Garage X: Saisoneröffnung

Oktober 23, 2013 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Inklusive Uraufführung eines Josef-Winkler-Textes

Wetterleuchten auf der Zungenspitze Bild: © Gerhard Fresacher

Wetterleuchten auf der Zungenspitze
Bild: © Gerhard Fresacher

Die Garage X eröffnet die neue Saison mit einem Hattrick:

24. 10.: Mäuse. Das Judasevangelium. Live!

Mäuse“, das sind zwei Männer aus Wien, trafen sich 1994 und nahmen sofort eine Platte auf: „John Lennon beim Betreten einer Bar in New York“. Ein verstörendes Meisterwerk am Rande der zu jener Zeit enorm prosperierenden Elektronik-Knöpferldreherszene Wiens. Ihr zweiter („Teen Riot Günther-Strackture“, 1997) und dritter Streich („Made In Japan“, 1998) festigten ihren Ruf als Zwitter aus Elektro und Bombastrock bzw. Industrial und Bombaströckchen. Nach Gigs in Finnland, Portugal, der Ukraine und einer Tour als Vorgruppe der „Goldenen Zitronen“ gründete das Duo ein eigenes Label für zeitgenössische Musik namens Angelika Köhlermann. Der eine von „Mäuse“ heißt übrigens Gerhard Potuznik, er macht eigentlich alles, der andere heißt Tex Rubinowitz, was der macht, ist nicht viel (Flöte, Schalmei). Der gute Mann, auch als Cartoonist und Buchautor tätig, ist allerdings und unzweifelhaft für die zwischen den Polen „introvertiert“ und „ekstatisch“ pendelnde Gesangsperformance zuständig. Bei Live-Auftritten wird das Duo von Keyboard-Wizard Philipp Quehenberger und Schlagzeuger DD Kern („Fuckhead“, „Wipe Out“ u.a.) unterstützt. 1998 wurde die Gruppe „Mäuse“ aufgelöst. 2009 noch einmal. Jetzt ist sie wieder zurück: mit einem Album, das schlicht „Das Judasevangelium“ betitelt ist. Als Vorbote erschien zunächst die EP „Nichts ist besser als Mäuse“, ihre bislang populistischste Platte; der von leicht vergorenen Klavierakkorden eingeleitete Quasi-Titeltrack „Nichts ist besser als gar nichts“ ist geradezu ein Gassenhauer. „Mäuse“ rocken nun also wie neu. Mit Humor. Ohne Ironie.

Mit: Gerhard Potuznik, Tex Rubinowitz, Philipp Quehenberger, DD Kern

25.10.: Julius Deutschbauer: Suche die unpolitischste Theaterproduktion Wiens 2012/13

Ein Hoch auf die gesellschaftliche Irrelevanz! Was früher richtig war, kann heute nicht falsch sein! Theater soll ablenken, unterhalten und dabei nach Kräften daran arbeiten, den politischen Status Quo zu sichern. Das scheint die Idee hinter so manchem Spielplan zu sein – und das muss ausgezeichnet werden. Gemeinsam mit Julius Deutschbauer, der sich als Experte in Sachen Affirmation einen Namen gemacht hat, suchen wir nach dem unpolitischsten Theaterprojekt Wiens. Welches Haus setzt sich am stärksten dafür ein, dass kritische Stimmen ungehört bleiben? Welche Produktion lenkt am besten von wichtigen Fragen unserer Zeit ab? Wer bedient die bürgerliche Nebelmaschine am effektivsten? Nominiert sind Institutionen, Produktionen oder KünstlerInnen aus der Spielzeit 2012/13 in Wien vom Burgtheater bis zur Off-Szene. Vergeben werden Preise in sechs Kategorien, wie z.B. „Der längste Zeigefinger“,„ Der Beste Nachwuchs-Weltverbesserer“ sowie ein Spezialpreis, der direkt vergeben wird. Die Preisskulptur entwirft Julius Deutschbauer.

