Theater in der Josefstadt: „Wie im Himmel“

November 8, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Titel ist Programm

Thomas Mraz (Holmfrid), Peter Scholz (Arne), Alma Hasun (Lena), Christian Nickel (Daniel Daréus), Therese Lohner (Siv), Sona MacDonald (Inger), Christian Futterknecht (Erik), Matthias Franz Stein (Tore) Bild: © Erich Reismann

Thomas Mraz (Holmfrid), Peter Scholz (Arne), Alma Hasun (Lena), Christian Nickel (Daniel Daréus), Therese Lohner (Siv), Sona MacDonald (Inger), Christian Futterknecht (Erik), Matthias Franz Stein (Tore)
Bild: © Erich Reismann

Denn „Wie im Himmel“ fühlt man sich tatsächlich. Das Theater in der Josefstadt zeigt Kay Pollaks oscarnominierten Film als Bühnenfassung – und beweist damit einmal mehr, was nicht mehr bewiesen werden muss: Dass das Haus über ein wunderbar harmonisches, bei dieser Produktion in doppelter Bedeutung: über ein im Einklang stehendes Ensemble verfügt. Auch Regisseur Janusz Kica und der für die Musik zuständige Komponist Kyrre Kvam sind ganz in ihrem Element. Der im Text beschworene „Grundton“ stimmt. piano bis mezza voce. Ohne, dass die Dynamik zu kurz kommt. Poetisch lyrisch, wenn zu Beginn Schneeflocken den Vorhang aufwehen, wenn der von einem Herzinfarkt aus der Laufbahn geschleuderte Dirigent Daniel Daréus in Unterwäsche in Embryohaltung da liegt. Einer, der neu geboren werden will, und auf diesem Weg Hebamme für eine Kleinstadt, für eine ganze Gesellschaft ist. Und dafür sforzato mit Gewehr, Axt und Fäusten bedroht wird. Da wird der Klang spröde, splitterig, steinhart. Dorffriede? Von wegen.

Christian Nickel spielt den Daniel. Ein Glück. Nickel kann von Geige bis Klavier sein musikalisches Talent ausleben – und erstmals auch einen Chor dirigieren. Der „Chor im Hemd“, musikalische Leitung: Andreas Salzbrunn, unterstützt die Josefstädter. Nickel rührt ans Herz, das seine Rolle bis zum Umfallen erschöpft hat. Was im Film Rückblende ist, erzählt er: seine Kindheit, der verspottete „Daniel mit der Fiedel“, seine von seinem Genie überzeugte und es fördernde Mutter, eine nicht mehr unter uns weilende, dennoch omnipräsente Figur, Grausamkeiten, die einen Bratscher in den Freitod trieben – der Perfektionist erwaretet auch von anderen Perfektion, Blitzlichtgewitter über dem Star, seine Rückkehr ins Heimatdorf. Warum? Er weiß er selber nicht. Und gerät als neuer Kantor des Kirchenchors in eine Spirale von Intoleranz, Verklemmtheiten, ständig läutenden Handys (diesmal auf der Bühne, nicht im Zuschauerraum) und Eifersucht – von den Männern wegen der Frauen; von den Frauen wegen Sex. Kica lässt statt Überblendungen mehrere Szenen gleichzeitig auf der Bühne zu: Vergangenheit – Gegenwart – erträumte Zukunft. Alte Freund- und Liebschaften brechen auseinander, neue entstehen . Doch was Daniel immer wollte, gelingt ihm schließlich: die Herzen des Publikums zu öffen. Der Preis dafür, ein Menschenleben.

In alto i nostri cuori. Sono rivolti al Signore.

Sursum corda. Habemus ad Dominum.

