Gerti Drassl im Gespräch …

November 27, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

… mit Lisa Weidenmüller und Johannes Schmidt:

„Die Wildente“ am Landestheater Niederösterreich

Gerti Drassl, Lisa Weidenmüller, Tobias Voigt  Bild: (c) Yasmina Haddad

Gerti Drassl, Lisa Weidenmüller, Tobias Voigt
Bild: (c) Yasmina Haddad

Am 7. Dezember steht am Landestheater Niederösterreich die Premiere von Henrik Ibsens „Die Wildente“ auf dem Programm. Es spielen Gerti Drassl, Katharina von Harsdorf, Benno Ifland, Michael Scherff,Johannes Schmidt, Tobias Voigt, Lisa Weidenmüller und Helmut Wiesinger. Regie führt Daniela Kranz. Die Handlung: Nach Jahren der Abwesenheit kehrt Gregers in sein Elternhaus zurück. Lange hat er den Kontakt mit seinem Vater, dem Großhändler Werle, gemieden. Zu Hause trifft er auf seinen Jugendfreund Hjalmar Ekdal. Hjalmar, ein bedingt lebenstauglicher Fantast, schlägt sich  als Fotograf durch. Gregers erfährt, dass er Gina Hansen geheiratet hat, die früher für seine Eltern arbeitete. Die beiden haben eine Tochter, Hedvig, zu deren Erziehung und Unterhalt Konsul Werle einen finanziellen Beitrag leistet. Den Grund dafür glaubt Gregers in der eigentlichen Vaterschaft der kleinen Hedvig zu erkennen. Er vermutet, dass nicht Hjalmar, sondern der alte Werle der leibliche Vater ist und versucht, dem Jugendfreund die Augen zu öffnen – Hjalmar soll erkennen, dass sein Leben auf Unehrlichkeit aufgebaut ist. Wenn Sie einem Menschen die Lebenslüge nehmen, so bringen Sie ihn gleichzeitig um sein Glück, lässt Ibsen den Arzt Relling sagen. Und tatsächlich zerstört Gregers mit seinem Wahrheitsfanatismus nicht nur Hjalmars Leben, sondern die ganze Familie.

Ein Gespräch mit Familie Ekdal – Gerti Drassl (Gina), Johannes Schmidt (Hjalmar) und Lisa Weidenmüller (Hedvig):

MM: Frau Drassl, Sie haben an der Josefstadt schon Hedvig gespielt, haben nun zur Gina gewechselt. Endlich in der Mutterrolle angekommen? Das freut die wenigsten Kolleginnen 😉

Gerti Drassl: Mich schon. Angekommen bin ich noch lange nicht, wir sind noch am Suchen, aber ich bin sehr glücklich über das Angebot von Intendantin Bettina Hering. Ich habe noch gute Erinnerungen an meine erste „Wildenten“-Erfahrung. So ist, das Stück wieder spielen zu dürfen, wie ein Geschenk.

MM: War das der Reiz, es wieder zu spielen?

Drassl: Man kann so viele Stücke auf so viele Arten neu interpretieren. Das hier kommt in der Regie von Daniela Kranz ganz anders daher. Wir gehen’s ganz anders an, als vor zehn Jahren an der Josefstadt. Das ist sehr spannend. Das Stück ist sehr gestrichen worden, es ist komprimiert, dichter.

MM: Wie hat sich in diesen zehn Jahren Ihre Sichtweise auf die „Wildente“ verändert?

Drassl: Als ich die Hedvig gespielt habe, habe ich die Konflikte, die in dem Stück stattfinden nicht als so schlimm empfunden, wie sie mir jetzt vorkommen, wie ich sie jetzt durchlebe. Als ich die Hedvig gespielt habe, hatte ich immer das Gefühl: So schlimm ist es doch gar nicht. Jetzt ist alles ganz furchtbar für mich.  Was zwischenmenschlich passiert, wie groß die Wunden der Beteiligten sind, was es an Beziehungsgeflecht gibt, erfasse ich jetzt erst richtig.

MM: Herr Schmidt, knapp gesagt gibt es in dem Stück zwei Perspektiven. Die eine Position ist die Aufrechterhaltung der Lebenslüge – Hjalmar, die andere: Nur wer die Wahrheit sagt tut Recht, hat recht – Gregers.

