Markus Hering im Gespräch

September 24, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Landestheater Niederösterreich: „Hexenjagd“

Markus Hering, Lisa Weidenmüller, Katharina von Harsdorf, Johanna Wolff, Alexandra Henkel  Bild: (c) Yasmina Haddad

Markus Hering, Lisa Weidenmüller, Katharina von Harsdorf, Johanna Wolff, Alexandra Henkel
Bild: (c) Yasmina Haddad

Am 4. Oktober hat am Landestheater Niederösterreich Arthur Millers „Hexenjagd“ Premiere. Inhalt: In Salem geht die Angst vor Hexerei um. Einige Mädchen, die bei einem okkulten Ritual überrascht wurden, weisen unerklärbare Krankheitssymptome auf. Der zu Hilfe gerufene Pastor Hale soll diesem Phänomen auf den Grund gehen. Die Mädchen merken schnell, dass sie sich vor Strafe retten können, wenn sie andere beschuldigen, sie zu ihrem Handeln getrieben zu haben. Zuerst nennen sie wahllos Namen von Gemeindemitgliedern, die mit dem Teufel im Bund stehen sollen, dann setzen sie ihre Anschuldigungen gezielt ein, um sich an unliebsamen Personen zu rächen. Der Bauer John Proctor durchschaut jedoch diese Lügen und warnt davor, den Anklagen der Mädchen Glauben zu schenken. Abigail, die ein persönliches Interesse an Proctor hat, da er eine Affäre mit ihr hatte, klagt seine Frau Elizabeth wegen Hexerei an. Elizabeth wird verhaftet. Proctor versucht mit Hilfe seiner Magd Mary Warren, seine Frau zu retten und vor Gericht zu beweisen, dass Abigail und die Mädchen lügen. Doch Proctors Frau, die seine Ehre retten will, behauptet, dass es kein Verhältnis gegeben hätte. Während sie abgeführt wird, offenbart John ihr sein Geständnis. Mary bricht zusammen. Sie beschuldigt nun Proctor, mit dem Teufel im Bund zu sein und sie zum Geständnis gezwungen zu haben. Proctor wird sofort verhaftet und zum Tod verurteilt …

Arthur Millers Stück basiert auf tatsächlichen Ereignissen im Jahr 1692. Beinahe 200 Personen wurden auf die Falschaussagen der Mädchen hin verhaftet, 30 davon zum Tode verurteilt. „Mit allerbester Absicht entwickelten die Menschen von Salem eine Theokratie, eine Verbindung von staatlicher und religiöser Macht, deren Aufgabe es war, die Gemeinschaft zusammenzuhalten und jegliche Uneinigkeit zu verhindern“, so Arthur Miller. „Hexenjagd“ ist nicht nur ein Stück über religiösen Wahn, sondern wendet sich klar gegen den Missbrauch politischer Macht, gegen Massenwahn und Denunziation. So ist Millers es auch als Parabel auf die Kommunistenverfolgung der McCarthy-Ära zu verstehen. Arthur Miller, der 1949 für „Tod eines Handlungsreisenden“ den Pulitzer-Preis gewann, wurde 2003 mit dem Jerusalem-Preis für die Freiheit des Individuums in der Gesellschaft ausgezeichnet. Regie in St. Pölten führt Cilli Drexel, deren Arbeiten unter anderem am Nationaltheater Mannheim und am Schauspiel Essen für Aufmerksamkeit sorgten. Gemeinsame Arbeiten mit der Bühnenbildnerin Christina Mrosek wurden zu den Autorentheatertagen am Thalia Theater, Hamburg und am Deutschen Theater, Berlin eingeladen. Markus Hering, Ensemblemitglied des Residenztheaters in München, wird zum ersten Mal am Landestheater Niederösterreich gastieren, ebenso wie Burgschauspielerin Alexandra Henkel. Wie schon zuvor in „Mamma Medea“, wird Sven Philipp auch in diesem Jahr wieder als Gast zu sehen sein.

John-Proctor-Darsteller Markus Hering im Gespräch:

MM: In Österreich ist Arthur Millers „Hexenjagd“ Maturalesestoff. Was hat Sie gereizt, dieses Stück zu machen?

Markus Hering: Viele, auch private Aspekte: Dass ich wieder im Wiener Raum spielen kann, mehr bei meiner Familie sein kann. Dann mag ich das junge Ensemble in St. Pölten sehr, ich habe denen jetzt ein Jahr zugeschaut, alle Stücke gesehen und fand die Aufführungen ganz toll. Ich kannte die meisten von den Premierenfeiern und hatte Lust, mit denen mal zu arbeiten. Als mich die Intendantin – meine Frau Bettina Hering – gefragt hat, ob ich den John Proctor spielen möchte, habe ich natürlich Ja gesagt.

 MM: Wie wird Ihr John Proctor?

