Salon 5: Start der LiteraTurnhalle

November 4, 2013 in Buch, Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Martin Schwanda las Robert Neumanns „Hochstaplernovelle“

Bild: Christian Mair

Bild: Thomas Haffner

Anna Maria Krassnigg, Herz und Hirn des Salon 5, hat ihren Spiel-Plan erweitert – indem sie den unteren Teil des wunderbar zweistöckigen Begegnungsorts, die einstmals jüdische Turnhalle, in eine „LiteraTurnhalle“ verwandelte. Geboten wird dort Literatur, gelesen, nein: gespielt, jedenfalls im Dialog mit demPublikum, das mitten drin sitzt im neuen Paradies der Schau- (statt der nur Hör-)bücher. „Gier nach Leben“ heißt der erste so gezeigte Zyklus. Nach Wilfried Steiners „Triptychon der Künste“ folgte am Wochenende Robert Neumanns „Hochstaplernovelle“. Quasi als Satyrspiel zum großen Politdrama. Denn bei den diesjährigen Festwochen inszenierte Krassnigg Neumanns „Die Kinder von Wien“; nun lässt sie der bereits zur Zeit des Austrofaschismus emigrierte, später von den Nazis geächtete Autor nicht mehr los. Verständlicherweise.

Martin Schwanda verwandelte sich in den kultivierten, scharfzüngigen, routinierten Gentleman-Betrüger Emil, der Identitäten – bevorzugt solche mit einem „Von“  – wechselt, wie andere die Wäsche. Bares bis Brillanten, er ertrickst sich, was grad geht. Doch von seinem gewohnten Jagdrevier, der Côte d’Azur, später Venedig, verschlägt es ihn Richtung „Balkan“. Kleine Fische für den Meeresangler. Und trotzdem wird er irgendwo im Hotel Nirgendwo auf seine Meister treffen. Ein geheimnisvolles Fürstenpaar … Schwanda, geschmeidig tänzelnd, blasiert, bewegt sich zwischen den Zuschauern. Schenkt Sekt an Damen aus, wirft tiefe Blicke zu, spricht das Publikum in Komplizenschaft an.  Mehrere Stationen, Lese-/Spiel-Tische, hat er sich für seinen Abend aufgebaut. Und einige Versatzstücke bereitgelegt. Je nach Schwindel ein neuer Schal. Eine Sonnenbrille. Eine Schreibtischlampe, mit Tüll umgarnt, wird zum heiß behauchten Nacken. Ein gehäkelter Pompadour Opfer des nächsten Häkel. Gezinkte Karten sind sowieso ein Muss. Schwanda hat sich Neumanns glänzend stilistische Sprache, ihre verwehte Eleganz, zu eigen gemacht. Er gestaltet Professoren, Industrielle, Adeligen, Dialekte, Sprechweisen, Schrullen. Ein gutes Dutzend Charaktere füllen so facettenreich den Raum. Dazu sorgt Christian Mair, „hauptberuflich“ administrativer Leiter der Hauses, für Live-Musik. Ausstatterin Lydia Hofmann schwebt mal im Pelz, mal im Negligée als Denise durchs Bild. Aber: Mit Denise arbeitet Emil nicht mehr (warum erfährt, wer das Buch liest, siehe unten). Ein großartiger „kleiner“ Abend. Der so nur durch die Initimität des Salon5 möglich war. Und durch Martin Schwanda, einen Vortragenden der Luxusklasse, einen Experte für die Vielschichtigkeit der Wiener Literatur. Locker-leicht entlarvt er eine Zeit, die in der Gier der heutigen nicht unähnlich ist. Das damalige Ende ist bekannt, unseres …

www.salon5.at

Die edition atelier, die sich von Else Feldmann bis Peter-Turrini Stipendiatin Claudia Tondl der heimischen Literatur verschrieben hat, verlegt Robert Neumann neu. In der Reihe Wiener Literaturen, herausgegeben von Alexander Kluy, bereits erschienen ist die „Hochstaplernovelle“ (1930), 128 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen.

www.editionatelier.at

LiteraTurnhalle:
GIER NACH LEBEN
Hermann Broch: ZERLINE   (20. / 21. / 22. / 26. / 27.11.)
Hermann Broch: ZerlineDie Leidenschaft des Salon5 nach der Begegnung mit großen „Abwesenden“ (Autoren) führt diesmal zu Hermann Broch. An einem Doppelabend wird die legendäre Figur der Magd Zerline – durch die Darstellung Jeanne Moreaus 1986 in Paris auch zu Bühnenweltruhm gelangt – in der LiteraTurnhalle 2013 neu umkreist und interpretiert.
Wieder erscheinen die Archetypen einer „Welt von gestern“ als ZeitgenossInnen.

