Volkstheater: „Kleiner Mann – was nun?“

September 16, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sagt zum Abschied leise Servus

Patrick O. Beck, Hanna Binder Bild: © Christoph Sebastian

Patrick O. Beck, Hanna Binder
Bild: © Christoph Sebastian

Es ist doch alles da. Man braucht nur auf die Straße zu gehen. Wahlplakate, die sichere Pensionen versprechen, eine Zukunft, soziale Gerechtigkeit. Jetzt können sie alles sein. Frank und freiheitlich. Grün wie das Gift der Hoffnung. Dem einen rotes Tuch, dem anderen schwarzes Loch. Der Wahlsonntag rückt näher. „Kleiner Mann – was nun?“ Hans Falladas 1932 veröffentlichter Roman, am Wiener Volkstheater als Bühnenstück aufgeführt, ist von erschreckender Aktualität. Wird deine Stelle abgebaut, bist du nur „einer von Millionen“. Verdienen Firmenreorganisatoren 3000 Mark im Monat und du nur 170 – pst, Mund halten. Beim Entlassen werden ist jeder der erste. Außer die Bosse natürlich. Dann kann man rechnen und rechnen und rechnen und im Geldbörsel wird’s nie genug sein. „Es ist, als grinst uns alles an.“ Kleiner Mann – was nun? Als Kostenfaktor Mensch bist du wegrationalisiert. Oder wie der Neo-Chefredakteur einer österreichischen Tageszeitung bei einer Betriebsversammlung zu seinen Redakteuren sagte: „Ich bezahle Sie nicht fürs Älter werden“ und damit die jährlichen kollektivvertraglichen Lohnerhöhungen meinte … Grauslicher Kapitalismus.

Regisseur Georg Schmiedleitner, der den Abend am Volkstheater gestaltet hat, greift davon nur wenig auf. Falladas in vielen Details gültige Einblicke in die Zwänge und Demütigungen der Arbeitswelt bleiben irgendwo zwischen den Zeilen hängen. Die bittersüße Lovestory zwischen Pinneberg und seinem Lämmchen scheint ihm wichtiger, als die gesellschaftlichen Mechanismen darzustellen, die die einen oben und die anderen unten halten. Die Inszenierung plätschert dahin, ein stiller See der Tränen, kein Sturzbach der Emotionen. Wo das Geschehen von Getriebenen handelt, fehlt der Handlung offenbar der Treibstoff. Nur das Happy End verweigert Schmiedleitner. Es gibt keine Gartenlaube, in der Pinneberg und Lämmchen ihre Liebe wiederentdecken dürfen. Er bleibt am Ende verschwunden. Sagt zum Abschied leise Servus.

Patrick O. Beck spielt auf beinah leerer Bühne (nur ein drehbarer, durch viele Türen durchbrochener „Schlauch“ deutet Enge und Ausweglosigkeit an) zur Musik der Sofa Surfers den Herrenkonfektionsverkäufer und Buchhalter Pinneberg, der durch die allgemeine Wirtschaftskrise immer weiter abrutscht, bis er in der Arbeitslosigkeit gefangen bleibt. Einen Duckmäuser gibt Beck, unfähig Mauscheleien und Kollegenkampf zu begegnen, einen, dessen Zuversicht zunehmend Verzweiflung wird. Doch für den der Nationalsozialismus trotzdem keine Lösung ist. Beck führt beispielhaft vor, wie der Jobverlust erst das Selbstvertrauen, die Existenz, dann den ganzen Menschen zerstört. So einer kann sich nicht mehr wehren. Auch nicht gegen die schwangere Ehefrau Lämmchen, die Hanna Binder genau so nervig (das ist als Kompliment zu verstehen!) spielt, wie es sein soll. Ein blau- und glubschäugiges Weslein, hinter ihren Haushaltsutensilien sicher vor der großen, gefährlichen Welt, die nicht versteht, warum ihr „Junge“ nicht das ranschaffen kann, was sie zum Leben brauchen. Geld ist ihr nichts „wert“, also versteht sie auch den Wert des Geldes nicht. Eine gelungene Leistung der beiden – er, der die Wahrheit nicht über die Lippen bringt, sie, die sie vielleicht sowieso nicht verstehen würde. Sie, die ihr kleines Glück samt Sohn Murkel begluckt, während ihm jegliche Chance zwischen den Fingern zerrinnt.

Das Ensemble rund um dieses Zentrum ist in jeweils mehreren Rollen zu sehen. Wunderbar Claudia Sabitzer als Lämmchens Mutter, die ihren Proletarierstolz zur Schau trägt, während Mama Pinneberg (Susa Meyer) dies mit ihrem Körper tut. Längst ein Wrack betreibt sie in ihrer Wohnung immer noch ein Etablissement. Eine sichere Bank wie immer: Günter Franzmeier als eleganter Krimineller Jachmann, der die geschmeidigste Leistung des Abends abliefert. Und natürlich Thomas Kamper – unter anderem als Heilbutt. Rainer Frieb gibt den ekelhaften Kleinholz, Alexander Lhotzky den SA-Mann Lauterbach. Zu all dem laufen Schwarzweiß-Filme über das gesamte Bühnenbild, endlose Bahnstrecken Richtung Vorstadt, marschierende Menschenmassen in den Zentren. Ein Bilderbogen, der die Brutalität der Ereignisse nicht einmal illustriert. Georg Schmiedleitner ist ein warmherziger Mensch, ein großer Liebender des Theaters. Und er wird vom Publikum zurückgeliebt. In diesem Fall, dem Fall Pinnebergs, allerdings hätte es weniger Zärtlichkeit und mehr Zynismus gebraucht.

www.volkstheater.at

Der Fall Hans Fallada: www.mottingers-meinung.at/volkstheater-kleiner-mann-was-nun/

Wien, 16. 6. 2013