Hering: Derzeit jeden Tag anders (er lacht). Anfangs glaubt man ja, der ist ein Unangepasster, ein Held, einer, in dessen Anwesenheit der Dumme merkt, dass er dumm ist. An ihm reiben sich die Verlogenheiten auf, weil er keine Verlogenheiten zulässt. Öffentlich, da macht er sich viele Feinde, denn im privaten Bereich sieht’s bei ihm ja ganz anders aus …

MM: Nämlich?

Hering: Privat steht über allem die Affäre mit Abigail, die er ja am Leben erhält, die für ihn kein einmaliger Fehltritt war, an der seine Frau verzweifelt, an der die Ehe zerbricht, wegen der die ganze Hexengeschichte ins Rollen kommt. Und er hat sich immer noch nicht entschieden, was er eigentlich will, was natürlich Abigail umso mehr anstiftet, weil er sich nicht klar definiert.

MM: Was hat es nur mit diesem Salem auf sich, dass es so viele Autoren, bis hin zu Stephen King, inspiriert?

Hering: Es ist haarsträubend, wie aus einer Kleinigkeit eine Massenhysterie mit vielfachem tödlichem Ausgang wird. Das hat Arthur Miller ganz toll beschrieben. Sein Stück basiert auf tatsächlichen Ereignissen im Jahr 1692. Beinahe 200 Personen wurden auf die Falschaussagen der Mädchen, im Wald Zauberrituale durchgeführt zu haben, hin verhaftet, 30 davon zum Tode verurteilt. Spannend an dem Text ist, dass es nach jedem Satz die Möglichkeit gäbe, dass die Handlung ein gutes Ende nimmt. Wenn nicht jemand sich verplappert, Proctor was Falsches sagt, Abigail im taktisch richtigen Moment ihre angeblichen Hexenkräfte spielen lässt, Mary Warren als eine Art Kronzeugin über das falsche Spiel der Mädchen aussagt … Ich sehe gerne Krimis und ich lese gerne Krimis, daher macht mir das hier sehr viel Spaß. Das Stück hat so viel Potential, es emotionalisiert das Publikum. Die Ungerechtigkeit, die da passiert ist so himmelschreiend, dass eigentlich jemand aus dem Zuschauerraum rein rufen müsste: Nein, mach’ das nicht, siehst du die Falle nicht, siehst du nicht, wie blöd du bist!

MM: Obwohl man einerseits meinen könnte, Arthur Miller habe das Urkonzept aller Teenie-Grusel-Filme geschrieben, die derzeit sehr angesagt sind, ist „Hexenjagd“ tatsächlich  als Parabel auf die Kommunistenverfolgung der McCarthy-Ära zu verstehen. Gegen Massenwahn und Denunziation, gegen den Missbrauch politischer Macht. Ich sehe Sie offen gesagt nicht mit Pilgrimfathers-Hut auf der Bühne. Wie legt’s Regisseurin Cilli Drexel an?

Hering: Nicht krampfhaft modernisiert. Miller schrieb eine Parabel gegen alle diese Vorkommnisse, heute: islamistische Scharia-Prozesse oder das nahtlose Überwachungssystem der USA über seine Staatsbürger. Wir spielen nicht „historisch genau“, aber auch ohne Projektionen, Videos und dergleichen. Die Geschichte erzählt sich aus den Personen. Dem entsprechend wird auch die Bühne sein: Das Publikum wird sich auf zwei Tribünen gegenübersitzen, wir spielen dazwischen wie in einer Arena. Dadurch sollen die Zuschauer das Gefühl bekommen, am Geschehen teilzunehmen.

MM: Es geht letztlich auch um die Errichtung einer Theokratie der Puritaner. In dem Moment, in dem das Wort Hexe fällt, haben die geistlichen Herren das Sagen …

Hering: Die Trennung von Kirche und Staat ist ja auch heute in bestimmten Teilen der Welt nicht vollzogen, respektive wird dieser Tage wieder relativiert. An diesem Thema brauchen wir nicht „anzudocken“, das versteht sich, denke ich, beim Zuschauen von selbst. Da muss die Aufführung nicht zusätzlich etwas behaupten, das ist ohnedies offensichtlich. Der weltliche Richter Danforth wiederum „erschlägt“ alles mit seinem Bürokratismus, mit seiner Genauigkeit, der besteht auf den Buchstaben des Gesetzes. Das ist natürlich ein fataler Gegner für den aufbrausenden Proctor, der ein Talent hat, zum falschen Zeitpunkt das Falsche zu sagen. Warum er dann letztlich in den Tod geht, ist, glaube ich, ein Selbstmord aus Schuldgefühlen gegenüber seiner Frau, die wegen seines Fremdgehens auch als Hexe angeklagt wird. Das ist nicht wohlüberlegt, sondern ein Akt der Wut auf diese Korinthenkackerei. Allerdings findet man bei Proctor keine Anhaltspunkte wie Miller ihn gespielt haben wollte. Er hat viele Facetten und die sollte man möglichst alle zum Vorschein bringen. Auf jeden Fall ist er der Verlierer.

