Andreas Vitásek: Sekundenschlaf

Oktober 9, 2013 in Bühne

VON MICHAELA UND RUDOLF MOTTINGER

Ein traumhaftes Programm im Rabenhof

Bild: Udo Leitner

Bild: Udo Leitner

Gut, mag sein, dass er, wie er erzählt, sein Herz kurzfristig verloren oder (wie seine jüngere Tochter mutmaßt) eher verlegt hat. Wenn man ihm im Rabenhof aber zuhört, geht einem das Herzerl so richtig auf. Da schlagen die muskulären Hohlorgane des Publikums rhythmisch für ihn im Takt. Tock-Tock. Tock-Tock. Nein, eigentlich, Tick-Tack, Tick-Tack. Schließlich heißt Andreas Vitáseks zwölftes Soloprogramm „Sekundenschlaf“. Und darin geht’s um nichts weniger als die Welt an sich und Gott im Besonderen. Das heißt: Um einen seiner Schutzengel – eine blade, kitschige Raffael-Putte. Der Handlungsreisende vom anderen Ende kommt natürlich ebenfalls vor. Wenn schon nicht mehr der „Zippe-Zappe“-Tod, dann zumindest der Deixel. Übers Südburgenland wird übrigens auch philosophiert. Und der ORF kriegt eine aufg’legt: „VITASEK?“. Warum schwemmt es vom Berg eigentlich immer die gleichen Leichen runter? Trägt die wer wieder rauf?

Der Großmeister der Kleinkunst somnambulisiert durch seinen Alltag. Dass es zwischen den Kurzgeschichten Blackouts gibt, macht Sinn: Der Einfall zum neuen Kabarett kam Vitásek zufällig während einer sechsstündigen Festwochen-Aufführung. Von Rezensenten wird dieser REM-Zustand je nach Verfassung gern Powernapping oder Duldungsstarre genannt. Und er erduldet dafür Beleidigtheiten. Die Worte-Serve-and-Volley-Spieler am anderen Ende haben’s leichter. Sie nutzen derlei Grenzerfahrungen zu gruppentherapeutischen Sitzungen. Publikum, was plagt dich mehr? Nichts. Denn Vitásek lässt den Druck ab – mehr dazu im Programm; nur soviel: das Leben besteht aus Blut und Scheiße -, macht sich die eigenen posttraumatischen Erfahrungen mit der Post („Was heißt, das Packerl gibt’s erst morgen? Es ist 16 Uhr. Was hat es den ganzen Tag gemacht? Eine Stadtrundfahrt?“) oder die Suche nach einem der verschreckt-versteckten Saturn-Verkäufer – am besten aufzustöbern, wenn sie sich im Rudel in einer Geschäftsecke herumdrucken – zu eigen. Was will man von einer Generation, für die Links was zum Anklicken, aber keine politische Richtung ist? Da „surft“ der Kenner lieber in Großvaters altem Brockhaus. Vitásek wechselt zwischen liebenswert-lakonisch und zielsicher-zynisch, wenn er über diese Paradigmenwechsel, den Wert einer Sollbruchstelle in einer Tafel Schokolade und deren Unwert im Knie, über nie genossene Genussscheine und finanzielle Verluste ankündigende „Gewinnwarnungen“ monologisiert. Hat ihm doch nicht unlängst in der U-Bahn einer den Sitzplatz angeboten! „Nein, danke, ich steig‘ eh gleich aus.“ Zwei Stationen früher als geplant. Eine Frechheit, diese Jugend heute! Ist er nicht eben erst rauschselig mit 40 im Café Europa eingeduselt – und jetzt mit 57 aufgewacht? Die Zeit ist ein Hund. Weshalb auch der Vitásek’sche Mops vorkommt. Die blade, schiache, heißgeliebte Putte.

Zwischendurch gibt’s nützliche Sprichwörter. Wie dieses rumänische: Ob man ihn verwendet oder nicht, die Zeit des Schwanzes geht vorüber. „Sekundenschlaf“ ist große Literatur im Sanduhr-Format. Man möchte sie/es wieder und wieder umdrehen, damit die Zeit von Neuem läuft. Als gäb’s tatsächlich das -männlein, das einem die magmatischen,  metamorphen Körner in die Augen streut. Wäre Johann Nepomuk Nestroy statt Theaterautor Kabarettist geworden, er wäre Andreas Vitásek. Oder umgekehrt: Wäre Andreas Vitásek statt Kabarettist … Beendet wird die Tour de Farce nicht mit Paulchen Panthers „Wer hat an der Uhr gedreht?“, sie beginnt gleich mit dem ersten Mottinger’schen Beziehungssong (bevor wir aus U-Bahn-Sitzplatz-Gründen Jacques Brels „Lied von der alten Liebe“ mit auf die Setlist nahmen). Rolling Stones:

Time is on my side, yes it is
Now you always say
That you want to be free
But you’ll come running back
Youll come running back to me

Begeisterungskreisch – siehe: www.youtube.com/watch?v=rIE2GAqnFGw

www.vitasek.at

www.rabenhoftheater.com

www.hoanzl.at

PS.: Lieber Andi, wir sind derzeit bei Katze/Kater Nummer drei und vier. Nur so als kleine Warnung … „Irgendwann, möglicherweise aber auch nie, werde ich dich bitten, mir eine kleine Gefälligkeit zu erweisen.“ (Der Pate I) Sie heißen nebstbei bemerkt Salome Pockerl und Titus Feuerfuchs.

Wien, 9. 10. 2013