Johannes Schmidt: Wobei es merkwürdiger Weise am Schluss eine Aufweichung dieser Positionen gibt. Weil Gregers spürt, dass Hjalmar seinem Projekt nicht gewachsen ist, und ihm seine Erfindung als Lebenslösung andient. Er übernimmt einen Teil von Rellings Position – und Hjalmar ist derjenige, der sagt: Es kann sein, dass es mit meiner Erfindung nie was wird. Dieses Gespräch, dass Relling und Gregers am Ende führen, führt zu einer Pattsituation. Es ist ja nicht so, dass Ibsen etwas auflöst, dass er einer Figur Recht gibt, es bleibt komplett offen. Das ist das Fatale an diesem Stück: Dass es nicht eine Wahrheit gibt. Der Autor tut uns nicht den Gefallen, sich auf eine Seite zu schlagen. Es gibt viele Fragen, es gibt keine Antwort, wie Leben denn nun geht.

MM: Frau Weidenmüller, welche Möglichkeiten hat man heute die Hedvig zu spielen? Ein Mädchen aus dem vorvorigen Jahrhundert?

Lisa Weidenmüller: Das mag einem bei Ibsens Sprache so vorkommen. Aber mir geht’s gar nicht so. Hedvig hat so eine Grundehrlichkeit oder Aufrichtigkeit, die noch nicht durch das Leben abhanden gekommen ist. Auf den Proben fällt auch manchmal das Wort altmodisch, aber mir kommt das gar nicht so vor, sondern wünschenswert. Ibsen beschreibt in Hedvig Qualitäten, nach denen sich doch alle sehnen, die einem heute nicht mehr oft begegnen. Deshalb sagt man leicht, das ist altbacken, aber mir kommt das nicht so vor.

MM: Sind die Positionen in der Familie Ekdal nicht ein bisschen überspannt?

Weidenmüller: Das glaube ich schon. Als aber Hedvig die Forderung von Gregers aufnimmt, ihre Wildente zu töten, kann sie das nicht tun. Also tötet sie sich selbst. Das ist Konsequenz bis zur letzten Minute. Sie kann nicht töten, was sie am meisten liebt, DAS wäre inkonsequent. Aber klar ist, dass ihr die Sicherungen durchbrennen, als ihr Vater sagt: Du bist nicht mehr mein Kind.

MM: Wie ist die Arbeit mit Daniela Kranz? Sie ist eine, die „entstaubt“, „gegen den Strich bürstet“. Alles sehr klischeehaft, aber so ist es, wenn wir um Worte ringen.

Drassl: Ich habe schon einmal mit ihr gearbeitet, beim Theatersommer Haag „Der nackte Wahnsinn“ mit ihr gemacht, also ganz was anderes. Ich arbeite sehr gerne mit Daniela. Sie ist eine sehr intuitive Regisseurin, sie entwickelt zu jedem eine andere Sprache, sie sucht nach Wegen und Erzählweisen, die sie nachvollziehen  und vertreten kann. Sie hat diese Stückfassung nicht aus einer Mode oder einem Klischee heraus gemacht, sondern ist sehr konsequent, sehr behutsam. Als würde sie eine Zwiebel schälen. Sie arbeitet sehr feinfühlig, das mag ich sehr gern.

Schmidt: Das ist meine achte Produktion mit Daniela – und ich schätze immer wieder, dass sie es ermöglicht, auf Augenhöhe miteinander zu arbeiten. Man ist kein Erfüllungsgehilfe für ein Konzept, das schon vorher feststeht, sondern Daniela geht sehr vom Schauspieler und seinem Angebot aus. So entsteht immer eine gute Form von Ensemblearbeit, so dass man sehr stark zusammen kommt. Alles ist sehr offen, man muss sich auf den Proben also erst einmal finden. Andererseits gibt so eine Textfassung eine gewisse Setzung – und ich versuche gerade dahinterzukommen, was die Fantasie ist, was da vorbereitet wurde. Daniela hat eine sehr intuitive Herangehensweise und das ist etwas, das mir sehr liegt.

MM: Wie kommt man vom Staatstheater Weimar ans Landestheater St. Pölten?

Schmidt: Ich bin ja „gelernter Österreicher“. Ich war in Graz an der Schauspielschule, hatte in Graz auch mein Anfängerengagement. Daniela hat mich gefragt, ich war frei und nun ist es sehr schön, als Gast wieder hier zu sein.

