Adele Neuhauser im Schauspielhaus Wien

November 13, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Weißes Kaninchen, Rotes Kaninchen“

von Nassim Soleimanpour

Adele Neuhauser Bild: ORF

Adele Neuhauser
Bild: ORF

Gut. Das Ganze ist ein bissl blöd. Weil, wie soll man über etwas schreiben, etwas beschreiben, von dem man eigentlich nichts verraten sollte. Der iranische Autor Nassim Soleimanpour macht es nicht nur seinem Schauspieler, seiner Schauspielerin schwer, sondern auch dem Rezensenten. Also zuerst: Fakten. Das Schauspielhaus Wien zeigt als österreichische Erstaufführung Soleimanpours „Weißes Kaninchen, Rotes Kaninchen“. Jahrelang durfte der Dramatiker nicht aus seinem Land ausreisen, da er sich weigerte, den Militärdienst im Iran zu absolvieren. Stattdessen schickte er sein Stück – das in der Zwischenzeit in 15 Sprachen übersetzt wurde –  auf die Reise um den ganzen Globus. Rückfragen: zwecklos. Im Theater weiß man selbst nicht, worum es sich dabei handelt. Keine Proben. Kein Regisseur. (Fast) kein Bühnenbild. Nur Tisch, Sessel, eine Leiter. Dramaturgin Brigitte Auer ist die erste auf der Bühne. Mit einem weißen Kuvert, darin der Stücktext, den sie an diesem Abend an Adele Neuhauser weiterreicht (Caroline Peters, Juergen Maurer, Ursula Strauss und Katharina Straßer werden nach ihr in dieses kalte Wasser springen). „Fragen sie mich nicht, wie ich mich fühle“, lacht der Fernsehstar. Und erklärt, sie sei jemand, der sich „wahnsinnig gerne extrem gut vorbereitet“. Und, dass sie erst unlängst darüber nachgedacht hätte, diese zwänglerische Angewohntheit zu lockern. Aber gleich so. Ratsch, das Kuvert ist auf, los geht’s. Es kommt auf den Schmäh an, auf die Spielfreude, auf die Entertainerqualitäten des Darstellers, ob dieser Abend gelingt. Und auf die Sympathiewerte, die man beim Publikum ohnedies schon hat. Die goldene Adele. Sie holt sich den Applaus bei jeder Gelegenheit ab! Verlangt danach – und verlangt nach mehr.

Das Publikum nimmt mit Neuhauser an einem Experiment teil. Gemeinsam springt man ins Unbekannte und begibt sich auf eine mitreißende Reise, auf der  Manipulationsmechanismen und Strukturen der Macht geistreich und witzig untersucht werden. Zuschauer dürfen, sollen, müssen mitspielen. Und die, die sich hinauf wagen, sind erstaunlich gut. Bravo (unbekannterweise) für Kaninchen, Bär und Krähe! Und die Dame, die den Text zu Ende liest! Man begreift, warum Beteiligungstheater von Augusto Boal bis Dario Fo immer funktioniert hat, immer funktionieren wird. Der Saal wird zur Gemeinschaft, wird als solche zerrissen. Denn trotz Neuhausers anstreckendem Lachen: Was Soleimanpour zu erzählen hat, ist ernst. Er legt Zeugnis vom Leben im Iran heute ab und bündelt, geboren in den frühen 1980er-Jahren, die Erfahrungen seiner Generation –  einer Generation, die vom Iran-Irak-Krieg geprägt wurde und die ihre Heimat nur als Islamische Republik kennt – in diesem Text.  Der ist eine Parabel. Eine Tierfabel. Kurz: Ein rotes Kaninchen ohne Eintrittskarte will in den Zirkus, wird vom Billeteur-Bär aufgehalten, schafft es aber doch in die Manege, wo es von der Kontroll-Krähe ausgespäht wird, weil es seine Ohren nicht bedeckt hat. Die anderen sehen hinter diesen langen Löffeln ja nichts! In der Arena geben sich Geparden als Strauße aus. Es beginnt eine wilde Verfolgungsjagd, in der sich jeder als jeder tarnt, niemand ist, wer er scheint. Apropos, Kaninchen: Soleimanpours Onkel hat mit den Tieren empirische Versuche gemacht – und schon kippt die Geschichte ins Selbstmordthema. Und die 17 Methoden, mit denen man ihn verüben kann. Die achtzehnte ist zu (über-)leben. Der wahre Freitod. Der Autor übt ihn täglich, hofft, dass er noch lebt, wenn sein Stück in Wien zu sehen ist. Schließlich ist sein Stück eine Waffe, die sogar ihn selbst töten könne (keine Sorge: Soleimanpour sitzt im Publikum, den Gag hat er sich schon in London und Dublin nicht entgehen lassen: http://whiterabbitredrabbit.blogspot.co.at/). Trotzdem fordert Neuhauser Zuschauer auf, zu fotografieren, mitzuschreiben, zu dokumentieren. Der Autor will wissen, wie der Abend verlaufen ist.

Schreiben Sie an: nassim.sn@gmail.com! Die Schauspielerin – übrigens ein hinreißender Vogel Strauß – fungiert als Alter Ego des Dramatikers, ist seine „Regieanweisung“ und muss sich dem für sie vorgesehenen Ende fügen. Keine schöne Sache. Und man selbst ist Komplize dieser Schweinerei. Weshalb man für seinen Gehorsam, Konformität und Konditionierung auch gescholten wird. „Passive Zuschauer tragen die größte Schuld“, sagt Soleimanpour. Und meint damit gewiss nicht Theater-. Kann eben nicht jeder ein Rotes Kaninchen sein. Oder doch? Übung macht die Meister. Hingehen, mitmachen, üben …

Nächste Termine:

3. Dezember/ 20 Uhr
Mit Caroline Peters

25. Jänner/ 20 Uhr
Mit Juergen Maurer

21. Februar/ 20 Uhr
Mit Ursula Strauss

15. März/ 20 Uhr
Mit Katharina Straßer

www.schauspielhaus.at

Wien, 13. 11. 2013