MM: Die Verführung der Massen, einer wahnsinnigen Idee zu folgen, kennt die Geschichte immer wieder. Warum fallen Menschen auf so etwas herein? Warum lassen sich die Menschen so leicht kanalisieren?

Hering: Das hat immer mit Ängsten zu tun. Wenn jemand es schafft, bestimmte Ängste zu schüren, dann sind manche geeignet, sich davon leiten zu lassen. Wien ist derzeit mit Wahlplakaten zu geplastert. Da sieht man genau, wer welche Parolen ausgibt, um eine bestimmte Stimmung in der Bevölkerung zu erzeugen. Ängste zu erzeugen, die die Österreicher völlig grundlos haben. Die andere Erklärung ist natürlich Gruppenzwang. Abigail hat eine Art, die anderen Mädchen zu tyrannisieren, zu unterdrücken, so dass sie ihr folgen. Die arbeitet nur mit Angst. Ein grauenhafter Cheerleader-Leader, aber die Mädchen, die sich in ihrem Dunstkreis bewegen sind wer, werden Ernst genommen, werden plötzlich gehört, wie Erwachsene. Proctor wiederum erscheint sie frei, jung, sexy, eine Erholung von den Zwängen der Familie. Für ihn ist sie eine Besenkammeraffäre wie bei Boris Becker, für Abigail die große Liebe. So etwas kann bekanntlich nicht gut gehen.

MM: Es gibt eine DDR-Verfilmung mit Yves Montand und Simone Signoret. Ist es nicht ein Treppenwitz der Geschichte, dass eine Diktatur sich ausgerechnet diesen Stoff hernimmt?

Hering: Das ist irrwitzig, aber ich glaube, die haben nicht so gedacht, die wollten damit ihren Anti-Amerikanismus unterstreichen. Wir haben im Ensemble einen Kollegen, Tobias Voigt, der kommt aus der ehemaligen DDR, der hat zu jeder Szene eine Anekdote, ein Fallbeispiel: So eine Situation kenn’ ich, bei uns war das damals so und so mit der Stasi: Nennst du uns einen Namen, kriegst du eine Rolle da und da. Genau diese Nummer: Wir sind lieb zu dir, wenn du andere an den Pranger stellst.

MM: Alexandra Henkel spielt die Elizabeth Proctor. Sie kennen einander vom Burgtheater.

Hering: Ja, das ist eine große Freude, wieder mit ihr zu spielen. Wir harmonieren auf der Bühne gut. Schön, dass sie jetzt in St. Pölten mit dabei ist!

MM: Sie sind 2011 vom Burgtheater ans Münchner Residenztheater gegangen. Der Unterschied? Das Gefühl?

Hering: Das Resi hatte in München einen schwierigen Neuanfang. Aber genau das hat mich gereizt: Mit Martin Kušej aufzutauchen, als Ensemble, als Theater, als Behauptung plötzlich mitten in der Stadt zu sein. Man merkt, dass das Geld nicht so fließt, wie beim Burgtheater, da muss schon mehr gespart werden. Aber das erhöht ja die Kreativität. Die Arbeit dort ist toll, die Kollegen, Martin … Ich sitze viel im Zug Wien-München-Wien. Und da ich auch viel in Wien bin, würde es mich durchaus freuen, wieder einmal was an der Burg zu machen. Aber da fehlt mir der Kontakt zu Herrn Hartmann. Darum freut mich das Angebot aus St. Pölten: Dass ich wieder einmal vor meiner Haustür spielen kann.

MM: Gibt’s diesbezüglich weitere Pläne?

Hering: Jetzt machen wir mal „Hexenjagd“. Meine Frau und ich wollen nicht eines dieser Paare werden, wo, wenn der eine Chef wird, der Ehegespons automatisch mit im Boot ist. Das ist unprofessionell.

 MM: Sie haben die Figur John Proctor in unserem Gespräch von vielen Seiten beleuchtet. Trotzdem geht es in „Hexenjagd“ auch darum, wie man sein Leben leben will. Oder auch nicht leben will. Haben Sie dafür eine Entscheidung getroffen?

Hering: Für mich selbst gar nicht. Ich lebe von Tag zu Tag. Und treffe Entscheidungen oft rückwirkend (er lacht). Proctor stellt sich die Frage natürlich – und macht trotz seiner Überzeugungen seine Fehler. Viele Kollegen haben ihn als Helden gespielt, ich dekonstruiere ihn gerade. Sie können also getrost schreiben: Weder Markus Hering noch die von ihm verkörperte Figur haben einen Plan. Das ist doch ein schönes Schlusswort.

www.landestheater.net

Wien, 24. 9. 2013