Cornelius Obonya badet in Selbstmitleid

Oktober 17, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

stadtTheater Walfischgasse: „C(r)ash“

Stefano Bernardin, Cornelius Obonya, Claudia Kottal Bild: © Robert Polster

Stefano Bernardin, Cornelius Obonya, Claudia Kottal
Bild: © Robert Polster

Von der Walfischgasse an den Broadway. In diesem Augenzwinkerer, Prinzipalin Anita Ammersfeld, die das Kompliment augenblicklich an Autor, Regisseurin und Darsteller weiterreichte, nach der Premiere zugeflüstert, steckt mehr als nur ein Körnchen Wahrheit. Mit der Uraufführung von Rupert Hennings „C(r)ash“ ist dem stadtTheater nämlich wieder einmal ein Coup gelungen. Der Krimi, der sich von Komödienleichtigkeit zum Psychothriller entwickelt, ist ein well-made play in bester anglistischer Tradition, „Sleuth“ („Mord mit kleinen Fehlern“) von Anthony Shaffer, in dessen Inszenierung am stadtTheater Henning als Darsteller mitwirkte, nicht unverwandt; klaustrophobisch-kammerspielartig wie ein Hitchcock (Lieber Rupert Henning, Sprachästhet, Sprachpfleger als Überzeugungstäter, verzeihen Sie die Querverweise – sie dienen nur der Veranschaulichung des Eindrucks); ein Schaukelstuhl kommt immerhin auch vor. Und schon denkt man an Norman Bates: „Mutter?“

Tatsächlich hat Henning die Handlung von „C(r)ash“ in die USA verlegt. Die Finanzkrise, der Abstieg des „Mittelstands“, die Liegenschaftsversteigerungen von „unterteuerten“ Objekten sind das Freud’sche Über-Ich , in dem ES (pardon: das war jetzt auch ein bissl Stephen King) sich entfalten kann. Henning spielt – no na – mit Cash = Kasse, Barschaft und Crash = Zusammenbruch, Absturz: Ein junges Yupppie-Paar hat sich zwecks Familiengründung in the middle of nowhere ein wunderbares, altes Herrenhaus gekauft. Günstig. Ein Schnäppchen. Als die beiden gerade dabei sind, den künftigen Erben des Anwesens zu zeugen, klingt’s an der Tür: Field Deputy Sergeant Leroy Brooks ist gekommen, um in dem seiner Meinung nach leerstehenden Gebäude, in dem er Licht bemerkte, nach dem Rechten zu sehen – und er geht und geht und geht nicht mehr. Er kennt sich aus im Haus. Die neuen eigenen vier Wände, die den New Yorker „Zuwanderern“ laut Kaufvertrag zwar gehören, findet er, stehen ihnen nicht zu. Also zückt er die Waffe und verwandelt das Eigenheim in ein Gefängnis. Geiselnahme … Auflösung beim Anschauen.

Claudia Kottal und Stefano Bernardin als Trish und Artie Rizzo spielen die Neuankömmlinge in der Gemeinde, über die Cornelius Obonya als Leroy Brooks mit wachen Augen wacht. Regie führte Obonyas Ehefrau Carolin Pienkos. Und die verwandelt die Steilvorlage des Stoffs in  einen Treffer. Mitten ins Huch! Das Trio agiert großartig. Das Ganze: eine Entgleisung. Obonya ist als Gendarm der Im-Keller-Lachen-Typ. Seine Nachbarschaftshilfe, sein (geschwindeltes) Beratungsgespräch gegen Gefahren aller Art ist der Urquell aller Panikattacken. Latent rassistisch – für New Yorker alles nur Klischees -, spooky, aber auch pragmatisch-praktisch (bei der Tilgung von Ameisen auf der Toilette, die und deren Herkunft er naturgemäß kennt). Er lädt zum Rollen-Spiel. Changiert zwischen lautem und subtilem Terror. Ein rechtschaffener Geisteskranker. Obonya gelingt vor allem im zweiten Teil – Aggressions- und Alkoholpegel steigen parallel – die große Kunst: Er macht einen wütend auf seine Figur. Diesen Versager, der in Selbstmitleid badet, der anderen die Haftung an seiner Misere abtritt. Der sein Minderwertigkeitsgefühl mit der „Wiedererrichtung der Schuldtürme“ rechtfertigt. Ein Jedermann, weil schließlich jeder jemanden kennt, dem er gern die Kugel gäbe. Das Tragen einer Waffe verführt allerdings erst zu deren Gebrauch. Hennings Text besticht nicht durch Doppel-, sondern mit Mehrdeutigkeit. Wahrnehmung und Affektivität seiner Charaktere sind gestört, Depression und Antriebsmangel bestimmen dem einen beziehungsweise dem anderen das Sein.

Brooks‘ Gegenüber ist Stefano Bernardins „Artie“. Ein schlitzohriger Softwareentwickler „für den möglichst geringsten geistigen Anspruch“, der mit einer Idioten-App und anwaltschaftlicher Ausschaltung des Geschäftspartners so richtig Geld gemacht hat. Seither privatisiert er. Kultiviert seine Leichtlebigkeit, die spaßige Oberflächlichkeit, seine arrogante Aufgeblasenheit. Das Landei auf die Schippe zu nehmen, ist für ihn zunächst ein Sport. Schließlich wollte nicht er, sondern seine Frau, nach Freaktown übersiedeln. Dass sein spezieller Humor beim Aufprall auf den Cop zum absurden Hahnenkampf werden wird – wer konnt’s ahnen beim Dickauftragen? Immerhin kann er Brooks, bevor er in die Weinerlichkeit entschwindet, noch seine Lebensphilosphie an den Kopf werfen: „Ich hatte immerhin eine Idee.“ Wunderbar spielt das Bernardin, dabei weder Körperlichkeiten noch eine Patenparodie scheuend. Bleibt als Dreh- und Angelpunkt „Trish“ Claudia Kottal. Sie war es, die Landfrieden, Landliebe suchte, nachdem ihr Artie mit einer anderen Art Gras die Karriere als Kinderärtzin versaute. Sie ist es, die durch einen Verzweiflungs-/Tobsuchtsanfall das Ruder herumreißt. Die an einem Abend gleich zwei Männer zu  therapieren hat. Kottal spielt mit Leib und Seele – eine Glanzleistung.

Die Moral von der Geschicht‘? Ist ein Triptychon. Das darstellt, dass Geld längst etwas Irreales für sehr reale Monopoly-Spieler geworden ist. Dass Besitz eine Chimäre ist, deren Schwester Hydra-Bank sie jederzeit zu sich rufen kann. Und dass die Haushalte gegen nachwachsende Wucherköpfe machtlos bleiben werden, wenn die Regierungen es nicht einmal schaffen, ihren eigenen in Ordnung zu bringen.

www.stadttheater.org

Wien, 17. 10. 2013