Alice Munro erhält den Literaturnobelpreis 2013

Oktober 10, 2013 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Meisterin der kleinen Form

Alice Munro Bild: Derek Shapton

Alice Munro
Bild: Derek Shapton

Die Schwedische Akademie hat entschieden: Der mit knapp 920.000 Euro dotierte Nobelpreis für Literatur geht heuer an die Kanadierin Alice Munro, der „Meisterin der Erzählungen“.Munro, geborene Alice Ann Laidlaw, kam am 10. Juli 1931 in Wigham, Ontario zur Welt. Sie musste lange warten, bis eine erste Sammlung ihrer Erzählungen publiziert wurde. Ihr Debüt „Dance of the Happy Shades“ („Tanz der seligen Geister“) wurde 1968 von der Kritik begeistert gefeiert und ausgezeichnet. Die heute 82jährige Kanadierin knüpft mit ihren Kurzerzählungen an die angelsächsische Tradition der Short Stories an. Ihre Geschichten sind realitätsnah, abgründig, unsentimental und haben häufig einen offenen Schluss. Bisher sind 14 Erzählbände erschienen. Alice Munro gehört zu den bedeutendsten Autorinnen der Gegenwart und lebt in Ontario und in British Columbia. Über ihren letzten 2012 erschienen, preisgekrönten Band „Dear Life“ (deutsche Übersetzung folgt) sagte sie zwar, dass er ihr letzter gewesen sei, und sie mit dem Schreiben aufhöre, aber es bleibt zu hoffen, dass sie ihre Meinung ändert. Neben dem diesjährigen Literaturnobelpreis erhielt sie u.a. den Canada-Australia Literary Prize (1977), den Commonwealth Writers‘ Prize (1991), den Giller Prize for Fiction (1998 und 2004), den Mann Booker International (2009) und den Trillium Award (2013) für „Dear Life“ (Liebes Leben).

Lesetipps: „Tanz der seligen Geister“ war das Debüt der großen Meisterin der kleinen Form. Die Sammlung erschien im Original 1968 („Dance oft he Happy Shades“) und wurde 2010 erstmals auf Deutsch bei Dörlemann herausgegeben. Bereits hier zeigt sich Alice Munro als präzise, unsentimentale und abgründige Chronistin zeitgenössischen Alltagslebens. Stehen in ihren späteren Büchern Frauen mittleren Alters im Vordergrund, so finden sich in „Tanz der seligen Geister“ vor allem Erzählungen vom Erwachsenwerden.„Runaway“ (dt. „Tricks“, 2006, S. Fischer) sind Geschichten von Frauen und Mädchen, von Bedrohungen, geheimen Sehnsüchten und Leid, von rätselhaften Mustern in vermeintlich unscheinbaren Leben – Geschichten von bestürzender Intensität und Dramatik. Imponierend bekräftigt „Tricks“ Munros legendären Ruf als Meisterin der subtilen Erkundung weiblicher Seelenregungen. Dabei erweist sich das besondere Gespür der Autorin für den geheimen Kern ihrer Figuren, jenen rätselhaft-dunklen Bereich, wo Selbstbetrug und Lebenslügen, gefährliche Illusionen und Tricksereien ihren Ausgang nehmen und wo all jenes seinen Grund in uns hat, das stärker ist als der eigene Wille.Zuviel oder zuwenig: für das Glück gibt es kein Maß, nie trifft man es richtig. Alice Munros Heldinnen und Helden geht es in „Zu viel Glück: Zehn Erzählungen“ (dt. 2011, S. Fischer) nicht anders, aber sie haben das Zuviel und Zuwenig erlebt: Sie kennen die Namen der Bäume, die Last ungeschriebener Briefe. Sie wissen, wie es sich anfühlt, wenn man den Mann, der die gemeinsamen Kinder getötet hat, in der Anstalt besucht.

„Die Liebe einer Frau“ (dt. 2008, S. Fischer) hat das westliche Kanada als Handlungsort, und das Thema ist klassisch für Munro: Geheimnisse, Liebe, Betrug und das ganz normale Leben. Aber wie wir es von dieser Meisterin der Kurzgeschichte bereits kennen, ist der Weg, den sie nimmt, alles andere als normal. Die Titelgeschichte ist eine Erzählung in vier Teilen und beginnt mit dem Ertrinkungstod eines Optikers in einer Kleinstadt. Die Geschichte wird ausgeweitet und befasst sich zuerst mit den Jungen, die die Leiche entdeckt hatten, und dann mit einer boshaften Frau, die im Sterben liegt, und ihrer jungen Pflegeschwester. Ein gründliches und umfassendes Porträt des Kleinstadtlebens mit all seinen Spannungen, Betrügereien und unfreiwilligen Bindungen.In den dreizehn Erzählungen ihres zweiten Erzählbandes „Was ich dir schon immer sagen wollte“ von 1974 (dt. 2012 , Dörlemann) stellt Alice Munro ihre präzise Beobachtungsgabe und den ihr eigenen unprätenziösen Erzählstil, für die sie in unseren Tagen so berühmt ist, unter Beweis. Flirrend zwischen Hoffnung und Liebe, Zorn und Versöhnung suchen die Schwestern, Mütter, Töchter, Tanten, Großmütter und Freundinnen in diesen Geschichten immer neue Wege, ihre Vergangenheit und ihre Gegenwart – und das, was sie von der Zukunft zu wissen glauben – auszusöhnen.

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www.doerlemann.com

Wien, 10. 10. 2013