Teil I: Der verlorene Sohn, ein atmosphärisches Vorspiel

In Brochs Roman „Die Schuldlosen“ tritt das Stubenmädchen Zerline in mehreren Kapiteln auf. Im „Verlorenen Sohn“ erscheint sie zunächst am Rand des Geschehens im zerstreuten Blick eines reichen, jungen Holländers, der im Haus der geheimnisvollen Familie W. zur Untermiete wohnt und Einrichtung und Psyche seiner Bewohner studiert. Allmählich häufen sich die Zeichen, dass Zerline hier die heimliche Herrscherin ist…

gelesen von: Martin Schwanda
Texteinrichtung: Karl Baratta

Teil II: Die Magd Zerline

eine Produktion aus der Regieklasse des Max Reinhardt Seminars, neu inszeniert für den Salon5.

Hanna Arendt bezeichnet diese Erzählung als die vielleicht schönste Liebesgeschichte der deutschen Literatur. Anders, als die im unklaren lebende Herrschaft, lässt sich Zerline zu einem leidenschaftlichen Monolog hinreißen, der die familiären Geheimnisse offenlegt. Sie berichtet von ihren Strategien, die das Schicksal der Familie bestimmten, das heißt, von ihrem teils in der Phantasie, teils in der Realität spielenden intensiven Liebesleben: Sogar der engelhaft reine Baron, ihre große Liebe, habe sie einstens an den Brüsten gepackt. Auch sei sie dem Liebhaber der Baronin, einem mondänen Teufel, verfallen und sei mit ihm fertig geworden. Ihr ganz persönlicher Gerechtigkeitssinn, ihre Beobachtungsgabe und ihre Liebe sind so stark, dass ihr niemand widerstehen kann.

mit: Marlena Keil
Regie: Matthias Rippert

Zerline
(c) Ulrike Rindermann
FAUL IM STAATE – Die Politik des Vergessens
LiteraTurnhalle (II)Die zweite LiteraTurnhalle der Spielzeit 2013/14 widmet sich dem (nicht nur) österreichischen Syndrom einer Politik des Vergessens. Zwei namhafte, streitbare österreichische Autoren und Gesellschaftsanalytiker prägen mit ihrem Werk und ihren künstlerischen und persönlichen Zugängen eine theatrale Auseinandersetzung mit dem „Unter-den-Teppich-Gekehrten“. Robert Schindel und Erwin Riess sind mit ihren Werken, aber auch als brillante Erzähler einer oral history im Sinne lebendiger Zeitgeschichte zu Gast.
FAUL IM STAATE
(c) Peter Wever

Auf dem Programm stehen…

… Szenen aus Robert Schindels Roman „Der Kalte“, der die Waldheim-Jahre zum Sprechen bringt. Sie erzählen mit vielen Stimmen, was damals hinter den öffentlichen Kulissen geschehen sein könnte. In der fiktiven Rekonstruktion eines Schriftstellers, der dabei gewesen ist, wird der größte Bewusstseinswechsel der zweiten Republik deutlich. Protagonisten sind Überlebende der Lager, Schergen, Altnazis, Künstler, Parteigranden, Journalisten, Gastwirte, der Burgtheater-direktor, der Bundeskanzler, der Präsident. Sie alle kommen nicht umhin, auf die öffentlich gewordene Erkenntnis zu reagieren, dass Österreichs politische Unschuld das Ergebnis einer Retouche ist.

… Szenen, Polemiken und Analysen aus Dramen und Prosa von Erwin Riess, die einen Bogen spannen von der History-Farce „Krupp oder das ewige Leben“ über den Essayband „Heimatkunde Österreich“ bis zu dem Roman, der Riess endgültig als ebenso unerschrockenen wie höchst amüsanten politischen Autor über die Grenzen des Landes hinaus bekannt gemacht hat: „Herr Groll im Schatten der Karawanken – Ermittlungen in Kärnten“.

Diskussionen mit den Autoren sowie mit Gästen aus Literatur, Kunst und Wissenschaft sind fixer Bestandteil der LiteraTurnhalle.

13. Mai – 22. Mai 2014

Wien, 2. 11. 2013