Elizabeth Strout: „Das Leben natürlich“

November 28, 2013 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Sittenbild mit Somalis

Das Leben natuerlich von Elizabeth StroutLiteratur, die Herz und Hirn in Gang setzt, ist das Markenzeichen der US-Autorin Elizabeth Strout. Ihre Bücher sind wie ein schattiges Sommernachmittagsplätzchen, an dem einen Obstkuchen und Limonade kredenzt werden. Doch das nur auf den ersten Blick: Im Kirsch- und Marillenbelag findet sich nämlich der eine oder andere Kern. An dem kann man sich Zähne ausbeißen. Das bedeutet: Mitdenken beim Genießen. Nach ihrem wunderbaren Roman „Mit Blick aufs Meer“, eine Kurzgeschichensammlung in bester Sherwood-Anderson-Tradition, in der eine pensionierte, verwitwete, hantige Highschool-Mathematiklehrerin, die ob ihres Berufs alle Mitglieder einer kleinen New-England-Gemeinde kennt, das Bindeglied zwischen den Episoden bildet, legt Strout ihre nächste Familystory vor: „Das Leben natürlich“. Die Schriftstellerin bleibt sich treu, beschreibt auch diesmal das, was sie kennt: Die Menschen in einem der Gründerstaaten, diesmal in „Shirley Falls“, Maine. Die Schriftstellerin bleibt sich treu, schreibt auch diesmal mit trockenem Humor über die traurig trostlose Konsequenz des einfach Daseins. Das Leben natürlich?

„The Burgess Boys“ heißt das Buch im Amerikanischen. Der nichtssagende deutschsprachige Wald-und-Wiesen-Titel ist auszublenden. In ihrer behutsam fließenden Sprache, vollkommen unsentimental und gleichzeitig tief berührend, erzählt Strout von Idylle, die zur Enge wird, einer Familie mit mehr als einem dunklem Geheimnis, vom Alltagsrassismus, vom Unverständnis. Von Fremden in der Fremde und vom Fremdfühlen unter Freunden, Verwandten. Die Burgess-Buben, Brüder, Jim und Bob, könnten unterschiedlicher kaum sein. Jim, der Karrierejurist mit elegantem Haus, elegantem Auto, eleganter Frau und Elite-Uni-Kindern. Ein Berufsschwafler, der Einschleimurlaub mit Vorgesetztem nebst Gattin absolviert, obwohl ihm das beim Haus raushängt. Er wird am Ende einen Neuanfang machen. Bob, der Loser, vom Anwalt zum Aktenverwalter verkommen, geschieden, an der Kippe zum Alkoholismus. Warmherzig, liebevoll, sich seiner selbst unsicher. Er wird am Ende einen Neuanfang machen. What a life, what a cliché. Nur in einem waren sich die beiden einig: Weg aus Maine, Flucht nach New York. Doch die nächste Generation Burgess-Bub sorgt für Erregung: Zack, 19, Sohn von Schwester Susan, hat einen tiefgekühlten Schweinekopf in eine behelfsmäßige Moschee gerollt.

Ein Streich aus Jux oder Frust entstanden? Aus verschiedensten politischen Interessen fordern verschiedenste politische Interessensvertreter nun Zacks Kopf. Die Fernsehstationen rücken mit Ü-Wagen an, es gibt Demonstrationen, Kundgebungen, Susan ruft ihre Brüder zu Hilfe. Sie begreift nicht, was die „Somalier“, somalische Flüchtlinge, die man in Shirley Falls untergebracht hat, von ihrem Sohn wollen. Bürgerkrieg. Hungerkatastrophen. Warlords und Piraten. Menschenrechte. Der Einfluss der UdSSR, der vom Einfluss der USA, die die somalische Übergangsregierung politisch, durch finanzielle Hilfen und mit Waffen unterstützen, aufgesogen wurde. Die militärische Intervention Kenias. Die Angst im Nachbarland Äthopien. al-Shabaab. Man kämpft in Shirley Falls gegen die hohe Arbeitslosenrate, gegen Überalterung, gegen wirtschaftlichen Niedergang. Wen hätte Afrika also in Maine je gekümmert? Elizabeth Strout. Ihr Familienroman ist ein subtiler Gesellschaftsroman. Der Imam, gütig, verloren, sieht in Zack einen zu großgliedrigen, verschlossen, trotzig rotzigen, verlorenen Teenager. Sein Sohn war auch so. Er wurde von den Rebellen erschossen … Jim und Bob und Susan überholt indes nicht nur die Gegenwart, sie werden auch von der Vergangenheit eingeholt. Ihr Vater starb bei einem Autounfall – und Bob, da war er drei Jahre alt, saß am Steuer – oder doch nicht er …

Von Kapitel zu Kapitel entfaltet Strout ihren Kosmos. Es ist schier unmöglich, ihr Buch aus der Hand zu legen. Sanft fährt sie ihren Figuren über die Stirnfalten der Verzweiflung, erspürt sie dabei, fährt ihre feinen psychologischen Antennen aus, um ihre Schicksals- und Fehlschläge treffend zu machen. Die Tiefe und die Untiefen ihrer Seelen zu zeigen. Kaum ein anderer Autor kann gleichzeitig so prosaisch und so poetisch erzählen. Von Träumen. Und davon, dass die kleinen eher Erfüllung finden als die großen. Nicht alle Menschen werden Brüder. Aber manchmal gelingt es zweien. Das Leben – natürlich! – hat immer eine Art Happy End. Man muss es nur zu erkennen wissen.

Zur Autorin: Elizabeth Strout wurde 1956 in Portland, Maine, geboren und wuchs in Kleinstädten in Maine und New Hampshire auf. Nach dem Jurastudium begann sie zu schreiben. Ihr erster Roman „Amy & Isabelle“ (1998) wurde für die Shortlist des Orange Prize und den PEN/Faulkner Award nominiert und wurde ein Bestseller. Für „Mit Blick aufs Meer“ bekam sie 2009 den Pulitzerpreis. Elizabeth Strout lebt in Maine und in New York City.

Luchterhand Literaturverlag: Elizabeth Strout, Das Leben natürlich. 400 Seiten. Übersetzt von Sabine Roth und Walter Ahlers.

www.randomhouse.de/luchterhand/

Interview mit Elizabeth Strout: www.goodreads.com/interviews/show/846.Elizabeth_Strout

Wien, 28. 11. 2013