Albertina: Matisse und die Fauves

September 16, 2013 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Von der Schönheit wilder Farben

Henri Matisse Papageien-Tulpen, 1905 Öl auf Leinwand Albertina, Sammlung Batliner © Succession H. Matisse/VBK, Wien 2013

Henri Matisse
Papageien-Tulpen, 1905
Öl auf Leinwand
Albertina, Sammlung Batliner © Succession H. Matisse/VBK, Wien 2013

Ab 20. September zeigt die Albertina die Ausstellung „Matisse und die Fauves“. Der Fauvismus ist die erste und zugleich kürzeste Avantgardebewegung des 20. Jahrhunderts. Er dauerte kaum drei Jahre an – von 1905 bis 1907/08. Der Begriff leitet sich von der Beschreibung seiner Werke in einer Kunstkritik über den legendären Pariser Herbstsalon 1905 ab. Henri Matisse, der innerhalb der Gruppe tonangebend war, und seine Freunde André Derain, Maurice de Vlaminck und Henri Manguin wurden dort als „Fauves“ – wilde Tiere bzw. Bestien – diffamiert. Tatsächlich haben Matisse und seine Freunde aber die Vorstellung von Kunst revolutioniert. Sie befreiten damals die Malerei vom Diktat der Nachahmung der Natur. Mit willkürlich gewählten und intensiv leuchtenden Farben, skizzenhaften Pinselstrichen und unmodellierten Farbflächen hielten die Maler ihre Motive fest. Wichtige Impulse empfingen sie von Van Gogh und seinem pastosen Pinselstrich, von Cézanne und dessen unvollendeten Leinwänden und von den wissenschaftlichen Farbtheorien Paul Signacs. Bestärkt wurden sie in ihrer neuen Ästhetik durch die Skulpturen Afrikas und Ozeaniens.

Die Albertina gibt in sieben Stationen Einblick in diese beeindruckenden Jahre der beginnenden Avantgarde: Am Anfang der Ausstellung taucht der Besucher in die Vorgeschichte des Fauvismus, in die Jahre 1900–1905 ein, als Matisse, Marquet und Manguin einen Platz in der zeitgenössischen Avantgarde suchten. Es folgt eine Auswahl hochkarätiger Werke, die Matisse und Derain im Sommer 1905 im südfranzösischen Collioure malten und im darauffolgenden Oktober im Herbstsalon ausstellten. Höhepunkte dieses Abschnitts und der Ausstellung überhaupt sind das Offene Fenster von Henri Matisse, Ansichten von Collioure von Matisse und Derain und Porträts, die die beiden Künstler jeweils voneinander malten. Gleichzeitig gelangte Maurice de Vlaminck im Norden Frankreichs zu vergleichbaren Ergebnissen, wenn er in der Umgebung von Paris ursprüngliche und versteckte Landschaften malt. Mit Raoul Dufy, Emile-Othon Friesz und Georges Braque kommt in der Ausstellung auch eine jüngere Generation zu Wort, die aus Le Havre stammt und erst einige Monate nach dem legendären Herbstsalon von 1905 zu den Fauves stoßen wird. Darüber hinaus widmet die Ausstellung ein eigenes Kapitel den Zeichnungen und Aquarellen der Fauves: Anhand von 60 großformatigen Beispielen wird die herausragende Bedeutung der Papierarbeiten für den Fauvismus nachempfunden. Skizzenhaftigkeit, weißer Papiergrund, der in die Darstellung mit einbezogen wird, und heftiger Farbauftrag nehmen die Freiheiten in der Malerei auf der Leinwand vorweg.
Schließlich behandelt ein weiteres Kapitel den Einfluss afrikanischer Skulpturen auf die Fauves. Matisse, Derain und Vlaminck waren die ersten Künstler, die neben Picasso außereuropäische Artefakte sammelten. Zukunftsweisend war die Begegnung mit afrikanischer Kunst, die Derain zum Beispiel anlässlich seines Aufenthaltes in London und eines Besuchs im British Museum erfuhr. Die Ausstellung vereinigt einige rare Beispiele afrikanischer Skulpturen aus den Nachlässen von Matisse, Vlaminck und Derain. In der englischen Hauptstadt entstand darüber hinaus die wichtigste Serie an Landschaftsbildern des Fauvismus. Die Albertina zeigt acht Hauptwerke Derains, die er als
Antwort auf Monets impressionistische Deutung diffusen Lichts in London malte. Das vorletzte Kapitel wendet sich der für den Fauvismus so wichtigen Bronzeskulptur zu. Die Albertina zeigt einen wichtigen Querschnitt von Bronzen, die Matisse zwischen 1901 und 1909 schuf und mit denen er sich von der traditionellen Bildhauerei und vom impressionistischen Vorbild löste. Endlich werden noch die beiden Einzelgänger des Fauvismus, Georges Rouault und Kees van Dongen, mit eindrucksvollen Bildern präsentiert. Beide Künstler haben mit
individuellen Lösungen den Fauvismus auf sehr autonome Weise mitgeprägt. Die Ausstellung der Albertina ist mit 160 Werken von über 50 Leihgebern aus aller Welt die erste umfassende Schau in Österreich, die diese wichtige Avantgardebewegung umfassend würdigt.

www.albertina.at

Wien, 16. 9. 2013