MM: Erzählen Sie etwas über Ihre Figuren: Hedvig kann vom Sensibelchen bis zum Trotzkopf alles sein …

Weidenmüller: Ich habe mir vor den Proben nichts vorgenommen, wie Hedvig sein soll. Der Spaß ist ja, das in den Proben rauszufinden. Und jedes Mal hoffe ich, dass es mir bis zur Premiere gelingt, es rauszufinden. Was Hedvig, glaube ich, nicht ist, ist „ein Kind“. Ich muss nicht 14 spielen. Wichtig ist viel mehr, was Hedig an Zerwürfnissen mitkriegt, die in der Familie, die sie so sehr liebt, geschehen. Das entwickelt man auf den Proben im Zusammenspiel. Mein Prozess ist gerade, die Langfassung, die ich kenne, beiseite zu lassen, und jetzt die Freiräume der Strichfassung zu nutzen. Zu gucken, was könnte zwischen den Zeilen noch sein – außer dem Trotzkopf oder dem Sensibelchen. Schublade auf, Schublade zu, das will ich nicht. Daniela Kranz hat die szenischen Vorgänge gestrichen, wir stehen im leeren Raum, da bin ich auch noch dabei, mich darin zurecht zu finden.

Schmidt: Mit der Hjalmar ist es merkwürdig. Hjalmar funktioniert als gebrochener Held, der sich an einer zu großen Aufgabe abarbeiten muss. Meine Suche ist gerade, ob es etwas gibt, wo er sich überhaupt verändert. Wie lange kann man diese Verdränung, die Hjalmar lebt, aufrecht erhalten? Da ändert sich nichts. Die Reise, die er macht, ist gar nicht so gewaltig. Das ist der Punkt, über den ich gerade nachdenke – und noch nicht weiß, wo er mich hinführt. Hjalmar ist eine seltsam profillose Figur.

MM: Aber er ist doch derjenige, dessen Kartenhaus in sich zusammenfällt? Der Verarschte?

Schmidt: Und als wäre das nicht passiert, macht er immer weiter. Er hat kein neues Instrumentarium, das ihm zur Verfügung steht, er hat keine Erkenntnis, er zieht keine Lehre. Der Grundkonflikt des Stücks, dass man bestimmte Wahrheiten einfach nicht sehen will, wird von Hjalmar bis zum Schluß aufrecht erhalten.

Weidenmüller: Und Hedvig ist die einzige, die auf eine komisch verquere Art, Gregers Worte ernst nimmt – Aussagen, die er selber nicht einhält. Sie sucht nach Handlungsoptionen. Das ist etwas, was es bei anderen Dramatikern nicht gibt, weil sie die von ihnen geschaffenen „Kinder“ nicht für voll nehmen. Dieses Sich-dazu-Verhalten-müssen, dieses aktiv Werden, nicht nur die Reagierende zu sein, das ist für mich spannend.

Schmidt: Es ist beunruhigend, wie Ibsen die vermeintliche Sicherheit immer wieder zerstört. Aus der Zuschauerperspektive möchte man vielleicht schreien: Achtung, da kommt das Krokodil. Die Figuren erkennen das Offensichtliche, wenn überhaupt, erst sehr viel später. Nicht nur mit Hjalmar, auch mit den anderen Figuren wird so umgesprungen. Ibsen macht die Verstrickung von privaten und gesellschaftlichen Vorgängen bewusst: Der reiche Werle, der sich’s dreht und wendet, wie er’s braucht, die ihm ausgelieferten Ekdals und Werles Sohn Gregers als Rächer. Drei Generationen arbeiten sich aneinander ab. Und das alles vor Sigmund Freud. Es gibt keine einfachen Lösungen. Man kann sich nicht auf eine Seite schlagen.

MM: Und Gina? Die Puppe des großen Marionettenspielers Werle?

Drassl: Ich gehe davon aus, dass das, was sie sagt, für sie im Moment stimmt. Das betrifft alle Figuren im Stück: Sie haben die eigenen Wahrheiten, stülpen die auf andere über; es gibt das Verlangen eines einzelnen, eine Gesamtwahrheit auszusprechen. Ich glaube nicht, dass Gina eine Puppe ist. Sie hat in ihrem Leben Entscheidungen gefällt. Inwieweit sie immer noch hinter diesen steht, das ist spannend zu hinterfragen. Welche Sehnsüchte, Ängste, welches Nichtwissen gibt es? Ängste jemanden zu halten, zu verlieren – sich damit auseinanderzusetzen ist das Tolle. Für jede Figur. Und für mich für meine natürlich im Besonderen.

MM: Die Ekdals haben sich in einer Komfortzone eingerichtet. Das gibt es in jeder Familie, Dinge über die man schweigt, um keinen Konflikt heraufzubeschwören. Dann kommt Gregers und bricht das auf …

Drassl: Weil er die Dinge von außen betrachtet. Die Ekdals „beachten“ die Dinge, die unter der Oberfläche schwelen gar nicht mehr. Jetzt kommt Gregers und setzt den Nagel irgendwo an, das wirbelt die Ekdals durcheinander, sonst hätten sie in irgendeiner Form so weitergelebt.

