Theater in der Josefstadt: Joseph und seine Brüder

Dezember 6, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Witz und Wahn beim „Händchenhalten“

Sandra Cervik (Mut), Tonio Arango (Potiphar), Florian Teichtmeister (Joseph) Bild: © Moritz Schell

Sandra Cervik (Mut), Tonio Arango (Potiphar), Florian Teichtmeister (Joseph)
Bild: © Moritz Schell

Schönheit liegt im Auge des Betrachters. So lässt sich die Uraufführung von Thomas Manns „Joseph und seine Brüder – Die Berührte“  am Theater in der Josefstadt in mehrerlei Hinsicht beschreiben. Regisseur Günter Krämer erwählte den dritten Teil der Romantetralogie (Bühnenfassung: Herbert Schäfer) zum Objekt seiner Begierde – die Verführung des nunmehr ägyptischen Sklaven Joseph, neuer Name: Osarsiph, durch das Weib des Potiphar. Die Geschichte ist bekannt. Aus der Bibel und der Operette. Vom Musical und den Comedian Harmonists. Je nach Geschmack. Mann nannte sein Opus Magnum „ein humoristisches Menschheitslied von mythischer Heiterkeit“. Entstanden zwischen 1926 und 1943 gilt das Werk vielen als Parabel auf Franklin D. Roosevelt und seinen New Deal. Es kann nur einen geben. In God We Trust. Wer recht tut, dem wird recht geschehen. Krämers Theatercollage besteht fast nur aus Originaltexten. Er durchbricht deren Erzählton, indem er seine Schauspieler, Florian Teichtmeister, Sandra Cervik, Tonio Arango, Erni Mangold als widerlich-intriganter, machtlüsterner Diener Dûdu, und einen Damenchor, mit dem Publikum kokettieren lässt. Beiläufiges Beiseitesprechen, bei dem die wirklich wichtigen Dinge gesagt werden. Krämer nimmt Mann so ernst, dass er ihn unernst inszenieren, seine Sätze gegen den Strich bürsten kann – Sätze wie Die wild herumzündelnden Eigenschaften des Osarsiph haben im Busen der Herrin, deiner Gemahlin, einen Brand entfacht, und die Flammen beginnen schon, am Gebälk deiner Ehre zu lecken … oder Doch dann hob die Riesenkatze die Pranke, und aufs Bedrohlichste reckten sich ihre Krallen, ihn zu zerfleischen … Na, das ist doch SMSex pur.

Die Berührte ist Sandra Cervik: Mut wurde schon als Kind mit Potiphar vermählt. Wurde zur Mondnonne für den Lichtsohn. Bei ihm, den für die höhere Beamtenlaufbahn von seinen Eltern geschlechtslos Gemachten, geht nichts mehr. Das stört die Mut erst, als sie Joseph trifft. Und ihr ihr Körper sagt, dass es da noch was gibt. Drei Jahre umflirrt sie ihn, die verschmähte, zänkische Urschel. Cervik spielt das virtuos, mit Verve und Witz, nahe am Wahnsinn. Nur Mut! Möchte man ihr zurufen. Schön eine Szene, in der ihr Potiphar den Geruch des Geschlechtlichen vorführt und sie entsetzt zurückweicht. Schön, wie sich Joseph und sie begegnen – verklemmt, verschüchtert, verloren. Eine Amour fou. Später weggewischt, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Florian Teichtmeister spielt den Joseph mit Augenzwinkern. Und blankem Entsetzen. Eine gewagte Mischung, für die es einen Darsteller seines Formats braucht. Denn sooo lustig ist das alles nicht. Ein Sklave, dem sowohl bei der Befriedigung als auch der Nichtbefriedigung der Wünsche seiner Herrin die Hinrichtung droht. Und irgendwie will er’s ja auch. Streift, streichelt sie, muss sich kaltes Wasser in die Hose kippen. Dieser Joseph ist gar nicht so keusch (die „Pompadour“ wird natürlich angesungen). Halb ziehen sie sich, halb sinken sie hin. Neckisch ist die Mut, und fürchterlich in ihrer Liebe. Dazu diese Anmutung, der schönste Jüngling von überhaupt und tatsächlich nur ein Durchschnittstyp zu sein. Joseph als Traumbild aller erotischen und homoerotischen Phantasien. Zweiteres wunderbar in Szene gesetzt, wenn Potiphar ihn in den Armen wiegt und ihm alle möglichen Foltertodvarianten aufzählt. Macht- und Ohnmachtsspiele in ägyptisch angehauchtem Ambiente. Samt Hieroglyphen-Goldwand und Glühbirnenflut. Eine Wasserschlacht, denn der Nil ist auch auf der Bühne, in Frack und Abendkleid. Den Martini stets griffbereit. Tonio Arango ist als Potiphar ganz soignierter älterer Herr, nobel, gleichzeitig ein Conférencier für den Abend: Meine sehr geehrten Damen und Herren! Es war eigentlich alles anders. Geschichte schreiben die Sieger, nicht die Sklaven. Schuld, Scham, Spottgelächter kommen nur für die einen infrage … So Potiphar. Nur weiß man nicht, wie’s wirklich war …

Trotzdem und trotz der oder vielleicht sogar wegen der ideenüberbordenden Inszenierung Krämers und der fulminanten Schauspielerleistung bleibt die Frage im Hirn hängen: Warum macht man das? Uraufführen um der Uraufführung willen? Einen Text auf die Bühne heben, den man offenbar so was-auch-immer-schwülstig? findet, dass man ihn durchgehend konterkariert. Was auch immer gesagt wird, gezeigt wird das Gegenteil. Das hat was, ja. Aber trifft es Thomas Mann? Einen hätte es jedenfalls getroffen. Marcel Reich-Ranicki hätte nicht tatenlos zugesehen, wie sein heiliger Thomas profanisiert wird. Schwülstig! Mann, der hätte mir was erzählt.

www.josefstadt.org

www.mottingers-meinung.at/florian-teichtmeister-im-gespraech

Wien, 6. 12. 2013