Tom Hanks ist „Captain Phillips“

November 28, 2013 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Von Piraten gekapert

Bild: © 2013 Sony Pictures Releasing GmbH

Bild: © 2013 Sony Pictures Releasing GmbH

Sie gelten bereits als Oscar-Favoriten. Regisseur Paul Greengrass und sein Film „Captain Phillips“ und Hauptdarsteller Tom Hanks. Die Academy würde dem Charaktermimen damit den dritten Goldjungen verleihen. Oder sie kann sich einen anderen Blickwinkel gönnen und die Leistung eines jungen Darsteller in seiner allerersten Rolle ins Auge fassen: Barkhad Abdi alias „Piratenanführer Muse“. Piraten – da denkt man an Karibik und Jack Sparrow und Freibeuterromantik. Die Angriffe auf Schiffe vor der somalischen Küste haben damit nichts zu tun. Diese Piraten sind verzweifelt, ergo gewaltbereit, abhängig von lokalen Warlords; wegen gnadenloser internationaler Fischerei in ihren Heimatgewässern sehen sie in der Freibeuterei ihre einzige Chance. „Captain Phillips“ erzählt eine wahre Begebenheit. Am 8. April 2009 wurde Kapitän Richard Phillips auf seinem Containerschiff  „Maersk Alabama“ geentert. Er transportierte Lebensmittel für das UN-Welternährungsprogramm. Er brachte seine Mannschaft in Sicherheit. Er verarbeitete die Erinnerungen an seine Gefangennahme und die Todesdrohungen im Buch „Höllentage auf See“ (Heyne Verlag). Die Grundlage für Greengrass‘ Film.

Der sich jeder Eindimensionalität verschließt. Schon die Eingangssequenz erzählt die Geschichte zweier Welten – in einem staubigen afrikanischen Küstendorf werden vier Halberwachsene von Schlägertypen gezwungen „Geld zu machen“; Phillips verabschiedet sich im malerischen Vermont von seiner Frau -, später, wenn Erste und Dritte Welt kollidieren, wird es ein Überlebenskampf für alle werden. Die US-Marine macht sich auf den Weg … Eine ausweglose Pattsituation, vom Briten Greengrass gleichzeitig als Thriller und Porträt, als Infight zweier Männer aufgelöst. Tom Hanks zeigt seine beste Leistung seit „Road to Perdition“. Als Durchschnittssympathler ohne Bock auf Heldentum. Als einer, der stoisch versucht, den Durchblick zu bewahren – und doch vor Angst vergeht. Sorgenvoll, aber komptent, als er die über das Wasser fliegenden Nussschalen sieht, ein selbstmörderisches Kommando, das vor Mord nicht zurückschrecken wird. Hanks hat sich in der Vorbereitung auf die Rolle mit Richard Phillips getroffen. „Was mich an ihm am meisten erstaunte“, so der Leinwandstar, „war seine unerschütterliche Hingabe an die See. Nach allem, was ihm passiert war, war er immer noch ein Mann, der einfach seinen Job erledigt, weil ihn einer erledigen muss. Ohne groß nachzugrübeln: Warum ich? Ich wusste gleich, dass diese Charaktereigenschaft herauszuarbeiten wichtig für die Figur war, denn niemand, der’s nicht erlebt hat, kann sich vorstellen, was es heißt, eine Geisel zu sein.“

Als Hanks‘ Gegenspieler wollte Greengras, der wie stets auf den dokumentarischen Stil setzt, auf Handkameras und Stakkato-Schnitt wegen der „Authentizität“, somalische Schauspieler. Nur: Die gibt es nicht. So castete man in der größten somali-amerikanischen Gemeinde in Minneapolis, Minnesota. Und fand neben drei weiteren Talenten Barkhad Abdi für die Rolle des Muse. Geboren im Mogadischu und aufgewachsen im Jemen kam er mit seiner Familie 1999 in die USA, damals 14 Jahre alt, heute ein sehr schlanker Schlacks. Erbärmlich dürr im Vergleich zu den Marines-Muskelpaketen. Die Situation der somalischen Piraten nachvollziehbar zu machen, war ihm ein persönliches Anliegen: „Ich habe immer noch Familie dort“, so Abdi. Und weiter: „Ich möchte Piraterie nicht entschuldigen, aber ich glaube, dass Muse ein anderes Leben gelebt hätte, wenn es ihm möglich gewesen wäre, ein Fischer zu bleiben. So aber wurde er aufgrund globaler Umstände zu einem Fusssoldaten in einem Krieg, den ER ganz sicher nicht gewinnen kann. Das muss man den Leuten auch einmal erzählen.“

Und das tut Greengras. Schlicht, ohne moralischen Zeigefinger, ohne Pseudopsychologie. Statt dessen vielschichtig, aufrichtig  und spannend.

www.captain-phillips.de

www.captainphillipsmovie.com/site/

Wien, 28. 11. 2013