MM: Daraus lernen wir: Die Wahrheit zu sagen, zerstört das Leben anderer?

Drassl, Weidenmüller, Schmidt: Nein.

Drassl: Das finde ich gar nicht. Man muss schauen, welche Beweggründe Gregers hat, zu tun, was er tut. Ich glaube nicht, dass es per se schlimm ist, jemanden auf etwas aufmerksam zu machen, zu sagen: Ich sehe das so und so. Relling betrachtet die Ekdals ja auch von außen, will aber nicht eingreifen, nichts ändern. Mit Gregers kommt das totale Gegenteil dazu.

Schmidt: Gregers und Relling sind ja in die Geschichte genau so verstrickt, wie die Ekdals und versuchen, zu therapieren, obwohl sie keine professionellen Psychologen sind …

MM: Wo ist Ihre Schmerzgrenze, Wahrheit nicht erfahren zu wollen?

Drassl: Das ist eine gute Frage. Es gibt unterschiedliche Grenzen in unterschiedlichen Situationen. Deshalb weiß ich es nicht ganz genau. Daniela hat heute von ihrem Bruder erzählt, der als Kind bei einer Einladung übers Essen sagte: Es war nicht gut. Ob ich das so könnte, die Wahrheit sagen? Ob ich nicht aus Höflichkeit sagen würde: Es hat wunderbar geschmeckt. Um mir im Nachhinein zu Denken, es war nicht so toll. Ich weiß es nicht.

Weidenmüller: Es kommt auch darauf an, wie einem jemand etwas sagt. Ob einem jemand seinen Standpunkt mitteilt und gut ist’s. Oder ob es sich einer, wie Gregers, zur Aufgabe gemacht hat, über andere zu richten.

MM: Ich habe noch nie stark, wie bei dieser Fassung, empfunden, dass Gregers die ganze Sache aus Rache gegen seinen Vater anzündet.

Schmidt: Mir geht es mit der Fassung genau so. Das wird eine sehr private Geschichte. Im Gesellschaftspanorama des ersten Aktes funktionieren die Figuren wie etwa die Kammerherren eher schablonenhaft. Diese Ebene haben Daniela Kranz und die Dramaturgin Constanze Kargl gestrichen. So muss der Zuschauer den gesellschaftlichen Hintergrund dieser Familiengeschichte selbst für sich zusammensetzen. Die Ekdals sind eine Mittelstandsfamilie, die Verteilungskämpfe werden härter. Es gibt jemanden, an dessen Tropf man hängt. Ich finde das sehr heutig. Deshalb wird Ibsen gerade so viel gespielt, vor allem natürlich „John Gabriel Borkman“. Die Identifikationsfigur mag für den einzelnen Zuschauer unterschiedlich sein, man wird hoffentlich auch hin und her gerissen. Das empfinde ich als große Qualität.

Weidenmüller: Die Geschichte hat etwas Zeitloses. Der Zerfall der Familie, das ist etwas Grundsätzliches, das berührt einen heute genau so wie 1884.

MM: Ihren war wichtig, auch im Gespräch als Familie aufzutreten. Warum?

Drassl: Mir war das sehr wichtig. Das ist ein totales Ensemblestück. Und ich lerne jetzt an diesem Gespräch viel darüber, was meine Kollegen über das Stück, ihre Rollen denken. In diesem Fall sind Sie die Außenstehende, die uns Impulse liefert, die uns eine Situation bietet, in der wir zusammen weiter kommen können. Es gibt so viele Sichtweisen auf dieses Stück, deshalb fand ich es wichtig, dass in der Diskussion hier auch mehrere Standpunkte Platz haben. Ich hoffe, dass das unsere Arbeit positiv beeinflusst.

Schmidt: Ich fürchte mich, offen gestanden, immer ein bisschen vor diesen Terminen, weil es so schwierig ist, zu verbalisieren, in welchem Stadium der eigene Findungsprozess gerade ist. Ich bewundere Kollegen, die das sehr gut machen. Andererseits sind Interviews immer eine Gelegenheit, sich diese Vorgänge mal klar zu machen. Ich habe schon erlebt, dass man bei diesen Matineen, Publikumsgesprächen vor Premieren plötzlich hört, was Regie und Dramaturgie denken. Und man denkt: Ach so, ja hätte ich das vor drei, vier Wochen gewusst … Beim Reden hört sich manches oft anders an. Also, wenn ich jetzt Erkenntnisse habe, werde ich die morgen auf der Probe gleich umsetzen.

www.landestheater.net

Wien, 27. 11. 2013