Yoko Ono in der Kunsthalle Krems

Oktober 18, 2013 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

„Yoko Ono. Half-A-Wind Show. Eine Retrospektive“

Yoko Ono und John Lennon in der Performance “Acorn Event”, Kathedrale von Coventry, 15. Juni 1968 Bild: Keith Mc Millan © Yoko Ono

Yoko Ono und John Lennon in der Performance “Acorn Event”, Kathedrale von Coventry, 15. Juni 1968
Bild: Keith Mc Millan © Yoko Ono

Yoko Ono ist eine der einflussreichsten Künstlerinnen unserer Zeit. Zum 80. Geburtstag der 1933 in Tokio geborenen und in New York lebenden Künstlerin widmet ihr die Kunsthalle Krems ab 20. Oktober eine umfassende Retrospektive, in der rund 200 Werke aus sechs Jahrzehnten ihres Schaffens präsentiert werden und sie als Konzeptkünstlerin, Performerin, Mitglied der Fluxusbewegung, Avantgardefilmemacherin, revolutionäre Musikerin, gesellschaftspolitische Aktivistin, Philosophin und Poetin vorstellen. Seit Beginn ihres Schaffens Mitte der 1950er-Jahre ist Yoko Ono bestrebt, die konventionellen Betrachtungsweisen von Kunst zu hinterfragen. Ihre künstlerischen und humanistischen Intentionen finden in vielen verschiedenen Medien Ausdruck.

„Yoko Onos Kunst thematisiert die Differenzierung realer Wirklichkeit innerhalb des experimentellen und damit unbegrenzten oder nie abgeschlossenen Triangels: Wahrnehmung – Beobachtung (Veränderung) – und Darstellung (das Zeigen durch Zeichen).“ VALIE EXPORT bei ihrer Laudation anlässlich der Verleihung des Oskar-Kokoschka-Preises 2012 an Yoko Ono

Die Infragestellung des herkömmlichen Kunstwerkverständnisses unter Einbeziehung partizipativer und konzeptioneller Elemente machte sie in den 1960er-Jahren zur Pionierin der Konzept-und Performancekunst und zu einer der bedeutendsten Vertreterinnen der New Yorker Fluxus-Bewegung. Bereits ihre 1962 gezeigte Ausstellung „Works of Yoko Ono“ im Sogetsu Art Center, in der sie keine Gemälde, sondern
Ideen als „Instructions“ präsentierte, zeigte auf, wie sehr Yoko Ono, mit ihrem gegen den geschlossenen Werkbegriff gerichteten Ansatz, Fluxus wesentlich beeinflusst hat. Diese Schau, die heute als Markstein der Konzeptkunst gilt, ist ebenso ein frühes Beispiel für Yoko Onos
Bestreben, das passive Verhältnis zwischen den Betrachter/innen und dem Kunstwerk über die Aktivierung der Imaginationskraft aufzulösen.

„Basically I am interested in communication and therefore participation of everybody. I´m just part of the participation and the thing to participate should be basically a mind sort of thing. I can express it in any medium, just as you use water in everything for cooking.“  Yoko Ono, 1968

