Viktor Jerofejew: Die Akimuden

November 12, 2013 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Putin bleibt der Chef

Jerofejew_24370_MR.inddWas wäre wenn Jesus Christus nach mehr als 2000 Jahren wieder die Erde betritt – und das ausgerechnet in Russland? Viktor Jerofejew, legendärer Chronist der permanenten Apokalypse in Russland und Autor des Kultbuchs „Der gute Stalin“, kehrt auf die Bühne der Weltliteratur zurück.  Mit „Die Akimuden“, einem schrägen Science-Fiction-Historien-Thriller, wagt er einen Blick vor und zurück. Moskau unter dem „Chef“: Eine Invasion der Toten, sie übernehmen das Kommando, ziehen in die Wohnungen der Lebenden ein. Ist Russland noch zu retten? Und kann es seine alte Macht und Stärke wieder zurückerlangen? Eröffnet wird die Botschaft eines Landes, das man auf der Weltkarte vergeblich sucht. Der Name des geheimnisvollen Landes: die Akimuden, und ihr Botschafter Akimud ist der Strippenzieher. Die Beziehungen zwischen Moskau und den Akimuden führen zu einer Kette unglaublicher Ereignisse – komischer und absurder, poetischer und tragischer, mit Liebenden, Spionen, verstorbenen Literaten – von Puschkin, Lermontow bis Bulgakow  (Freunde der russischen Literatur werden an ihren Gesprächen ihre Freude haben) –, die sich beim Bankett der Unsterblichen treffen.
Sogar eine Zwei-Klassen-Gesellschaft soll entstehen, doch Widerstand regt sich. Die Machthaber im Kreml schrecken nicht einmal davor zurück,  eine Stadt ihres Staates zu bombardieren, um die Tat den Akimuden in die Schuhe zu schieben. Mehr und mehr erkennt Akimud, dass die russische Seele eine weite und schwer zu durchdringende ist. Aberglauben, alte Mythen, die Verklärung Iwan des Schrecklichen und natürlich Stalins Geist beherrschen das Land: „Der Mythos Russland ist wichtiger als das Land mit dem Namen Russland. Und so haben Politiker wie der Chef leichtes Spiel. Das muss am Schluss auch Akimud – der neue Christus? – einsehen. Er wird gekreuzigt und verbrannt, steht zwar nach drei Tagen wieder von den Toten auf, doch enttäuscht schreibt der „Sohn“ an den „Vater“ einen Brief, der mit den Worten „Nimm mich zurück zu Dir“ endet. Verändert hat sich nichts. Die Toten kehren wieder auf die Friedhöfe zurück und der neue Chef ist wieder der alte.
Jerofejew führt als Erzähler durch die haarsträubende Geschichte, wird zum Vermittler der Fraktionen, heiratet, trifft sogar Stalin und begibt sich auf die Suche nach dem Paradies, das auf den Akimuden sein soll, und erkennt, dass auch dort nicht alles paradiesisch ist. Der Kultautor nimmt den Leser auch auf eine Reise durch die Geschichte des Großreichs und spart nicht mit Kritik an der „russischen Seele“, der Mentalität der Menschen und am derzeitigen Regime, den Methoden der Machtausübung und am Umgang mit der scheinbar schon mit Gorbatschow ins Land gezogenen Demokratie. Der  Chef (Putin) heiratet die Frau (Russland) zwei Mal. Dann muss er sie für vier Jahre an seinen kleinen Bruder (Medwedew, heute wieder Ministerpräsident) übergeben, bis er sie schließlich ein drittes Mal zur Braut nimmt. Doch nur der untere Teil mag den Chef wirklich, die obere Hälfte wird untreu. „Bleibt auch die untere bis zum Ende treu? “, fragt sich der Erzähler am Ende. Das wird die Zukunft zeigen.

Über den Autor:
Viktor Jerofejew, 1947 in Moskau geboren, ist einer der führenden Autoren Russlands. Sein Vater Wladimir war Dolmetscher Stalins und später sowjetischer Botschafter in Paris. Von 1955 bis 1959 lebte die Familie in Paris und kehrte danach in die UdSSR zurück. Jerofejew studierte Literatur und Sprachwissenschaft an der Moskauer Lomonossow-Universität. Nach seinem Studienabschluss 1970 forschte er bis 1973 am Institut für Weltliteratur, wo er auch seine Dissertation über Dostojewski und den französischen Existentialismus schrieb. Seit Mitte der 70er Jahre ist er literarisch tätig. 1979 wurde er wegen seiner Beteiligung am Literaturalmanach „Metropol“ aus dem Schriftstellerverband der UdSSR ausgeschlossen. Weiten Kreisen wurde er in der Zeit der Perestroika mit seinem Roman „Die Moskauer Schönheit“ (1990) bekannt, der in 27 Sprachen übersetzt wurde. Jerofejew äußerte sich in Interviews und öffentlichen Stellungnahmen wiederholt kritisch zur Politik der russischen Regierung und zu Präsident Wladimir Putin.Er schreibt regelmäßig für „Die Zeit“, die „Frankfurter Allgemeine“ undDie Welt“. Auf Deutsch liegen von ihm u. a. die RomaneDie Moskauer Schönheit“ (1994) und „Der gute Stalin“ (2004) vor.

Hanser Berlin, Viktor Jerofejew: „Die Akimuden“, 464 Seiten, Aus dem Russischen von Beate Rausch.

www.hanser-lieraturverlage.de

Wien, 12. 11. 2013