Banker – mit zwei Kindern und einer konsumsüchtigen  Ehefrau. Dass er nicht die erwartete  Million Pfund Jahresprämie erhält, stürzt ihn in die Krise. Während ihm der Job gekündigt wird, shoppt und shoppt und shoppt die verwöhnte Gattin unbeirrt weiter. Nebenan zieht die senegalesische Fußballhoffnung Freddy Kamo mit seinem Vater ein – wird ihm der internationale Durchbruch in einem Premier-League-Club gelingen? Oder verfängt er sich in den Fallen der ver-kohlten Versicherungsfuzzis? Petunia Howe lebte schon in der Pepys Road, als diese noch eine einfache Arbeiterstraße war. Ihr Schicksal wird ihre Tochter reich – schließlich sind die Häuser in der Pepys Road mittlerweile zwei Millionen Pfund wert-, aber nicht glücklich machen. Brave pakistanische Greißler stehen plötzlich als islamische Fundamentalisten unter Terrorverdacht; eine nigerianische Politflüchtlings-Politesse ohne Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis, akribische Strafzettelausstellerin für die Protzkarre des Fußballmanagers, findet sich vor dem Migrationsgericht wieder; der polnische Handwerker Zbigniew ist auf der Suche nach der Liebe seines Lebens und findet das ungarische Kindermädchen der Younts und einen Geldkoffer. An einem ganz normalen Tag liegt bei allen stolzen Eigenheimbesitzern dieser Straße eine merkwürdige Nachricht im Briefkasten: „Wir wollen, was Ihr habt.“ Eine Drohung? Ein Kunstprojekt des seine Anonymität wie der berühmt- berüchtige englische Street Artist Banksy schützenden Petunia-Enkels „Smitty“. Oder beides? Oder Immobilienhaie? Die Polizei ermittelt …

Lanchaster beschreibt die Geschehnisse mit liebevollem, beinah zärtlichem Mitgefühl. Er ist ganz Chronist unserer Tage, beobachtet genau – und ein wenig boshaft. Ein Humorist, der den britischen Sinn für Witz aufs Feinste widerspiegelt. Virtuos dirigiert der Autor sein vielköpfiges Ensemble, zeichnet seine Personen prägant, so dass sie sowohl als Individuen als auch als Repräsentanten einer bestimmten Gesellschaftsidee überzeugen, ver- und entknüpft ihre Wege. Geld und Gier, Angst und Ambition stellt er in seinem „Immobilienroman“ als gleichberechtigt gegenüber. Lanchester, der auch Essays und ein Sachbuch zur Krise veröffentlich hat, (ver-)urteilt nicht. Er unterhält. Dass die Reichen allesamt unschlau und die Armen allesamt brav und fleißig sind, verzeiht man diesem Blick-hinter-die-Fassaden-Märchen. Wer London liebt, liebt dieses Buch. Weil es sich anfühlt, wie eine Fahrt in der Jubilee Line.

John Lanchester: Kapital, 682 Seiten, aus dem Englischen von Dorothee Merkel, Verlag Klett-Cotta.

www.klett-cotta.de

Interview mit John Lanchester: www.youtube.com/watch?v=fMfS2PkejF0

Wien, 30. 1. 2014