Die großartigen Spieler mit und Gegenspieler von „Daniel“ Christian Nickel sind: Peter Scholz als Arne, geschäftiger, geschäftsmäßiger Autotandler, wie seine Zunft es vorschreibt ein sympathisches Schlitzohr, der für den Chor große Pläne hat – Gesangswettbewerb im Wiener Konzerthaus! Thomas Mraz als sein von ihm verlachter Angestellter „Fettsack“ Holmfried, eine sensible Darstellung eines Außenseiters, der seinem Boss am Ende sagt: Ich vergebe dir. Der noch größere Außenseiter, „Dorftrottel“ Tore, der nach Daniels Gebot: Jeder der mitsingen will, darf, plötzlich Mitglied des Chors sein will. Eine glanzvolle Talentprobe von Matthias Franz Stein, der nicht in die Ich-spiele- einen-geistig-Behinderten-Falle tappt, weder zuviel noch zu wenig macht, sondern einfach liebenswert ist. „Erik“ Christian Futterknecht, der „Florence“ Maria Auersperg spät, aber doch seine Liebe gesteht. „Gabriella“ Maria Köstlinger, die von ihrem Mann „Conny“ Oliver Huether geprügelt wird. Köstlinger ist die zweite „Hauptrolle“ des Abends. Wie ihr der Chor Selbstbewusstsein gibt, wie sie sich emanzipiert, wie sie ihre Kinder nimmt und geht. Natürlich singt sie auch „Gabriellas Lied“. Trotzig. Schön. Vor der Pause. Furchtbar. www.youtube.com/watch?v=u2Vr1ODCUag Mit in alle Richtungen davongelaufener Wimperntusche in den Stäußelsälen aufzutauchen. Conny wird von ihr ablassen, als er ihren Halt in der Gruppe erkennt, er wird in Handschellen enden. Huether mit Tränen in den Augen. „Olga“ Maria Urban, die sich von Siv nicht mehr deren Willen aufzwingen lässt. Therese Lohner ist eine prächtige bigotte „Betschwester“, die die verdorbenen Sitten im Chor – einer liegt auf des anderen Bauch und horcht auf dessen Atmung! – anzeigen MUSS. Das hat was von Hexenjagd, auch wenn ihr Busen nach Daniel bebt. Verlangen ist eine Sünde. Weswegen sie „Lena“ Alma Hasun, ganz junges Ding und Daniels romantic interest, beim Pfarrer denunziert. Der, „Stig“, Michael Dangl, ein Unsympath, wird von Daniels Bewunderer zum größten Gegner. Innerlich versteinert, weil er glaubt, dass Gott das von ihm verlangt, sieht er seinen Einfluss über seine Schäfchen schwinden. Selbst in der Frisur zeigt sich der Gegensatz der beiden: Daniels weiche Locken vs. Stigs zur Haifischflosse gegelter Hinterkopf. Ausgerechnet seine Frau, „Inger“, Sona MacDonald, die dritte Protagonistin, ist die einzige Freidenkerin im Ort. Sie liebt Stig und will wieder geliebt werden, körperliche Hingabe, ein wenig Ekstase für den Hausgebrauch inklusive. Doch der ist nur in seinem Benehmen steif. Bei einem ausgelassenen Fest, bei dem Köstlinger Klavier, Futterknecht Schifferklavier und Scholz Stromgitarre spielen, verrutscht ihr das Hemdchen. Und der Pfarrer greift zur Flinte …

Typisch Protestanten. Dann schon lieber, wie Ottfried Fischer sagt, brachial barock katholisch.

Konfessionen? Egal. „Wie im Himmel“ bereitet all jenen zweieinhalb besinnliche Stunden, die noch bis zur Besinnungslosigkeit Erledigungen zu machen haben, bis „die besinnliche Zeit“ über sie hereinbricht. In diesem Sinne ist es auch stimmig, dass Kica anfangs ein paar Weihnachtsmänner über die Bühne jagt. (Nicht nur das ist) sehenswert!

www.josefstadt.org

www.mottingers-meinung.at/christian-nickel-im-gespraech

www.chorimhemd.com

Wien, 8. 11. 2013