Diese Aussage Onos dient geradezu beispielhaft als Metapher für ihr partizipatives, auf Kommunikation basierendes und alle Darstellungsweisen inkludierendes Oeuvre. Mit ihrem epochalen Gesamtwerk, bestehend aus konzeptuellen Überlegungen bzw. Handlungsanweisungen, Objekten, Performances, Filmen, Fotografien, Kompositionen, Dichtungen und Installationen, hat sie künstlerische Innovationen des 20. Jahrhunderts entscheidend mitgeprägt. So gilt Yoko Ono etwa mit ihrem legendären, Gewalt thematisierenden, protofeministischen „Cut Piece“ (1964), – bei dem sich Ono dem Publikum auslieferte, indem sie es aufforderte, ihr mit einer Schere die Kleidung vom Leibe zu schneiden – als Pionierin der Happening-und Performancebewegung. Mit ihren radikalen Filmen wie „Eyeblink“ (1966), „Match“ (1966), „Film No. 4 (Bottoms)“ (1966), „Fly“ (1970) oder „Freedom“ (1970) hat sie richtungweisende Arbeiten im Bereich des experimentellen amerikanischen Avantgardefilms geschaffen. Dabei reduzierte sie das Konzept meist auf das
Allernotwendigste und stellte – nur scheinbar nebensächliche – Details in den Fokus der Betrachtung.  Charakteristisch in ihrer filmischen Arbeit ist die serielle Darstellungsform, die vertraute Zeitstrukturen unterwandert und den Fokus auf das Bild als Phänomen per se richtet. Die eigenartige Verwendung und Bearbeitung der Tonspur fügt den Filmen eine weitere außergewöhnliche Erfahrungsebene hinzu. Auf musikalischer Ebene ist Yoko Ono mit ihrem extremen Gesangstil und den minimalistischen Tendenzen in ihren Kompositionen und Soundperformances stets ihrer Zeit voraus gewesen. Im Zuge ihres Studiums am Sarah Lawrence College mit Schwerpunkt Komposition und zeitgenössische Dichtung lernte sie die Zwölftonmusik der zweiten Wiener Schule um Schönberg und Webern kennen. In einem eigens eingerichteten Musikraum – sowie vereinzelt in den unterschiedlichen Themenbereichen der  Ausstellung – wird man der Künstlerin als Musikerin immer wieder begegnen.  Stets diente ihr facettenreiches künstlerisches Schaffen auch dazu, kompromisslos Diagnosen der politischen, kulturellen, ökologischen und sozialen Verhältnisse zu stellen. Oft spielen in ihrem performativen („Cut Piece“), filmischen („Fly“) oder musikalischen („Woman Is the Nigger of the World“; gemeinsam mit John Lennon geschrieben) Schaffen feministische Aspekte und eine Analyse von Geschlechterdifferenzen eine bedeutende Rolle. Auch in ihren gesellschaftspolitischen Aktivitäten trat sie immer wieder auf poetische, utopische oder provozierende Weise gegen Formen der Unterdrückung von Frauen auf. Zuletzt etwa in der mit der Biennale in Venedig präsentierten Arbeit „Arising“ (2013), die auch in der Kunsthalle Krems zu sehen sein wird. Darüber hinaus engagiert sie sich nach wie vor für Menschenrechte, setzt mit „IMAGINE PEACE“-Aktionen Zeichen für den Weltfrieden oder macht auf die zunehmende Umweltzerstörung aufmerksam. Yoko Ono glaubt an den utopischen Charakter von Kunst und die Kraft von Künstlern, Impulse zur positiven Veränderung der Gesellschaft setzen zu können:

„The job of an artist is not to destroy but to change the value of things. And by doing this, artists can change the world into an Utopia.”
Yoko Ono, 1971

Unentwegt hinterfragt sie in ihrem Werk die Dichotomie von persönlich-individueller und global-sozialer Verantwortung. In der Überzeugung, dass Erinnerung nicht nur das Rückgrat der persönlichen Lebensgeschichte ist, sondern ein wesentlicher Teil gesellschaftspolitischer und sozialer Prozesse, kreisen viele Arbeiten nicht zuletzt auch um das Phänomen individueller und kollektiver Erinnerung. Seit rund zehn Jahren wird ihr Schaffen weltweit in Ausstellungen in den bedeutendsten Museen präsentiert. Die Verleihung des „Goldenen Löwen“ für ihr Lebenswerk auf der Biennale in Venedig im  Jahre 2009 ist nur eine von vielen Würdigungen, die Yoko Ono in den letzten Jahren erfahren hat.

„Yoko Onos künstlerischer Kosmos offenbart auf einzigartige Weise ihre intensive Beschäftigung mit subjektiver Erfahrung, gesellschaftspolitischer Wahrnehmung und sich daraus ergebender Konstruktion von Realität und Identität. Ihre positive Energie, ihren Mut sowie ihr visionäres Denken und innovatives künstlerische Handeln erstmals in Österreich umfassend in Form dieser Retrospektive präsentieren zu können, ist für die Kunsthalle Krems eine große Ehre.“
Hans-Peter Wipplinger

www.kunsthalle.at/de/kunsthalle-krems

Wien, 18. 10. 2013