Volkstheater: Maria Stuart

Dezember 23, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kompakte Kampfkunst zweier Königinnen

Andrea Eckert, Martina Stilp Bild: © Gabriela Brandenstein

Andrea Eckert, Martina Stilp
Bild: © Gabriela Brandenstein

Auf knackige zwei Stunden mit Pause hat Regisseur Stephan Müller seine Inszenierung von Schillers „Maria Stuart“ am Volkstheater eingedampft. In dieser Kürze liegt viel Würze. Alles passiert schnell, schnell, alle sind hier ge- und bedrängt. Die Staatsräson geht eben mit Vernunft und Unvernunft einher. Plumps, und schon fällt ein Kopf. Schillers „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ ist als Lektüre zu Müllers Arbeit durchaus empfehlenswert … Zwischen kahlen Holzwänden (Bühne: Michael Simon) lässt Müller die Handlung vom Stapel. Die Wände kommen auf die Darsteller zu. Von allen Seiten. Der leere Raum ist auch ein enger. So eng, wie die Korsette, in die diese Gesellschaft geschnürt ist – ihre Kostüme so schmucklos wie das Sterben. Wie als Kontrapunkt setzt Müller die Sprache (und die Musik von Wolfgang Mitterer) dagegen. Schillers Pathos nämlich wurde nicht beschnitten, nein, er wird sogar ausgestellt. Von der Rampe in den Zuschauerraum geschleudert. Nicht mit-, sondern „gegeneinander spielen“ ist das Motto des Abends. Die Schauspieler deklamieren laut, anklagend, sich der Wichtigkeit ihrer Figur bewusst.

Das kommt natürlich einer sehr zu gute: Andrea Eckert brilliert als Elisabeth. Sie kann als Frau und öffentliche Person nicht zu sich selbst finden, sie ist gezwungen, ein Leben im Schein zu leben. Dafür muss sie jedem persönlichen Glück entsagen. Obwohl sie von Freiheit spricht, ist sie abhängig vom Willen des Volkes, den Anforderungen des Königtums und den Rollenerwartungen, die an sie als weibliche Monarchin gestellt werden. Wie aus Rache schiebt sie dem Volk ergo auch die Schuld an Entscheidungen zu, zu denen sie selbst nicht stehen möchte. Eckert gewinnt der Königin von England viele Facetten ab, lässt aber als Grundton stets die Nicht-Authentizität, die seelischen Unsicherheiten der Queen, ihre „Sultanslaunen“ mitschwingen. Eine Löwin im Käfig. Wie die Eckert überzeugt auch Martina Stilp. Ihre Maria Stuart ist eine stolze, ungebrochene, widerspenstige Gefangene, die sich nur mit größter  Überwindung vor ihrer „Schwester“ in den Staub wirft, jedoch niemals unterwirft. Maria weiß das Recht auf ihrer Seite. Sie hat eigene Vorstellungen vom politischen Menschen: Die Freiheit des Individuums muss mit den Bedürfnissen aller zur Übereinstimmung gebracht werden – Schillers Prinzip der reinen Vernunft. Die schottische Königin findet zu einem selbstbestimmten Leben, weil sie alle Fesseln und letztlich auch die Todesangst abgeworfen hat. Mit viel Feuer gestaltet Stilp diese, ihre bisher größte Rolle am Haus.

Wortduelle bestimmen das Drama. Und nicht nur die Damen beherrschen diese Kunst: Günter Franzmeier ist ein sein Mäntelchen nach dem Wind hängender Leicester. Ein Intrigant, ein Opportunist, den nur sein eigenes Wohlergehen kümmert. Einer, der immer am Rande des Hochverrats herumspaziert. Jan Sabo ist ein gigerlhafter Mortimer. Im roten Anzug opfert er sich für seine Ideen. Erwin Ebenbauer gibt den Talbot als humanen, gerechten Staatsdiener. Er vertritt Schillers Standpunkt. Er rührt einen an. Patrick O. Becks Burleigh vertritt konsequent die Interessen des Staates und seiner Königin. Die Frage der Rechtmäßigkeit der Hinrichtung stellt sich für ihn nicht, für ihn zählt allein, was England nützt. Die schöne Ensembleleistung runden Roman Schmelzer als Staatssekretär Davison, Alexander Lhotzky als Amias Paulet und Rainer Frieb als phrasendreschender Sprachschwall Graf Aubespine ab. Hanna Kennedy, Marias Amme, hat Müller gestrichen. Eine gewagte Entscheidung, wo doch gerade sie über ihren Schützling erzählt, der Maria Konturen jenseits der des Leidensmenschen gibt. Eine Truppe von Trabanten tritt als Asienkämpfer auf. Warum? Also, bitte! Die Welt ist ein Martial-Arts-Schlachtfeld. Only the Strong Survive. The Good Die Young. Everybody was Kung Fu Fighting …

www.volkstheater.at

Wien, 23. 12. 2013