DIE NOMINIERUNGEN 2013
In der Kategorie „Der große Gönner“/„Die große Gönnerin“:
• „Tartuffe“ von Molière. Inszenierung: Luc Bondy; Burgtheater in Koproduktion mit Wiener Festwochen
• „Der seidene Schuh oder Das Schlimmste trifft nicht immer zu” von Paul Claudel. Bearbeitung: Thomas Arzt, Jörg Albrecht, Anja Hilling, Tine Rahel Völcker, Inszenierung: Gernot Grünewald, Mélanie Huber, Christine Eder, Pedro Martins Beja; Schauspielhaus Wien
• „Grill Royal / PostPfost“. Eine Abschiedsfeier für den künstlerischen Leiter Haiko Pfost; brut Wien
In der Kategorie „Die dickste Staubschicht“:
• „Der Riese vom Steinfeld“ von Peter Turrini. Deutschsprachige Erstaufführung. Inszenierung: Stephanie Mohr; Volkstheater Wien
• Franz Koglmann / Carsten Paap / Michael Scheidl: “JOIN!”. Inszenierung: Michael Scheidl, Libretto: Alfred Zellinger, Auftragswerk: netzzeit im Rahmen des Festivals 2013 OUT OF CONTROL, in Koproduktion mit: Wiener Festwochen, netzzeit
• „Unruhe der Form / Entwürfe des politischen Subjekts“. Kuratoren: Karl Baratta, Stefanie Carp, Matthias Pees, Hedwig Saxenhuber, Georg
Schöllhammer. Ein Ausstellungsparcours von Wiener Festwochen, Secession, Akademie der bildenden Künste Wien in Kooperation mit MuseumsQuartier Wien
In der Kategorie „Die besten Nachwuchs-Weltverbesserer“
•„Made in Austria“[ff]. Konzept und künstlerische Leitung: Oleg Soulimenko; Dramaturgische Beratung: Thomas Frank (brut wien), Elisabeth Schack (Wiener Festwochen); Koproduktion: Wiener Festwochen, brut Wien, Oleg Soulimenko / Vienna Magic, in Kooperation mit: Donauturm
• „Moorland – Eine gottverdammte Terroristenbande”. Eine Überschreibung von Friedrich Schillers „Die Räuber” von Gernot Plass. Inszenierung: Gernot Plass; TAG
• „Der Mentor“ von Daniel Kehlmann. Uraufführung. Inszenierung: Herbert Föttinger; Theater in der Josefstadt
Spezialpreis für thesenfreie Positionierung
• MuTh – Der Konzertsaal der Wiener Sängerknaben
In der Kategorie „Der längste Zeigefinger“
• „Die Kinder von Wien“ von Robert Neumann. Inszenierung: Anna Maria Krassnigg; Koproduktion: iffland & söhne / Salon5 Wien, Drama Shop, in Zusammenarbeit mit: Wiener Festwochen
• „Letzte Tage. Ein Vorabend“. Inszenierung: Christoph Marthaler Produktion: Wiener Festwochen, in Koproduktion mit: Festival d’Automne à Paris, Théâtre de la Ville, Paris, Staatsoper Unter den Linden, Berlin, in Kooperation mit: Kunstenfestivaldesarts, Brüssel, Miedzynarodowy Festiwal Teatralny DIALOG – WROCLAW
• „The Old Testament According To The Loose Collective“ von THE LOOSE COLLECTIVE (A). Konzept, Performance: Alex Deutinger, Alexander Gottfarb, Radek Hewelt, Marta Navaridas, Anna Maria Nowak; Eine Koproduktion von: Tanzquartier Wien, Kunstverein Archipelago Wien und Performanceinitiative 22 Graz
In der Kategorie „Die größte Scheinheiligkeit“
• Konzept WERK X (Zusammenführung GARAGE X mit Palais Kabelwerk)
• „Aufsperren. Total!“ – Die Neueröffnung des Volkstheater-Hundsturms; Künstlerische Leitung: Wolfgang Schlag
• „15 Jahre Radio Maria“ im Stephansdom (Radio Maria Österreich – Der Sender mit Sendung) mit Kardinal Christoph Schönborn u.a.
In der Kategorie „Helden und Heldinnen der Provinz“ (Die beste Bundesländeraufführung)
• „Winterreise“ von Elfriede Jelinek. Inszenierung: Marco Štormann; Stadttheater Klagenfurt
• „Wortskulptur“ von Erwin Wurm. Inszenierung: Matthias Hartmann. Galerie Thaddaeus Ropac, Salzburg
• Alexander Pereira für seine Gesamtleistung bei den Salzburger Festspielenseit 2012
Als „Größte politische Dramaqueen“ ausgezeichnet wurde Peter Turrini für seine Dankesrede bei der Nestroy-Verleihung 2011 anlässlich des Preises für sein Lebenswerk. Die Laudatio von Nicolas Stemann in voller Länge im Video:
30. 10.: WETTERLEUCHTEN AUF DER ZUNGENSPITZE von Josef Winkler. Uraufführung.
Eine Produktion von Dark City in Koproduktion mit GARAGE X. Der Kärntner Autor Josef Winkler arbeitet für Gerhard Fresacher und die GARAGE X an einem neuen Theatertext. Neben Auszügen aus seinen Romanen wie „Der Leibeigene“ und „Leichnam, seine Familie belauernd“ wird Winkler, der 2007 mit dem großen österreichischen Staatspreis für Literatur und 2008 mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet wurde, auch an neuen Texten arbeiten. In seiner Prosa beschreibt Josef Winkler, ausgehend von autobiografischen Erfahrungen, die Probleme, denen ein Individuum in einer patriarchal und katholisch geprägten Welt begegnen muss: Er schreibt und windet sich gegen den Erzkatholizismus, gegen Hetze und Vorurteilen gegenüber Homosexualität. Winkler thematisiert das Morbide, die Themen Isolation und Tod und richtet sich gegen den strengkatholischen Wahn. Der Regisseur Gerhard Fresacher hat in den vergangenen Jahren bereits mehrfach zu Josef Winkler gearbeitet; u.a. „Ich reiß mir eine Wimper aus und stech dich damit tot“.
Wien, 23. 10. 2013