Theater Nestroyhof Hamakom und Salon5 als Partner

Oktober 2, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Programm von Robert Neumann bis Hermann Broch

Hochstaplernovelle: Martin Schwanda Bild: (c) Christian Mair

Hochstaplernovelle: Martin Schwanda
Bild: (c) Christian Mair

Zwei – von Ihrer historischen und ästhetischen Herkunft jüdische – Orte mit großem Charisma wagen eine künstlerische Partnerschaft: Theater Nestroyhof Hamakom und Salon5. Eine künstlerische Luftbrücke, gebaut auf den Pfeilern des geteilten, leidenschaftlichen Interesses für das Aufspüren und „Ans-Licht-Bringen“ verdrängter Literatur, das deutliche Bekenntnis zur darstellenden Kunst und ihrem Personal, sowie immer neue Spielarten der Vermittlung an ein heterogenes Publikum verbindet ab der Spielzeit 2013/14 die Spielstätten im zweiten und im fünfzehnten Bezirk. Beide Bühnen schreiben sich sehr bewusst das Drama als literarische Gattung mit all ihren Ausfransungen und vitalen, zeitgenössischen Varianten – auch solchen, die wir noch gar nicht kennen, ja, die es ständig neu zu erfinden gilt – auf ihre Fahnen. Das Janusköpfige – im genius loci der einzelnen Orte, in der Identität der Programmierung und nicht zuletzt derjenigen der TheaterleiterInnen – bleibt erhalten, und wird ausgereizt. Die Spielpläne der Häuser kann man sich wie eine Achse vorstellen, auf der die kontinuierliche Programmierung des größeren Hamakom auf jährlich eine Uraufführung einer Tetralogie unter dem Titel ON KICKS / ÜBERTRITTE  (vier Stücke von Anna Poloni 2014 – 2017) sowie ein Musiktheaterprojekt des Salon5 trifft – das erste wird EMILY, ein poetry song project nach Emily Dickinson, im Juni 2014 sein. Zusätzliche gemeinsame Vorhaben sind Fenster nach Morgen, eine Plattform für den professionellen Nachwuchs in der darstellenden Kunst, sowie die bereits erfolgreich bestehende LiteraTurnhalle, die als geistiger und physischer Austragungsort für die Sichtbarmachung von wieder zu entdeckenden Texten dient.

Programmhöhepunkte der beiden Häuser:
Theater Nestroyhof Hamakom: Eine Uraufführung von Robert Schindels Dunkelstein im Oktober 2014 in der Regie von Frederic Lion,  Sonia Mushkat von Savyon Liebrecht in der Inszenierung von Michael Gruner im April 2014, sowie Valentinstag von Iwan Wyrypajew im Februar 2014, ebenso inszeniert von Frederic Lion. Wiederaufnahmen (wie die erfolgreiche Produktion Anna und Martha, sowie die beiden Täterinnenmonologe Covergirl und Die Kommandeuse), Lesungen, Buchpräsentationen und eine Ausstellung rund um das Gedenken an die Novemberpogrome, interdisziplinäre Programme sowie Sam’s Bar im Dezember 2013, bei der das Hamakom an die Tradition der Etablissement-Kultur anknüpft, zählen zu den wichtigen Programmpunkten des Spieljahres 2013/14.
Salon5: Herzstück des Salon5 bildet die Tetralogie ON KICKS / ÜBERTRITTE  mit Uraufführungen von Stücken von Anna Poloni: Teil 2, PASADA – Eine Überfahrt, hat im September 2014 Premiere. Im Rahmen von LiteraTurnhalle präsentiert der Salon5 Gier nach Leben (Abende über Wilfried Steiner, Robert Neumann, Hermann Broch) sowie Faul im Staate, das dem Syndrom der Politik des Vergessens gewidmet ist (zwei Abende mit Szenen nach Texten von Robert Schindel und Erwin Riess).

Details zur Partnerschaft und den Spielplänen beider Häuser finden sie hier: http://salon5.at/start.php?m=1

Die alte jüdische Turnhalle in Fünfhaus wird mit dem Salon5 im Herbst 2013 zur LiteraTurnhalle. In diesem Format präsentieren wir ab der laufenden Spielzeit handverlesene literarische Kost- und Sonderbarkeiten: szenisch, musikalisch, manchmal filmisch, immer verführt von den literarischen Funden und einladend zur Diskussion mit Publikum und Wissenschaft. Wieder oder erstmals entdeckte Literatur wird zum szenischen Brennstoff für KünstlerInnen und Publikum. Die Erfahrung der ersten fünf Jahre Salon5 wird in diesem beweglichen, interdisziplinären Format erneut zugespitzt: TEXT + SALON5 = LUST.
GIER NACH LEBEN (LiteraTurnhalle (I) )
Die erste LiteraTurnhalle im Herbst 2013 dominieren Figuren, die auf gleichzeitig titanenhafte und lächerliche Weise darum ringen, dem einen kleinen Leben den größtmöglichen Glanz abzugewinnen. Was sie eint, ist die Hoffnung, nach dem Fallen wieder aufzustehen und ihre unstillbare Gier nach Leben.
(Immer) wieder ans Licht zu holende Autoren wie Robert Neumann oder Hermann Broch kontrastieren mit zeitgenössischen Neuentdeckungen wie dem Romancier und Theatermacher Wilfried Steiner.
Wilfried Steiner:
TRIPTYCHON DER KÜNSTE (29.10.)
Auszüge aus der Romantrilogie „Der Weg nach Xanadu“, „Bacons Finsternis“, sowie „Die Anatomie der Träume“ (Erscheinungstermin 2014), sowie einen Dialog mit dem Autor über Kunst, Leben und die Schmerzen der Vereinbarkeit.
mit: Kirstin Schwab, Horst Schily, Martin Schwanda und Wilfried Steiner
durch den Abend führt: Anna Maria Krassnigg
Robert Neumann:
HOCHSTAPLERNOVELLE (1. / 2.11.)
Quasi als Satyrspiel zum großen Politdrama von Robert Neumann „Die Kinder von Wien“ zeigt der Salon5 die elegante, scharfzüngige „Hochstaplernovelle“ des glänzenden Stilisten Neumann. Martin Schwanda verkörpert lesend, skizzierend und spielerisch die zahlreichen Facetten des Hochstaplers. Anschließend Salon-Talk.
mit: Martin Schwanda und Gästen
Hermann Broch:
ZERLINE (20. / 21. / 22. / 26. / 27.11.)
Die Lust auf die Begegnung mit großen „Abwesenden“ (Autoren) führt diesmal zu Hermann Broch. An einem Doppelabend wird die legendäre Figur der Magd Zerline neu umkreist und interpretiert. Die Archetypen einer „Welt von gestern“ erscheinen als ZeitgenossInnen.
Teil I: Der verlorene Sohn, ein atmosphärisches Vorspiel
gelesen von: Martin Schwanda
szenische Einrichtung: Karl Baratta
Teil II: Die Magd Zerline – eine Produktion aus der Regieklasse des Max Reinhardt Seminars, neu inszeniert für den Salon5.
mit: Marlena Keil
Regie: Matthias Rippert
Wien, 2. 10. 2013