TAG: Varieté Volant oder Der Teufel rennt am schnellsten

Dezember 5, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gespielt auf  Teufel komm raus

Markus Kofler, Julia Schranz, Martin Bermoser Bild: © Daniel Wolf   Bild: © Daniel Wolf

Markus Kofler, Julia Schranz, Martin Bermoser
Bild: © Daniel Wolf

Willkommen, bienvenue, Добро пожаловать! Das TAG lädt ins Varieté Volant! Sehen Sie in der ersten Abteilung, wie sich eiskalte Händchen auf dem Klavier verselbstständigen, wie es ihnen Gegenstände, Stuhl, Tuch, Kelch, Silbertablett …, gleich tun, wie leiblose Köpfe über die Bühne rollen! Der Leibhaftige ist in der Stadt, dieser alte Schwarzkünstler. Und er stellt die Schicksalsfrage. Ist es fremd- oder selbstbestimmt? Das ist Gottes Beweis. Und die seines Geists, der stets verneint. Unheil-ig ist Alles. Und sowjetische Athetisten belegen mit ihrer Verneinung erst die Existenz beider. Arturas Valudskis, der litauisch-wahlsalzburgische Theatermacher, zeigt im TAG sein Ideenkonstrukt „Varieté Volant oder Der Teufel rennt am schnellsten“, seine Arbeit über Michail Bulgakows Lebensroman „Der Meister und Margarita“. Eine Dekonstruktion. Für die sich der Regisseur drei Mitstreiter geholt hat: die Schauspieler Julia Schranz, Martin Bermoser und Markus Kofler, darstellerische Dreifaltigkeit des „Aggregat Valudskis“, das schon mit der Produktion „Das ist eigentlich alles“ nach Daniil Charms im 3raum-Anatomietheater überzeugte. Und es hier wieder tut.

Valudskis wählte als Kern seiner Aufführung den zweiten Handlungsstrang von Bulgakows Roman: Pontius Pilatus und die Verurteilung von Jeschua han-Nasri. Um diese, im Roman dreigeteilte Erzählung, postiert er den Rest des Stücks. Spotlights. Wie „Professor Volant“  (Kofler) bei seiner Ankunft in Moskau die dortigen Verhältnisse, insbesondere in einem von ihm usurpierten Varieté, durcheinanderbringt. Wie der Meister oder der Schriftsteller Iwan Nikolajewitsch (Bermoser, er ist auch Pilatus) über dem Schreiben eines Pontius-Pilatus-Roman den Verstand verliert und im Irrenhaus landet. Aber ihm immer noch besser ist, wie der Margarita oder Katja Borisowna (Schranz), die zumindest auf den Theaterbrettern nicht nur des Inhalts, sondern auch des Gehäuses verlustig geht. Sie verliert den Kopf … Am Ende sitzen alle irgendwo im Nirgendwo, also im Klavier, und lauschen dem depressiven In-Ewigkeit-Amen Sermon des römischen Prokurators. Valdukis‘ Biografie – Afghanistankrieg-Wehrdienstverweigerung, Psychiatrie, Tod des Sohnes nach Tschernobyl, Psychiatrie, Österreich – spielt in der Inszenierung eine Rolle. Bulgakows Biografie spielt in der Inszenierung eine große Rolle. Das komplizierte Verhältnis des satirischen Schriftstellers zum Stalinregime. Ab 1930 war er mit Berufsverbot belegt, dafür schickte ihm Nährvater Josef allwöchentlich eine Kiste Lebensmittel. Mit Champagner und Kaviar. Ab 1928 schrieb Bulgakow an „Der Meister und Margarita“, 1940, auf dem Sterbebett, diktierte er seiner Frau die letzte Fassung. Eine Erlösung aller Beteiligten. Ein vielschichtiges Gottseibeiuns.

Valudskis setzt ganz auf die Anziehungskraft des Bösen. Er zeigt eine phantastische, surreale, metaphysisch magische Aufführung. Bei der ihm die Körpersprache genauso wichtig (wenn nicht sogar wichtiger) ist, wie das gesprochene Wort. Dazu hat er sich einen verführerisch-witzigen Versucher gewählt. Markus Kofler manipuliert, dirigiert, intrigiert als Teufel Volant. Virtous schnarrt er den Text mit französisch-englisch-polnisch-spanisch-schweizerisch-ungarisch-keine Ahnung-sie-wechseln-jedenfalls-ständig-em Akzent runter. Er ist so polyglott wie polyglatt. Sein Grinsen: diabolisch. Er setzt sich damit ins Einvernehmen mit dem Publikum. Das Leben ist ein Schlachtfeld. Aus seinem Arsch raucht es (weil Kofler kopfüber Zigaretten pafft). Niest er, niesen alle. Stampft er mit dem Stock auf, kriegt Iwan im Takt Schluckauf. Wiegt er sich im Stuhl, wiegen sich die anderen mit ihm. Der Mensch als Herr im eigenen Haus? Wohl eher als Knecht. Volant bringt Iwan und Katja nicht an den, sondern über den Rand des Nervenzusammenbruchs. Auch mithilfe einer amüsanten Varieté-Spiegel-Nummer. Spielmacher Koflers Glanzleistung begegnen Julia Schranz und Martin Bermoser auf Augenhöhe. Aus Ideologen werden Idioten, aus Ungläubigen ungläubig Staunende. Real existierend ist da nichts mehr. Geschichte schreibt sich neu und neu und neu und … Schranz und Bermoser stolpern, holpern durch sie; die Stimme der sich als Proletariat tarnenden Intelligenzija wird zum Rosenkranzgemurmel. Ein Silbertablett, auf das Kofler einmal seinen Täuferkopf legt, wird zum Heiligenschein. Die ikonoklastische Ikone Margarita. Sie bietet auch den Kelch dar. Den ihr aber keiner abnimmt … Nach der Premiere, nach Piroggen und Teufelsrollen, finden an der Fußgängerampel Gumpendorfer Straße noch tiefschürfende Gespräche statt. Ein kalter Wind kommt auf, ein kühler Hauch, Gott sei uns gnädig und dem armen Nachbarn auch.

www.dasTAG.at

Trailer: http://vimeo.com/80776989

Wien, 5. 12. 2013