Schauspielhaus Wien: Die Ereignisse

Dezember 9, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Auch böse Menschen haben Lieder

Florian von Manteuffel, Franziska Hackl Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Florian von Manteuffel, Franziska Hackl
Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Anders Breiviks „Manifest“. Eine Geistliche. Claire. Und ein norwegischer Chor. Das alles begegnete dem schottischen Autor David Greig und seinem Regisseur Ramin Gray bei einer Reise nach Norwegen. Auf der Suche nach neuem Stoff für ein Stück. Sie fandes es: „Die Ereignisse“ heißt es, eine Koproduktion der Actors Touring Company, des Young Vic Theatre, London, von Brageteatret Drammen und dem Schauspielhaus Wien, wo es nun als deutschsprachige Erstaufführung zu sehen ist. Greig stellt die unbeantwortbare Frage nach dem Warum und Wieso. Nach Ursache und Grund für einen Massenmord. „Will ich eine Spur in der Welt hinterlassen, dann muss ich es jetzt tun“, sagt der Attentäter. Und: „Ich töte, um meinen Stamm zu beschützen.“ Der Stamm – sind das die Hunnen, Langobarden, Bajuwaren, Neandertaler? Der Mensch. So einfach wär’s. Doch fürs fünfte Gebot ist kein Platz in dieser Welt. Auch Bösewichte haben Lieder. Weshalb ihnen bei Greig ein Multikultichor zum Opfer fällt. Und die Chorleiterin verzweifelt nach Erklärungen dafür sucht. Ach, was sind wir alle aufgeklärt. Da muss es doch … Kindheitstrauma, Verhetzung durch starke Führerpersönlichkeiten, Verletzungen der Seele … bittebitte, irgendwas geben; man will begreifen und kann es nicht. Weil es im Wahnsinn nichts zu begreifen gibt. Die Tatsache, dass die anderen alles ablehnen, was wir sind, was uns ausmacht, ist eine hinzunehmende. Ganz ehrlich? Grays liebvoll friedvolle Inszenierung lässt einen die Aufklärung, die Aufgeklärtheit mitunter verfluchen, die einen am Gegenschlag hindert. Wer Wind sät … erhält einen rechtsstaatlichen Prozess. Dazu haben wir uns verpflichtet. Dazu stehen wir. All diese Gedanken hat Greig in seinem Text verwoben.

Franziska Hackl überzeugt im Pfarrerinnenhemd. Sie ist nicht weniger unbeugsam und hartnäckig als ihr Kontrahent, nur tarnt sie sich besser. Sie will Rache und Vergebung. Während Stühle für den Chor aufgestellt werden, Thermoskannenkaffee ausgeschenkt wird, rekapituliert sie „Die Ereignisse“. Ihr Gegenüber ist Florian von Manteuffel als „Junge“der das Töten lernen will und getötet haben wird, als dessen Vater, dessen Freund … Er nimmt auf Princip, den Sarajewo-Attentäter, Bezug, über den ebenfalls ein Stück im Schauspielhaus läuft. Ein politisch unkorrekter Querverweis. Wie kranke Gehirne halt so denken. Für die Dimension der griechischen Tragödie sorgt ein von Abend zu Abend wechselnder Chor. Diesmal: Jedweder Küchenchor. Er ist so etwas wie die Stimme des Volkes. Ein Protestchor. Für das Leben, gegen den Tod.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=oNabTk-BsYs

www.schauspielhaus.at

www.kuechenchor.at

Wien, 9. 12. 2013